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Entwicklung und Lehren aus der Pandemie

Dr. Stephan Budweiser über Lektionen der Corona-Pandemie: „Ein langer Lernprozess“

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Entzündungshemmer werden früher verabreicht, eine Beatmung erfolgt später: Während der Corona-Pandemie lernte auch die Medizin gewaltig dazu.
  • Michael Weiser
    vonMichael Weiser
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Auch nach dem Studium lernen Mediziner immer weiter dazu. Besonders in Zeiten der Pandemie. Über das Tempo der Entwicklungen und schmerzliche Lektionen sprachen die OVB-Heimatzeitungen mit Professor Dr. Stephan Budweiser, Chefarzt der Pneumologie am Romed-Klinikum in Rosenheim.

Rosenheim - Ins Ärzteblatt kommt man nicht eben mal so. Sie haben es mit einer Studie über die Unterschiede der ersten und zweiten Wellen der Corona-Pandemie geschafft. Was waren besonders wichtige Lektionen?

Wir waren während der ersten Corona-Welle überproportional schwer getroffen, eine „Hotspotregion“, wie es in den Medien hieß, mit einem Peak im April 2020. Im Mai und Juni ging die Kurve schnell nach unten. Wir wussten insgesamt noch nicht so viel, das war eine Erkrankung, die wir erst kennenlernen mussten.

Dr. Stephan Budweiser

15 Monate später ist da einiges an Erkenntnissen gereift. Wir haben „Werkzeuge“, mit denen wir Patienten noch besser versorgen können. Etwa medikamentöse Verfahren, beispielsweise mit Kortison. Und wir haben Patienten auf der Intensivstation nicht so schnell einer Beatmung zugeführt. Ein beatmeter Patient, dem ein Schlauch eingeführt wurde, hat oft eine schlechte Prognose. Deswegen versuchen wir das jetzt möglichst zu vermeiden.

Etwas weglassen: Das hört sich nach einem einfachen Schritt an.

Als wir die ersten Diskussionen führten, ob man Patienten mit einer Hochdurchfluss-Sauerstoff-Maske versorgt oder nicht, also stark mit Sauerstoff angereicherte Luft in der so genannten Nasal-High-Flow-Therapie zuführt, erinnerten sich einige Kollegen an die Schweinegrippe und wandten ein, dass sich durch den Luftstrom über die Bügel in der Nase des Patienten Viren im Raum verstreuten könnten. Hinter solchen Entscheidungen – es dennoch zu tun – standen schwerwiegende klinische Abwägungen.

Wann kam man darauf, Entzündungshemmer einzusetzen?

In den ersten Wochen war Kortison sogar verpönt. Man wusste von der Influenza, die auf den ersten Blick eine ähnliche Erkrankung ist, dass man kein Kortison einsetzen soll, weil sich dadurch das Virus schneller vermehrt. Deswegen hat man es bei der Grippe nicht eingesetzt.

Bei Corona dagegen kam die Kehrtwende, es wird jetzt – bei sauerstoffpflichtigen Patienten – nahezu routinemäßig eingesetzt. Daran sieht man übrigens schon, wie unterschiedlich Influenza und Covid-19 sind. Was blutverdünnende Mittel angeht – da ist das Kapitel noch nicht zu Ende geschrieben. Gerade was die Zeit nach der Entlassung betrifft, sind wir hier noch unsicher.

Die Zeit der Pandemie hört sich nach einer mühseligen Zeit des Lernens an.

Absolut, das ist ein Lernprozess. Wir haben viel gelernt, wir haben Erkenntnisse gesammelt, wir haben auch ein Gefühl für diese Patienten entwickelt. Der Lernprozess gibt einerseits Motivation und macht uns stolz, andererseits macht er mich auch traurig, weil ich weiß, dass wir mit den Erkenntnissen, die wir jetzt haben, den ersten Patienten noch besser hätten helfen können. Aber das gilt nicht nur für uns, sondern weltweit. Wir alle haben damals vielleicht Patenten verloren, die wir heute womöglich retten könnten.

Wenn man nur noch schneller lernen könnte...

Wie die Krise herkömmliche Prozesse, in denen Erkenntnisse in der Medizin reifen, in Teilen auf den Kopf gestellt hat, ist schon beeindruckend. Normalerweise geschieht das hochakademisch, in Studien. Da macht man in aufwendigen Prozessen kleine Erkenntnisschritte. Die werden dann publiziert, und dann dauert es nochmals Jahre, bis sie in der Fläche ankommen.

Diese Jahre aber lässt einem die Pandemie nicht.

In der Krise haben wir erlebt, dass sich dieses Muster umdrehen kann. Es war nicht mehr entscheidend, ob man eine Uni-Klinik ist oder nicht, es war schlicht die Frage, unter welchem Druck man steht. Wir hatten unsere Erkenntnisse nicht nur aus Rosenheim, sondern auch aus Bad Aibling und aus Wasserburg.

Es war im klinischen Alltag ein großer Aufwand, diese Daten zu sammeln. Diese Kombination aus extrem vielen Patienten, hohem Druck und der Bereitschaft, in eine wissenschaftliche Infrastruktur zu investieren, hat dazu geführt, dass wir als regionale Versorgerkliniken einen, wie ich meine, wichtigen Erkenntnisbeitrag liefern können. Das macht uns stolz.

Was haben Sie über Corona-Langzeitfolgen gelernt?

Das ist eine Frage, die uns sehr beschäftigt. Viele Patienten aus der ersten Welle haben wir wieder eingeladen, im Sinne einer Studie. Und etliche haben sich wieder bei uns vorgestellt, so dass wir sie untersuchen konnten. Körperlich gesehen, sind diese Menschen eigentlich meistens oft nicht so krank.

Nur wenige haben beispielsweise Einschränkungen der Lungenfunktion, auch die Sauerstoffsättigung und das alles ist meistens normal. Aber tatsächlich fühlen sich diese Patienten krank und schwach, viele sprechen von Leistungsminderung. Aber wir können das nicht immer objektivieren. In dieser Dauer haben wir das im Vergleich zu anderen schweren Lungenentzündungen noch nicht erlebt.

Befällt Corona die Seele?

Es gibt einige Studien über erhöhte Gefahr von Depression und von Angststörungen. Da wird es richtig kompliziert. Wenn sich die Symptome der Krankheit mit psychosozialen Effekten vermischen, etwa mit Problemen in der Familie oder der Angst vor dem Weiterleben als Ex-Covid-Patient, dann wird es schwierig, das medizinisch noch akkurat zu unterscheiden. Was ist Infektionsfolge, was ist sozial, was eine Kombination aus beidem? Das kann dauern. Patienten, die wegen Krebs behandelt und geheilt wurden, haben mit solchen Spätfolgen oft jahrelang zu tun, Was mich beunruhigt: Wir haben viele Lungenpatienten in der Ambulanz, die gar nicht in der Klinik gewesen waren, die aber über dieselben Symptome klagen und Beschwerden auf Monate hinaus haben.

Was werden Sie womöglich aus der dritten Welle lernen können?

Wir haben in der zweiten Welle vieles richtig gemacht, es ist wichtig, diesen Weg erst einmal so weiterzugehen. Wir haben zum Großteil mit der britischen Variante zu tun und haben den Eindruck, dass dieser Virustyp möglicherweise zu einem etwas schlimmeren Verlauf führt, auch bei jüngeren Patienten. Zum Glück konnten wir aber bisher nicht feststellen, dass die Sterblichkeit ansteigt.

Macht Ihnen die brasilianische Variante Sorgen?

Insgesamt hat man immer die Sorge, dass neue Mutationen auftauchen können, die virulenter sind oder die durch die Impfungen nicht mehr erreicht werden können. Ich glaube, Corona wird uns die nächsten Monate und Jahre begleiten. Vielleicht nicht mehr so intensiv, aber es wird da sein, auch immer wieder mit neuen Mutationen, auf die die Wissenschaft antworten wird, indem sie die Impfstoffe anpasst.

Ganz am Anfang, als eine Laufbahn im Gesundheitswesen noch in der Zukunft lag: Hätten Sie damit gerechnet, dass ein Virus die moderne Gesellschaft so kalt erwischen kann?

Absolut nein. Ich erinnere mich noch an die ersten Worte unserer Experten im Februar und März 2020, dass es wenig wahrscheinlich sei, dass uns diese Welle überrollen könne. Selbst im Februar hofften wir, dass es uns nicht trifft. Die Welle, die dann über uns kam, hätten wir so nicht erwartet. Man kann das vielleicht am besten mit einem Tsunami vergleichen. 

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