„Ein bißl Pfiff“ aus Rosenheim: Brigitte Bogenhauser-Thomas entwarf Dirndl für Olympia 1972

Stark und unabhängig: Brigitte Bogenhauser-Thoma wusste früh, dass sie Schneiderin werden möchte. Das Datum des Bildes ist unbekannt.

Es war der Höhepunkt ihrer Tätigkeit als Schneidermeisterin: Für die olypischen Spiele 1972 in München entwarf die Riederingerin Brigitte Bogenhauser-Thoma Dirndl. Die Modelle sind im Rahmen der Ausstellung „Made in Rosenheim“ jetzt online zu sehen.

Von Ilsabe Weinfurtner

Rosenheim – Sie war eine besondere Frau, diese Brigitte Bogenhauser-Thoma. Eine Schneidermeisterin aus Riedering, die selbstbewusst ihren Weg ging – in einer Zeit, die Frauen vor allem als Mutter und Hausfrau verherrlichte. Und die, viele Jahre später, mit der Olympiade 1972 den Höhepunkt ihrer Karriere erlebte. Was sie so erfolgreich machte, ist in der Ausstellung „Made in Rosenheim – Design und Werbung aus 100 Jahren“ zu sehen. Jetzt, während der Corona-Krise, zwar nicht in der Städtischen Galerie Rosenheim, aber in einem virtuellen Rundgang.

Erfolg abseits der großen Stadien

Bei dem Erfolg von Brigitte Bogenhauser-Thoma geht es nicht um sportliche Bestleistungen. Sondern um etwas, was sich abseits der großen Stadien und Sportstätten ereignete. Daheim in Riedering und in Rosenheim, im Geschäft am Max-Josefs-Platz 18.

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Dort führt Gertraud, die Schwester von Brigitte Bogenhauser-Thoma, seit 1954 ein Trachtenmoden-Geschäft, zu dem bald auch eine Schneiderwerkstatt und Zuschneideräume gehören, Im ehemaligen Weinkeller des Café Wendl wird verkauft, was die Firma Bogenhauser-Thoma schneidert: Dirndl für Kinder und Erwachsene, dazu Trachtenanzüge und Lodenmäntel für den Herrn. So schön und fein ist das Genähte, dass die Kundschaft der Rosenheimer Trachtenwerkstatt schnell wächst, Privatleute kaufen hier, Prominente und Trachtenvereine. Sie alle schätzen die Kreationen jenseits der Massenproduktion. Modern in Schnitt und Material, aber immer in Anlehnung an traditionelle Trachten, nie aus auf den schnellen Effekt.

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Der Laden läuft also. Doch der Anfang sei nicht leicht gewesen, sagt Traudl Bogenhauser, die Tochter von Brigitte Bogenhauser-Thoma (69): „Die Mutter und die Tante haben im Geschäft die Stoffe möglichst breit in die Regale gelegt, damit es nach was aussah.“

Historische Tracht gibt Orientierung

Eines Tages besucht eine Kundin das Geschäft und erzählt, dass für die Olympiade jemand gesucht werde, der die Dirndl für die Siegerehrungshostessen schneidert – und ob nicht die Schneidermeisterin selbst Interesse habe. Natürlich hat sie. Die Kontakte sind schnell gemacht und bald steht fest: Im Auftrag des olympischen Komitees darf Brigitte Bogenhauser-Thoma „festliche Dirndlkleider für 44 Siegerehrungshostessen“ entwerfen. Diese Entwürfe müssen sich an historischen Trachten orientieren. Elf Dirndl sollen Vorlagen aus verschiedenen bayerischen Landstrichen nachempfunden sein. Drei Dirndl an Trachten aus Schleswig-Holstein erinnern, weil in Kiel die Wettbewerbe im Wassersport stattfinden und auch die Siegerehrungen dafür.

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Um den Anforderungen gerecht zu werden, liest sie Literatur über Trachten, wertet Fotos aus und studiert Abbildungen auf alten Votivbildern. So entstehen Dirndl, die traditionell und modern zugleich sind. Tragbar dazu. Und das im wörtlichen Sinne. Denn trotz der strengen Vorgaben ist Brigitte Bogenhauser-Thoma durchaus resolut genug, Dinge zu verändern. Ihre Tochter erinnert sich, wie die Mutter das steife Mieder der Chiemgauer Tracht begutachtete und entschied: Ein solches Gwand kann eine Siegerehrungshostess unmöglich tagelang tragen. Gedacht, gemacht: Statt der Federkielstickerei wurden biegsamere Stäbe eingesetzt. Brigitte Bogenhauser-Thoma selbst sagte später über ihr „Geheimrezept“ in Sachen Olympia-Dirndl: „Als Würze ein bißl Pfiff. Ein bißl Chick, der die hübschen Damen noch hübscher erscheinen lässt.“

Schwedens König getroffen

Wie gut die Dirndl gelungen waren, davon konnte sich Tochter Traudl selbst überzeugen. Denn als herauskam, dass eine der Siegerehrungshostessen schwanger war und dies verheimlicht hatte, da fiel als Ersatz die Wahl auf sie. Für die damals 21-Jährige eine umwerfende Erfahrung. Nicht zuletzt, weil sie auf Carl XVI. Gustav, den schwedischen König, traf. Und natürlich auf Silvia Renate Sommerlath aus Heidelberg, damals ebenfalls als Hostess engagiert, die vier Jahre später Königin von Schweden wurde. Schon damals, in München, habe man gemunkelt, dass da was sei, zwischen den beiden, sagt Traudl Bogenhauser. Die Erinnerung an diese Tage und den beruflichen Erfolg ihrer Mutter ist für sie noch immer präsent.

Nie viel Aufhebens um ihre erfolgreiche Karriere gemacht

Brigitte Bogenhauser-Thoma selbst hat offensichtlich nie viel Aufhebens um ihre erfolgreiche Karriere gemacht. 1911 in Riedering geboren, hatte sie sich zu einer jungen Frau entwickelt, die vor allem handwerklich begabt war. Und sehr genau wusste, was sie wollte: Eine Lehre sollte es sein, bei Heinzinger Zenzi in Riedering, um Schneiderin zu werden. Was der Traum der Tochter war, sei für die Mutter eher ein Albtraum gewesen, erzählt Traudl Bogenhauser über ihre Großmutter Annette Thoma, geborene Schenk. Die gilt zwar heute als die Schöpferin der Deutschen Bauernmesse, war aber eher naturwissenschaftlich interessiert und verkehrte gerne in Rosenheimer Künstlerkreisen – war sie doch auch verheiratet mit dem bekannten Maler Emil Thoma.

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Doch Brigitte ging ihren Weg unbeirrt. Sie entschied sich für den Besuch der Meisterschule für Mode in München. Kein ungefährliches Unterfangen, wie sich rasch zeigte: Weil sie Vierteljüdin gewesen sei, habe die Blockwartin von Riedering in München insistiert und die Schülerin als nicht arisch denunziert. „Die hatte aber kein Glück, denn die Lehrer an der Meisterschule hatten lange bei jüdischen Stoffhändlern eingekauft und haben meine Mutter nicht hinausgeworfen“, sagt Traudl Bogenhauser. Überhaupt habe die Familie das Dritte Reich als „sehr bedrückende Zeit“ erlebt.

Doch die junge Frau ließ sich nicht einschüchtern: 1938 gründete sie in Riedering einen Lehrbetrieb für Damentrachtenschneiderei. In Rosenheim unterhielt die Schneidermeisterin in der Stollstraße ab 1948 ein Zimmer zur Präsentation und Anprobe der Dirndl für die Kundschaft aus Stadt und Land. Im selben Jahr heiratete sie den Samerberger Hans Bogenhauser und gründete mit ihm das „Trachtenheimatwerk Bogenhauser-Thoma“. 1954 folgt der Umzug an den Max-Josefs-Platz.

Die Rollen daheim seien immer klar verteilt gewesen, erinnert sich Traudl Bogenhauser. Die Mutter habe sich ums Geschäft gekümmert, der Vater, eher spielerisch zwar, um das Finanzielle. Für emotionale Zuwendungen an sie selbst und ihren Bruder sei wenig Zeit geblieben, die Mutter nicht die klassische Hausfrau und Mama gewesen. „Sie war stark und hat die Dinge durchgezogen.“ Streng sei sie gewesen, zu ihren Kindern, aber auch als Ausbilderin. Vor allem aber zu sich selbst. Vielleicht auch das ein Grund für den großen Erfolg und die Anerkennung, den sie als Schneiderin erreichte.

Keine klassische Hausfrau und Mutter

Mit dem plötzlichen Herztod von Ehemann Hans Bogenhauser begann der Niedergang am Rosenheimer Max-Josefs-Platz. Innerhalb der Familie kam es zu Streitigkeiten. Im Jahr 1998 musste das Geschäft geschlossen werden. „Es war schmerzlich zu sehen, wie alles kaputt geht“, sagt Traudl Bogenhauser. Die Mutter, einst Dirndlschneiderin für die Siegerehrungshostessen, starb im Jahr 2003 im Alter von 91 Jahren in Riedering.

Künstlerisch begabt:Traudl Bogenhauser, die Tochter, hat sich der Schauspielerei und der Schriftstellerei verschrieben. Privat

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