Interview mit Peter Aicher

Ein Baustoff für die Zukunft: Warum Rosenheim mehr auf Holzbau setzen sollte

Peter Aicher im Gespräch.
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Peter Aicher im Gespräch.
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Rosenheim – In der Stadt soll künftig mehr auf Holzbau gesetzt werden. Das jedenfalls haben die Freien Wähler/UP gefordert. Jetzt hat sich auch Peter Aicher (62), Präsident des „Landesinnungsverbandes des Bayerischen Zimmererhandwerks“ zu dem Thema eingeschaltet. Ein Interview.

Herr Aicher, warum sollte in unserer heutigen Zeit beim Bauen vermehrt auf die Verwendung von Holz gesetzt werden?

Peter Aicher: „Weil Holz für Nachhaltigkeit steht und damit für Zukunft. Die Themen Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sind schon lange mehr als ein Trendthema und gehen uns alle etwas an. Schließlich geht es darum, unseren Planeten lebenswert zu erhalten. Daher muss es selbstverständlich sein, Gebäude ressourcen- und klimaschonend zu bauen. Hier bietet sich Holz als Baustoff an.“

Warum?

Aicher: „Es ist der mengenmäßig bedeutendste nachwachsende Rohstoff. Für den Klimaschutz ist es wichtig, den Anstieg des CO2 in unserer Erdatmosphäre so schnell wie möglich und so stark wie möglich zu bremsen – sonst haben unsere Ökosysteme nicht genug Zeit, sich anzupassen, und kollabieren. Holzgebäude binden Kohlenstoff und werden so selbst zu Kohlenstoffspeichern. Pro Kubikmeter wird rund eine Tonne Kohlendioxid gebunden und das über Jahrzehnte und Jahrhunderte.“

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Welche Vorteile bringt der Holzbau mit sich?

Aicher:„Ein besonderer Vorteil des Holzbaus liegt in seiner Schnelligkeit. Große Teile fertigen wir in unseren Werkhallen vor. Dort haben wir optimale Bedingungen und können witterungsunabhängig präzise vorproduzieren. Das bedeutet Zeitersparnis und Qualität. Auf der Baustelle haben wir dann sehr kurze Montagezeiten, was wiederum Kosten spart. Was oft unterschätzt wird, meiner Meinung aber sehr wichtig ist: Kurze Bauzeiten bedeuten auch weniger Belastung für die Anwohner. Denn wir haben weniger Baustellenverkehr und auch die Lärmbelastung für die Nachbarschaft sinkt.“

Sie kommen aus dem Schwärmen ja gar nicht mehr raus.

Aicher: „Holz gilt aufgrund seines geringen Eigengewichts als Leichtbauweise. Die statischen Reserven eines Gebäudes im Bestand können wir damit sehr viel besser ausnutzen. Das macht Holz für Erweiterungen, Umnutzungen, Aufstockungen oder die Schließung von Baulücken zum idealen Baustoff. Hinzu kommt, dass Holzkonstruktionen weniger Fläche benötigen. Denn aufgrund seiner wärmedämmtechnischen Eigenschaften können die Bauteile schlanker ausfallen. Für mich persönlich ist aber ganz einfach das Raumklima und auch die ästhetische Qualität von Holz entscheidend. Ich selber wohne in einem Holzhaus und für mich bringt Holz ein Stück Natur ins Haus. Ich fühle mich automatisch wohl und entspannt.“

Die Stadt Rosenheim argumentiert, dass Holzbau gegenüber konventioneller Massivbauweise in der Regel Mehrkosten in Höhe von 15 Prozent verursacht.

Aicher: „Der direkte Kostenvergleich hinkt. Die Frage ist vielmehr, welche Kriterien einem Vergleich mit anderen Bauweisen zugrunde gelegt werden. Ein direkter Vergleich der Baukosten ist schwierig, schließlich muss für eine objektive Betrachtung auch immer berücksichtigt werden, was zu den Baukosten dazugehört. Bei anderen Bauweisen werden häufig die reinen Rohbaukosten genannt. Der Holzhausbau beinhaltet – je nach Vorfertigungsgrad – noch viele weitere Kosten der Nachfolgegewerke, die bauartbedingt bereits in den Holzbauteilen integriert sind. Auch ist immer zu klären, ob der energetische Standard vergleichbar ist. Das verkürzt die Bauzeit enorm. Hinzu kommt, dass wir die Bauabläufe sehr viel exakter planen können. Und das wirkt sich wiederum auf die Baukosten aus.“

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Also kann man nichts über die Kosten sagen?

Aicher: „Statistisch kann man über die Gesamtheit aller genehmigten Eigenheime in Deutschland versuchen, ein durchschnittliches Fazit zu ziehen. Schaut man sich die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Bautätigkeit an, stellt man fest, dass die veranschlagten Kosten pro genehmigtem Eigenheim in Holzbauweise ziemlich genau dem Durchschnitt der anderen Bauweisen entsprechen. Tatsächlich lagen die Kosten für den Bau mehrgeschossiger Holzhäuser lange Zeit höher als für den mehrgeschossigen Bau mit anderen Baustoffen. Das hat sich aber sowohl dank des technischen Fortschritts im Holzbau als auch durch Anpassung der Vorschriften mittlerweile geändert. Dies belegt eindrucksvoll ein Projekt in Vorarlberg bei dem, unter anderem zu Forschungszwecken, zwei fast identische Wohnhäuser gebaut wurden. Das eine in einer Ausführung aus Holz und das andere in Massivbauart.“

Ein Holzbau in der Stadt: Die Mensa des Rosenheimer Ignaz-Günther-Gymnasiums besteht zum Großteil aus Holz.

Oft wird die hohe Wärmeentwicklung in Gebäude in den Sommermonaten als ein großer Nachteil beim Bauen mit Holz gewertet. Braucht es also immer eine Lüftungsanlage, wenn mit Holz gebaut wird?

Aicher: „Dieses Argument ist für mich nicht nachvollziehbar. Denn unabhängig von der Bauweise muss der sommerliche Wärmeschutz eingehalten werden. Eine Lüftungsanlage zur Einhaltung des sommerlichen Wärmeschutzes wird nicht benötigt. Bei modernen Gebäuden kann sie aber durchaus sinnvoll sein. Denn, um die Energieeinsparverordnung einhalten zu können, ist bei modernen energieeffizienten Gebäuden die Luftdichtheit der Gebäudehülle so hoch, dass aus hygienischen Gründen der Luftwechsel gewährleistet werden muss. Dies kann ich ganz einfach über regelmäßiges Öffnen der Fenster erreichen oder eben über eine technisch kontrollierte Be- und Entlüftung mit einer Lüftungsanlage. Auch dies hat mit der Bauweise erst mal gar nichts zu tun.“

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Rosenheim trägt den Namen „Holzstadt“, allerdings wird oft kritisiert, dass zu wenig mit Holz gebaut wird. Was sagen Sie dazu?

Aicher: „Rosenheim wirbt ja gerne damit, dass es die Holzkompetenz-Stadt ist. Und tatsächlich haben wir mit der Hochschule Rosenheim eine sehr angesehene Forschungs- und Lehreinrichtung. Zudem war und ist Rosenheim immer schon eng mit der Holzwirtschaft verbunden. Warum sollte das nicht auch noch mehr in der Stadtentwicklung zum Ausdruck gebracht werden? Bei so viel Holzbaukompetenz vor Ort finde ich schon, dass die Stadt Rosenheim den Holzbau noch mehr zu ihrem Anliegen machen müsste.“

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Gibt es „Paradestädte des Holzbaus“?

Aicher: „Von Paradestädten würde ich nicht sprechen. Es gibt aber immer mehr Städte, in denen der Holzbau für die Stadtentwicklung an Bedeutung zunimmt. Wir haben beispielsweise in München ein tolles Beispiel. Da ist im Prinz-Eugen-Park in Bogenhausen Deutschlands größte Holzbausiedlung entstanden. Jetzt hat der Stadtrat weitere Projekte in Holzbauweise beschlossen. Und es gibt auch in anderen Städten noch viele weitere gute Beispiele wie in Hamburg, Heilbronn oder Berlin.“

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