"Das ist Katastrophenbewältigung"

Deutsch lernen, eine Ausbildung beginnen, sicher leben: Minderjährige Flüchtlinge wünschen sich vor allem ein normales bürgerliches Leben. Foto : dpa
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Deutsch lernen, eine Ausbildung beginnen, sicher leben: Minderjährige Flüchtlinge wünschen sich vor allem ein normales bürgerliches Leben. Foto : dpa

Das G7-Gipfelwochenende wird Gerd Rose, Leiter des städtischen Jugendamtes, sein Leben lang im Gedächtnis bleiben - nicht, weil die Welt auf das Stelldichein der Mächtigen in Oberbayern schaute, sondern weil an diesem Wochenende das Jugendamt die bisher größte Aufnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge bewältigen musste. Innerhalb weniger Stunden hieß es, für 50 Jugendliche ein Dach über dem Kopf zu finden und sie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Nach wie vor sind jedes Wochenende 30 bis 35 minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen, 503 waren es allein im Juli.

Rosenheim - Wie kann eine Behörde diese zusätzliche Aufgabe stemmen? "Nur mit hoch motivierten Mitarbeitern, freien Trägern als engagierten Partnern und starken Hilfsorganisationen sowie einem guten Netz ehrenamtlicher Helfer", lautet die Antwort von Rose. Äußerlich ruhig und gelassen sitzt der 63-Jährige in seinem Büro im Rathaus, doch der Satz, unter dem er die Arbeit seines Teams auf den Punkt bringt, charakterisiert treffend, was hier - unbeachtet von der Öffentlichkeit - im Stillen geleistet wird: "Das ist Katastrophenbewältigung."

Auf den breiten Schultern von Rose und seiner Mannschaft lastet die humanitäre Katastrophe einer verlorenen Generation aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Denn die Hauptrouten der Schleuserorganisationen führen vom Balkan aus über Salzburg und von Italien über den Brenner Richtung Deutschland. Sie enden in Rosenheim am Hauptbahnhof, wo die Massenaufgriffe der Bundespolizei stattfinden.

Endstation Rosenheim, das heißt auch: Zuständig ist das Rosenheimer Jugendamt. Denn das Jugendhilferecht sagt aus, dass Minderjährige, die ohne ihre Eltern in der Stadt zurechtkommen müssen, Anspruch auf Schutz haben. "Wir sind gesetzlich verpflichtet, zu handeln, sonst machen wir uns strafbar", unterstreicht der Pressesprecher der Stadt, Thomas Bugl, die Rechtslage. Zahlen zeigen die steigende Belastung des Jugendamtes: Im Januar galt es, "nur" 22 minderjährlige Flüchtlinge aufzunehmen. Bis Mai stieg die monatliche Zahl auf 108, im Juni waren es bereits 290. Derzeit ist die Stadt Rosenheim nach Bugls Informationen für 462 Jugendliche, die allein auf der Flucht waren, zuständig. Davon befinden sich 333 in der sogenannten "Inobhutnahme" und 129 in diversen Anschlussmaßnahmen. Im August wurden hier bereits 110 neue unbegleitete Minderjährige aufgegriffen.

Ähnlich ergeht es nur noch zwei weiteren Städten: München und Passau. Dass die Verantwortung nicht auf die drei Kommunen allein abgewälzt werden darf, ist mittlerweile in der Staatsregierung akzeptiert. Gespräche von Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer und Rosenheims Sozialdezernent Michael Keneder im Sozialministerium haben erreicht, dass es Amtshilfe gibt: Der Maßnahmenplan des Ministeriums sieht vor, dass die Jugendlichen nach Abschluss der vorläufigen Aufnahme mit Feststellung von Alter, Herkunft und Gesundheitszustand weiter verteilt werden dürfen in andere Jugendamtsbezirke - von Rosenheim aus vor allem nach Schwaben und Franken. "Das läuft langsam an", sieht Rose einen Hoffnungsstreifen am Horizont, warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen. Denn wenn sich die Flüchtlingsströme, wie erwartet, weiter fortsetzen, wird trotz der zum 1. Januar 2016 auch gesetzlich geregelten Weiterverteilung in der Akutversorgung in Rosenheim keine Entspannung eintreten.

Tatsache ist auch: Das Rosenheimer Jugendamt bleibt zuständig - finanziell und pädagogisch. Während es aber für die Aufnahmepflicht erwachsener Flüchtlinge feste Quoten gibt, unterliegt die Pflicht zur Inobhutnahme der Jugendlichen einer unsteuerbaren Dynamik. Das belastet die Stadt auch finanziell: Weit über eine Million Euro an zusätzlichen Personalkosten fielen im Laufe dieses Jahres an, so Bugl.

Die Mitarbeiter im städtischen Jugendamt werden also weiterhin regelmäßig auf ihr freies Wochenende verzichten müssen. Sie werden auch weiterhin Ersatzeltern für täglich etwa 15 Jugendliche sein, die in ihrer Heimat und auf der Flucht oft Traumatisches erlebt haben und kein Wort Deutsch sprechen. Sie wünschen nach Erfahrungen von Rose vor allem eins: "Schlafen, etwas zu essen, Ruhe, Sicherheit." Vielen seien die Strapazen von Flucht und Schleusung anzumerken. Am Rosenheimer Bahnhof würden sie in der Regel nicht verschreckt auf die Bundespolizei und die Mitarbeiter des Jugendamtes reagieren, sondern erleichtert. "Viele haben das Gefühl: Endlich gibt es eine Institution, die sich kümmert."

Obhut finden die Jugendlichen in Rosenheim in Erstaufnahmeeinrichtungen: Die Stadt hat unter anderem eine leerstehende Büroetage hergerichtet, in der 70 Betten bereitstehen. An den Wochenenden wurden die Kapazitäten auch schon deutlich überschritten und zusätzliche Betten mussten bereitgestellt werden. Ein ehemaliges Geschäftshaus wurde umgewandelt und wird ab Mitte August als weitere neue Einrichtung in Betrieb genommen. Zehn bis 15 Prozent der minderjährigen Flüchtlinge sind Mädchen. Für sie gibt es ebenfalls ein eigenes Haus.

Geeignete Objekte zu finden, in denen die gestrandeten Jugendlichen eine Obhut auf Zeit finden, stellt ebenfalls eine große Herausforderung dar. "Großes Lob spreche ich dem städtischen Immobilien-Management aus", sagt Rose. Noch eine städtische Behörde, die vor ungewohnten, ganz neuen Herausforderungen gestellt wird. Doch auch die Träger der Wohlfahrt und die Hilfs- und Rettungsorganisationen arbeiten engagiert mit. "Phänomenal, wie das bei uns funktioniert", unterstreicht Rose die gute Zusammenarbeit aller Verantwortlichen. Zehn städtische Mitarbeiter sind rund um die Aufnahme und Betreuung der minderjährigen Flüchtlinge im Einsatz, hinzu kommen viele Mitarbeiter der Partnerorganisationen sowie Ehrenamtliche. Auch die Helfer benötigen oft Hilfe: So mancher engagierte Mitarbeiter des Jugendamtes würde einen einsamen jungen Menschen am liebsten persönlich aufnehmen. "Das ehrt unsere Mitarbeiter, doch wir müssen auch dafür sorgen, dass die emotionale Belastung nicht zu groß wird", betont Bugl.

"Lernwillige, brave junge Leute"

Das ist oft schwer angesichts der dramatischen Schicksale, mit denen sich Mitarbeiter und Helfer konfrontiert sehen. Über 90 Prozent der jungen Asylsuchenden kommen aus Kriegsländern wie Syrien, Eritrea, Somalia, Nigeria, Afghanistan - ein großer Unterschied zu den Erwachsenen: Hier stammt etwa die Hälfte aus den westlichen Balkanstaaten, sind deshalb Wirtschaftsflüchtlinge ohne Anspruch auf Anerkennung des Asylbegehrens. Bugl sieht deshalb die Notwendigkeit, zu differenziehen. "Die jugendlichen Flüchtlinge, die zu uns nach Rosenheim kommen, stammen in der großen Mehrheit aus Bürgerkriegsländern. Sie können einen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels leisten." Rose bestätigt, dass es sich zu 98 Prozent um "bildungsoffene, lernwillige junge Leute" handelt. "Die sind brav und bereit, sich anzupassen." In ihrer Heimat gehörten sie in der Regel zur Elite, weshalb sich ihre Familien die teure Schleusung leisten konnten.

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