„Das letzte Ma(h)l“

Emotionale Debatte: Lockdown-Protest von Rosenheimer Gastronomen zieht weite Kreise

Das letzte Abendmahl: Eric und Georgia Brodka vom Restaurant „Zum Augustiner Bräu“ wollen mit dieser Nachinszenierung des berühmten Kunstwerks auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen. Thomas Streubel
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Das letzte Abendmahl: Eric und Georgia Brodka vom Restaurant „Zum Augustiner Bräu“ wollen mit dieser Nachinszenierung des berühmten Kunstwerks auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen. Thomas Streubel
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Mit einer Aktion, angelehnt an das Kunstwerk „Das Abendmahl“, haben Rosenheimer Gastronomen gegen den Corona-Lockdown protestiert. Kreativ, finden die einen. Geschmacklos, sagen andere. Für einen vermeintlichen Verstoß gegen die neuen Corona-Regeln haben die Macher der Aktion eine plausible Erklärung.

Update 5. November, 15 Uhr

Rosenheim – Mit ihrer Neuinterpretation „Das letzte Ma(h)l“, angelehnt an das Werk des Künstlers Leonardo da Vinci, hat das Gastronomenehepaar Eric und Georgia Brodka vom Restaurant „Zum Augustiner Rosenheim“ reichlich Aufmerksamkeit erzeugt.

Rege Beteiligung an Umfrage zur Aktion der Gastronomen

Das zeigen auch die Kommentare unter dem OVB-Facebook-Post: „Das letzte Abendmahl ist für Christen kein Grund für Gaudi“, schreibt etwa ein Nutzer erzürnt. Ein anderer findet: „Eine deplatzierte Aktion. Und es reicht jetzt mit der täglichen Jammerei der Wirte.“ Wiederum andere stören sich an dem fehlenden Mindestabstand auf dem Foto, das die Wirte gemeinsam mit ihrem Personal ablichtet.

Rosenheimer Wirte von der Coronakrise gebeutelt

Eigentlich wollten Eric und Georgia Brodka nach eigenen Angaben nur auf ihre schwierige Situation aufmerksam machen. Man dürfe nicht vergessen, dass die Gastronomie in der Coronakrise vielleicht sogar das am meisten gebeutelte Werk ist, so Eric Brodka. Alle Gastronomen hätten seit März ein mehr als gut funktionierendes Hygienekonzept. Doch: Alles umsonst durch den erneuten „Lockdown light“.

Aufnahme noch vor dem zweiten Lockdown entstanden

Solch eine Resonanz wie nun im Netz habe er nicht erwartet, „in keinster Weise“. Er und seine Frau möchten sich nicht an dieser religiösen Diskussion beteiligen. „Wir haben das Bild von Leonardo da Vinci nachgestellt, ohne glaubenstechnischen Hintergrund.“

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Sie seien nicht die Ersten gewesen, die sein Werk neuinterpretiert hätten, so gebe es das Motiv auch mit Hollywoodstars wie Marilyn Monroe und Charlie Chaplin. Außerdem sei die Aufnahme bereits vor längerer Zeit entstanden – „als wir noch zusammensitzen durften.“

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Die Erstmeldung zum Thema

Rosenheim – Vor rund 500 Jahren hat Leonardo da Vinci das letzte Abendmahl gemalt. Jetzt haben die Wirte Eric und Georgia Brodka vom Restaurant „Zum Augustiner Bräu Rosenheim“ das bekannte Gemälde nachgestellt. Das Bild, das auch in den sozialen Medien die Runde macht, zeigt die beiden Betreiber, die gemeinsam mit ihren Mitarbeitern an einem Tisch sitzen. Darauf stehen Brezen, Leberkäse und Bierkrüge. Einige Mitarbeiter unterhalten sich, andere schauen ernst in die Kamera. Mit dem Bild, das den Namen „Corona 2.0 – hoffentlich das letzte Ma(h)l“ trägt, haben die Brodkas zu einem letzten gemeinsamen Mahl vor dem Tod der Branche eingeladen. So jedenfalls die Symbolik hinter der Inszenierung. „Wir wollen damit auf unsere schwierige Situation aufmerksam machen“, sagt Georgia Brodka.

Hygieneauflagen perfekt umgesetzt

Sie sitzt in ihrem Restaurant, die Stühle sind hochgestellt, das Licht ist gedimmt – die Stimmung auch. Mit einem zweiten Lockdown hat auch sie nicht gerechnet. In den vergangenen Monaten habe sie sich an alle Hygieneauflagen gehalten, habe diese „perfekt umgesetzt“. Dass ihre Branche jetzt „als erstes wider geschlossen wird“, trifft die Deutsch-Amerikanerin hart. „Ich habe dafür einfach kein Verständnis“, sagt sie und rechnet mit Verlusten im hohen fünfstelligen Bereich.

Berufsverbot schlimmer als finanzieller Verlust

Und auch die Nachricht, dass der Bund die Leidtragenden mit bis zu 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 unterstützen will, ist für sie nur ein kleiner Trost. „Es geht darum, dass ich meinen Beruf nicht ausüben darf“, sagt sie.

Mitarbeiter bereits in Kurzarbeit

Ihre Mitarbeiter seien bereits in Kurzarbeit, die übrig gebliebenen Waren will sie an die Tafel spenden. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sie im Dezember wieder eröffnen kann.

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Doch auch daran glaubt sie im Moment noch nicht. „Ich überlege gerade, ob ich die Zeit nutzen soll, das Restaurant weihnachtlich zu dekorieren oder ob ich gleich die Osterdekoration rausholen soll“, sagt sie. Lachen tut sie dabei nicht.

Offener Brief an die Mitglieder der Staatsregierung

Ähnlich bedrückt ist die Stimmung bei Amir und Edin Bajric, den Geschäftsführern des Restaurants „Coppa Brazil“ in der Adlzreiterstraße in Rosenheim. Auch die beiden wollen die Schließung ihres Restaurants nicht einfach so hinnehmen, haben deshalb ihrem Unmut in den sozialen Medien Luft gemacht. In einem offenen Brief, adressiert an die Mitglieder der Staatsregierung, hinterfragen sie, ob ein „Lockdown light“ wirklich sein muss.

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In der Netzgemeinde kommt der Beitrag gut an – 502 mal wurde er geteilt, 300 Nutzer haben mit dem „Daumen hoch“ ihr Mitgefühl bekundet. Amir und Edin Bajric freut das, der fade Beigeschmack aber bleibt.

Seit 15 Jahren Betreiber des El Paso

„Wir haben wahnsinnig viel Geld in die Umsetzung der Hygienemaßnahmen gesteckt“, sagt Amir Bajric. Er habe unter anderem zusätzliches Personal eingestellt und Plexiglasscheiben angebracht. „Die Umsätze sind im Vergleich zum normalen Betrieb drastisch gesunken“, sagt der Geschäftsführer.

Bajric vermutet, dass Feiern im Privaten zunehmen

Haben einen offenen Brief an die Mitglieder der Staatsregierung geschrieben: Amir und Edin Bajric vom Restaurant „Coppa Brazil“.

Trotzdem habe er sich an die Maßnahmen gehalten, habe bei „Polizeikontrollen stets vorbildlich abgeschnitten“. Er glaubt, dass die Gastronomie nicht daran schuld ist, dass die Corona-Zahlen in den vergangenen Wochen so drastisch angestiegen sind. „Feiern und Zusammenkünfte werden sich noch mehr ins Private verlagern“, zeigt sich sein Bruder Edin Bajric überzeugt.

Der Kampf ums Überleben

Seit einem Jahr betreiben sie das südamerikanische Restaurant „Coppa Brazil“ in Rosenheim, seit 15 Jahren das „El Paso“ in Wasserburg. Eine Zeit wie diese, haben auch sie noch nicht erlebt. „Den ersten Lockdown haben wir gerade so überlebt. Jetzt müssen wir schon wieder tatenlos zusehen, wie alles den Bach runtergeht“, sagt Amir Bajric.

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Auch er glaubt nicht daran, dass die Gastronomie im Dezember wieder eröffnen darf. „Wir haben mit diesem Jahr bereits abgeschlossen und wollen einfach nur Überleben“, fügt Edin Bajric hinzu.

Ganz kampflos geben sie sich dann aber doch nicht geschlagen. Sie wollen ein Zeichen setzen und hoffen, dass auch andere Gastronomen mitziehen. Georgia und Eric Brodka jedenfalls, haben sie bereits auf ihrer Seite.

Zusätzliche Info: Coppa Brazil plant, in den kommenden Tagen einen Lieferdienst über Lieferando anzubieten.

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