Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


„Es ist ein Herzensprojekt“

Den Depressionen davonklettern: Neue Bouldertherapie im Stuntwerk in Rosenheim

Ein Griff, der sitzt: Larissa Kranisch (links) von der Selbsthilfegruppe „Bouldern gegen Depressionen“ zeigt einer Teilnehmerin, auf welchen Griff sie ihren Fuß setzen soll.
+
Ein Griff, der sitzt: Larissa Kranisch (links) von der Selbsthilfegruppe „Bouldern gegen Depressionen“ zeigt einer Teilnehmerin, auf welchen Griff sie ihren Fuß setzen soll.
  • Anna Heise
    VonAnna Heise
    schließen

Bouldern ist nicht nur eine angesagte Sportart, sie wirkt auch gegen Depressionen. Das haben Wissenschaftler der Universität Erlangen bewiesen. Zwei Frauen haben vor drei Jahren eine Aktionsgruppe an der Kletterwand gegründet – die es jetzt auch in Rosenheim gibt.

Rosenheim – Es gab eine Zeit, da ist es Julia (31) schwergefallen, von der Couch aufzustehen. „Ich habe es an manchen Tagen gerade so geschafft, mir etwas zu Essen zu machen“, erinnert sich die junge Frau. Sie spricht von einer „totalen Erschöpfung“ und einem „Muskelkater im gesamten Körper“. Sie habe viel geweint, sich selbst unter Druck gesetzt. Von ihrem Arzt erhält sie die Diagnose Burn-Out. Sie hört auf zu arbeiten und sucht sich einen Therapieplatz.

Arbeiten seit drei Jahren zusammen: Larissa Kranisch (links) und Sabrina Höflinger.

Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen

Über Bekannte erfährt sie von der Aktionsgruppe „Bouldern gegen Depressionen“. „Am Anfang war es ein komisches Gefühl dort hinzugehen, obwohl ich ja wusste, dass alle Teilnehmer ganz ähnliche Probleme haben wie ich“, sagt Julia.

Ihre erste Stunde beginnt mit Entspannung- und Achtsamkeitsübungen.

Lesen Sie auch: Trauer um einen geliebten Menschen bewältigen: So hilft „Lacrima“ in Rosenheim Kindern

Die Teilnehmer reden über Themen wie Angst, Stolz und soziale Beziehungen. Dann geht es an die vier Meter hohe Boulderwand. „Ich bin gleich ohne Probleme hochgekommen, habe mich zum ersten Mal wieder selbst gespürt und einen Erfolgsmoment gehabt“, sagt Julia. Für zwei Stunden dreht sich alles um die bunten Griffe vor ihr an der Wand. „Es ist sehr entspannend, auch wenn es anstrengend ist“, sagt sie.

Studie im Uniklinikum Erlangen betreut

Es sind Aussagen, die Sabrina Höflinger und Larissa Kranisch schon des Öfteren gehört haben. Die beiden Frauen haben die Aktionsgruppe 2019 ins Leben gerufen. „Es ist ein Herzensprojekt“, sagt Höflinger. Die 30-jährige Sportpsychologin hat die Studie „Klettern und Stimmung“ des Uniklinikums Erlangen am Standort Weyarn betreut und sich dort intensiv mit therapeutischem Klettern bei Depressionen beschäftigt.

Genauso wirksam wie kognitive Verhaltenstherapie

In der Studie konnten Höflinger und ihr Team erstmals belegen, dass Bouldern depressive Symptome lindert und genauso wirksam ist, wie die kognitive Verhaltenstherapie. Mit diesem Wissen im Gepäck entschied sich Sabrina Höflinger dazu, eine Aktionsgruppe ins Leben zu rufen, gemeinsam mit Larissa Kranisch.

Lesen Sie auch: Long-Covid und Lockdown in einem Fall der Auslöser? Wasserburgerin verliert zwei Angehörige durch Suizid

Die gebürtige Rheinländerin ist seit fünf Jahren eng mit dem Klettersport verbunden und macht aktuell eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. „Wir haben die Studie als Basis genommen und unsere eigenen Ideen einfließen lassen“, erinnert sich Höflinger.

„Der Bedarf ist auf jeden Fall da“

Ihre erste Gruppe fand in Weyarn statt. Es folgen Angebote in München und Rosenheim. „Wir haben gemerkt, dass der Bedarf auf jeden Fall da ist“, sagt Höflinger. Diese Situation habe sich seit Beginn der Corona-Pandemie nur noch verstärkt, denn Therapieplätze sind aufgrund der steigenden Anzahl von Betroffenen mittlerweile Mangelware.

Jede Stunde beginnt mit Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen.

Angebot unter die Leute bringen

Umso wichtiger ist es den beiden Frauen, ihr Angebot noch mehr unter die Leute zu bringen. „Bouldern wirkt wie ein Spiegel“, sagt Sabrina Höflinger. So könne sie relativ schnell einschätzen, wie die Teilnehmer ticken. Ist jemand eher ein introvertierter Typ und verkauft sich unter Wert, würde sich das auch an der Wand zeigen.

Lesen Sie auch: Bad Aiblingerin hat ihren Mann durch Suizid verloren: „Wir sollten viel offener darüber reden“

„Beim Bouldern zeigen sich Verhaltens- und Gedankenmuster, die im Alltag entweder gar nicht oder nur unterschwellig auftauchen“, sagt die Sportpsychologin. Teilnehmen könne jeder – unabhängig von Alter, Fitness und Gewichtsklasse. „Wir haben auch einige Teilnehmer, die die vergangenen fünf Jahre nur auf der Couch verbracht haben“, sagt Höflinger.

Teilnehmer müssen selber zahlen

Damit gerechnet, dass das Angebot so gut angenommen wird, hat weder sie noch ihre Kollegin Larissa Kranisch. Und doch gibt es einen Wermutstropfen. Denn die Krankenkassen kommen für die Bouldertherapie im Moment noch nicht auf.

Lesen Sie auch: Depression trifft jeden Fünften: Chiemseer Bündnis gegen eine Volkskrankheit

„Die Teilnehmer müssen alles selber bezahlen“, sagt Höflinger. Für acht Einheiten à zwei Stunden fallen so schnell einmal 290 Euro an. Geld, das in den Augen von Teilnehmerin Julia mehr als gut investiert ist. Und trotzdem sagt sie: „Ich würde mir wünschen, dass sich das in Zukunft ändert.“

Von der Kletterwand zurück ins Leben

Mittlerweile geht es der 31-Jährigen wieder besser. Sie möchte demnächst anfangen, zu arbeiten, fühlt sich belastbar. Nur auf die regelmäßigen Boulderstunden will sie im Moment noch nicht verzichten. Denn die vier Meter hohe Kletterwand hat sie von der Couch zurück ins Leben geholt.

Mehr zum Thema

Kommentare