Ausbildung

Corona macht den Wechsel von der Schule ins Berufsleben für Jugendliche aus der Region schwer

Emirhan Caner (rechts) hat als einer von wenigen einen Praktikumsplatz bekommen. Gerade erklärt ihm der techniche Leiter der Firma Bensegger, Jörg Zepke, was ihn in im Berufsleben an Aufgaben erwartet.Seeberg
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Emirhan Caner (rechts) hat als einer von wenigen einen Praktikumsplatz bekommen. Gerade erklärt ihm der techniche Leiter der Firma Bensegger, Jörg Zepke, was ihn in im Berufsleben an Aufgaben erwartet.

Die Corona-Beschränkungen wirken sich auch auf jene Jugendlichen aus, die aus der Schule in den Beruf starten wollen: Einen Praktikumsplatz zu finden ist derzeit besonders schwierig. Einige Initiativen machen auf dieses Problem aufmerksam und wollen vor allem bestmöglich Abhilfe schaffen.

Rosenheim – Johann Mitterer, Geschäftsführer der Rosenheimer Einrichtung „Junge Arbeit“, schlägt aufgebracht auf den Tisch: „Das sieht ja gar keiner!“ Zusammen mit seinem Team aus drei Projektleiterinnen und ehrenamtlichen Paten unterstützt er mit dem Vorhaben „Jugend in Arbeit“ Mittelschüler aller Jahrgänge. Sie wollen in diesen Tagen Aufmerksamkeit auf die schwierige Situation jener Jugendlichen lenken, die sich während der Corona-Pandemie beruflich orientieren.

Nicht für die „Superstars“

Mit seinem Appell gehe es dem Paten-Projekt „nicht um die ‚Superstars‘, denen eine gute Onlinebewerbung einfach von der Hand geht“, schildert Mitterer, sondern um jene, die über den persönlichen Kontakt eine Lehrstelle finden sollen. Unter der Kontaktbeschränkung litten auch und vielleicht vor allem diese jungen Menschen.

Unter den Jugendlichen herrscht Zukunftsangst

„Meine Jugendlichen haben Zukunftsängste“, sagt die langjährige Patin und Koordinatorin der Patengruppe Raubling, Cristina Guckes-Lexa. Unter anderem beobachtet sie, dass sich die Suche nach Praktikumsplätzen schwierig gestaltet. Nicht nur die Einschränkung des Angebots an Praktika vonseiten der Unternehmen erschwere die Situation für die Schüler. Auch die Schulen achteten darauf, die Kontakte zu reduzieren.

Keine Förderung von Betriebspraktika

Mit der Folge: Betriebspraktika werden seit der zweiten Corona-Phase nicht länger gefördert. Schulrat Markus Kinzelmann hegt die Hoffnung, dass diese mit der baldigen Öffnung der Schulen wieder möglich sind. Denn die Berufsorientierung sei ein wesentlicher Bestandteil in den Vorabgangs- und Abgangsklassen an den Mittelschulen. Er betont, dass alle Schüler, egal welcher Schulart, Einschränkungen durch die Pandemie ertragen müssten.

Betriebe bleiben „grundsätzlich ausbildungsbereit“

Trotz angespannter Wirtschaftslage seien die Rosenheimer Betriebe grundsätzlich ausbildungsbereit, sagt Andreas Bensegger, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Rosenheim. Denn: „Die Wirtschaft braucht Fachkräfte.“ Eine Statistik der Agentur für Arbeit bestätigt, dass die Betriebe im Raum Rosenheim auch während der Pandemie in Sachen Nachwuchs die Stellung halten. Mit 1624 für den Ausbildungsbeginn im Herbst 2020 angebotenen Stellen gab es im Landkreis elf mehr als im Vorjahr. Bensegger hält fest: Ausbildungsplätze seien da, aber die Anzahl an Bewerbern habe sich deutlich reduziert. „Jugendliche werden nicht wirklich motiviert, sich beruflich zu orientieren“, lautet sein Fazit. Diese Situation ergebe sich eingeschränkten Zusammenarbeit der Akteure Schule, Jugendliche und Betrieb.

Größerer Aufwand für Unternehmen

Das Unternehmen „Mey Maschinenbau“ aus Prien bestätigt: Berufsinformationsmöglichkeiten für Jugendliche könnten nur begrenzt angeboten werden. Wo der Betrieb vor der Pandemie Lehrlinge vor allem durch ein Praktikum oder Info-Tage an den Schulen für sich habe gewinnen können, brauche es dieser Tage einen umfangreichen Schnuppertag nebst Bewerbungsgespräch, berichtet der Ausbildungsleiter Hans Scheck.

Verstärktes Sicherheitsbedürfnis

Entgegen der allgemeinen Einschätzung der Bewerbungslage im Raum Rosenheim des IHK-Vertreters Bensegger konnte „Mey Maschinenbau“ seinen Fachkräftenachwuchs auch für den Ausbildungsbeginn in diesem Jahr sichern. Abteilungsleiter Scheck hat den Eindruck, dass Jugendliche durch die Pandemie ein verstärktes Sicherheitsbedürfnis hätten. Damit entschieden sie sich eher, direkt mit einer Ausbildung zu beginnen, als an eine weiterführende Schule zu wechseln.

Auf neue Situation eingestellt

Die Schulen sowie die Agentur für Arbeit seien bemüht, die fehlende Praxis durch Berufsorientierungsangebote über Onlineformate oder Telefongespräche zu ersetzen. Ebenso hat sich das Betreuungsnetzwerk an den Mittelschulen  auf die neue Situation eingestellt: Das digitale Angebot könne den persönlichen Kontakt aber nicht ersetzen, sind sich die Leiter des Paten-Projekts „Jugend in Arbeit“ einig. Auch Schulrat Kinzelmann findet die Eins-zu-eins-Betreuung, die Johann Mitterer und seine Kollegen anbieten, gerade in dieser bedrückenden Zeit „unheimlich wichtig“.

Projekt setzt auf persönliche Netzwerke

Um vor Ort die Jugendlichen bei der Berufswahl zu unterstützen, setzt das Paten-Projekt unter anderem auf persönliche Netzwerke: Für die Zeit nach dem Lockdown planen die Leiter des Vorhabens Treffen, an denen Vertreter der jeweiligen Kommunen, der Schulen und Betriebe vor Ort, die lokalen Paten sowie Berufsberater teilnehmen sollen.

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