Dank Corona teilt ein ganz besonderer Rosenheimer Koch jetzt seine besten Rezepte mit uns

Tobias Mayer in seinem Element.
  • Anna Heise
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Spätzle mit frischem Bärlauch, Radi-Rote-Beete-Salat oder eine cremige Erdbeertorte: Tobias Mayer aus Rosenheim hat die Corona-Krise genutzt, um ein Kochmagazin zu entwerfen. Der 36-Jährige hat sich damit einen Kindheitstraum erfüllt.

Rosenheim – Gekocht hat Tobias Mayer schon immer gern. Es gibt Fotos, die ihn als Zweijährigen zeigen. In der einen Hand einen Schneebesen, in der anderen eine große schwarze Schüssel. Vor ihm zahlreiche Teigkrümel. „Beim Kochen ist er richtig aufgeblüht“,sagt seine Mutter Christine, die Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragte der Stadt Rosenheim. Sie hat zahlreiche solcher Fotos auf ihrem Handy, wischt von einem zum Nächsten. Hält immer wieder inne, lächelt. Sie erinnert sich gern an diese Zeit zurück, gibt aber auch offen zu, dass es nicht immer einfach war. Denn Tobias Mayer ist mit einer geistigen Behinderung auf die Welt gekommen. Christine Mayer mag diesen Ausdruck nicht, sie versucht, andere Wörter zu finden. „Er braucht Unterstützung“, sagt sie dann nur. Anfangs mehr, mittlerweile immer weniger.

Seit neun Jahren im Café „Arche“ angestellt

Seit 14 Jahren wohnt Tobias Mayer alleine, seit neun Jahren arbeitet er als Koch im Café „Die Arche“ in Rosenheim. „Tobias ist wahnsinnig sympathisch und kommt bei den Gästen sehr gut an“, sagt der Leiter Stefan Petzold. Für ihn habe die geistige Behinderung bei der Einstellung keine Rolle gespielt. „Es ist wichtig, neue Wege zu gehen, zurückfahren kann man immer noch“, sagt Petzold.

Frühe Leidenschaft: Schon als zweijähriger Bub entdeckte Tobias Mayer seine Liebe zum Kochen. privat

Auf der Suche nach einer neuen Aufgabe

Neue Wege gegangen ist auch Tobias Mayer. Weil das Café „Arche“ aufgrund der Corona-Krise mehrere Monate geschlossen bleiben musste, suchte der 36-Jährige nach einer neuen Aufgabe. Und die sei, laut Mutter Christine, schnell gefunden gewesen. „Er hat für uns gekocht“, sagt sie.

103 Bilder auf seinem Instagram-Account

Jeden Tag hat er ein anderes Gericht gezaubert. Er hat Rezepte nachgekocht, eigene Kreationen entworfen. An einem Tag gibt es Ente, am nächsten Kartoffelrösti mit gedünstetem Gemüse, am Wochenende einen Schokokuchen. Von jedem Gericht macht Tobias Mayer ein Foto. Er richtet es auf den Tellern her, verziert es mit Gewürzen und drückt ab. Das beste Bild postet er auf seinem Instagram-Account.

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Erst Kochbuch, dann Magazin

103 Bilder hat er mittlerweile veröffentlicht. Einige zeigen ihn bei seiner Arbeit im Café, auf den Meisten sind seine Gerichte zu sehen. „Irgendwann hatte ich dann die Idee ein Kochbuch zu entwerfen“, sagt er. Weil ein Kochbuch eine „Menge Arbeit“ ist, wie Christine Mayer sagt, einigen sie sich vorerst auf ein Kochmagazin. „Wir wollten klein anfangen, aber mit einem professionellen Anspruch“, sagt Christine Mayer. Die beiden arbeiteten Seite an Seite. Tobias kümmert sich um das Kochen und das Fotografieren. Seine Mutter sammelt die Gerichte und macht sich Gedanken über ein mögliches Layout.

Ein eingespieltes Team: Tobias Mayer (links) und der Leiter des Cafés „Arche“ Stefan Petzold.

Einfach gut, einfach gekocht, einfach für Freunde

Innerhalb kürzester Zeit stellen sie so ein Kochmagazin zusammen. Unter dem Motto „Einfach gut, einfach gekocht, einfach für Freunde“ entsteht die erste Ausgabe. Gedruckt wurden vorerst 250 Stück, das Magazin gibt es kostenlos im Café „Arche“.

Vier Seiten, vier Gerichte

Auf vier Seiten könnten Interessierte unter anderem Puten-Geschnetzeltes oder eine Champignon-Sauce nachkochen. Das Magazin zeigt Bilder der jeweiligen Gerichte, aber auch Bilder von Tobias Mayer. Da ist er beispielsweise beim Pflücken von Bärlauch. Stolz strahlt er in die Kamera, zeigt auf die volle Schüssel. Auf einem anderen Bild sitzt er vor einem Hochbeet mit Salatköpfen, hat den Daumen in die Höhe gestreckt.

Bei der Arbeit: Vorsichtig gießt Tobias Mayer die flüssige Schokolade auf den Tortenboden.

Erdbeerkuchen gibt es im Café „Arche“

Ganz hinten ist das Rezept für seinen „berühmten Erdbeerkuchen“, der mittlerweile auch im Café „Arche“ serviert wird. „Ich liebe es, zu experimentieren, dieser Erdbeerkuchen ist ein solches Experiment“, sagt er. Er hat mit Quark und Schlagsahne gearbeitet, dazu Erdbeermarmelade und Orangenlikör verwendet.

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Auf Instagram macht der 36-Jährige Werbung für sein Magazin. Bis jetzt sei die Resonanz durchweg positiv gewesen. „Das Produkt spricht für sich. Alle Gerichte sehen total lecker aus“, sagt der Geschäftsleiter der Sozialen Dienste, Klaus Voss. Auch er kennt Tobias Mayer, hat seine harte Arbeit genau verfolgt und ist vom Ergebnis begeistert.

Lob von Mutter Christine

Das Lob freut Tobias Mayer. Schon jetzt hat er Ideen für eine zweite Ausgabe. Und auch Mutter Christine wäre dann wieder an Bord. Im Moment aber freut sie sich über den Erfolg ihres Sohnes: „Ich bin unglaublich stolz, dass er das alles zu hinbekommen hat.“

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