Behörden wollen kaum was wissen

Corona-Kontaktlisten in der Gastronomie: Gästeangaben in Rosenheim nahezu ohne Wert

Zettelwirtschaft: Die Kontaktlisten, die Gastronomiebetriebe nach dem ersten Lockdown geführt hatten, sollten helfen, Kontakte von Corona-Infizierten nachverfolgen zu können.
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Zettelwirtschaft: Die Kontaktlisten, die Gastronomiebetriebe nach dem ersten Lockdown geführt hatten, sollten helfen, Kontakte von Corona-Infizierten nachverfolgen zu können.
  • vonKilian Schroeder
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Mal per App, in der Regel aber mit Zettel und Stift: Nach der Wiedereröffnung der Gastronomiebetriebe nach dem ersten Lockdown haben die Rosenheimer Wirte für die Nachverfolgung der Corona-Infektionsketten fleißig die Kontaktdaten ihrer Kunden gesammelt. Doch geholfen haben die Listen nur selten.

Rosenheim – „Es ist schon merkwürdig“, sagt Sebastian Kirner, Wirt des Rosenheimer Gasthofs Stockhammer. Was ihn verwundert, hat seinen Ursprung im Sommer des vergangenen Jahres, als die Wirtshäuser nach dem ersten Lockdown wieder Gäste aufnehmen durften – unter strengen Auflagen. Dazu gehörten auch die Kontaktdaten der Gäste, die Kirner und andere Wirte eingesammelt haben. Aber gebraucht hat das Rosenheimer Gesundheitsamt diese anscheinend fast nie.

Ein Hauch von Normalität

Erst im Mai durfte die Gastronomie nach dem ersten Lockdown wieder öffnen – zunächst im Außenbereich, dann auch innen. Trotz der Auflagen kehrte etwas Normalität zurück. „Der Sommer war gut“, sagt Sebastian Kirner. Im August lockte auch die „Bermuda-Insel“ am Salzstadel viele Rosenheimer an. Christina Taxer leitet die Rosenheimer Bars „Lenz“, „Hang Loose“ und „Drunken Monkey“ und war damit an der Bermuda Insel beteiligt: „Bei uns war es immer voll, also so viele wie da sein durften.“

Maskenpflicht und Abstand

Möglich war das nur aufgrund der Vorgaben, die die Gastronomie im Sommer erfüllen musste. Neben Maskenpflicht und Sicherheitsabstand gehörten auch die Listen mit den Kontaktdaten dazu – eine Maßnahme, die auch aus Datenschutzgründen auf Kritik stieß. Sollte eine mit Corona infizierte Person das lokal besucht haben, könnten mit den Kontaktlisten anschließend Infektionsketten leichter nachvollzogen werden. Auch die Rosenheimer Gastronomen haben sich daran gehalten.

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„Wir möchten ja helfen und die Behörden unterstützen“, sagt Kirner. Im Stockhammer führte er dazu die App „Hygiene-Ranger“ ein, mit monatlich 17,85 Euro Zusatzkosten. „Es war auch ein neuer Aufwand, es hat gebraucht, bis das Personal damit klargekommen ist.“ Die meisten Gäste hätten aber das handschriftliche Formular bevorzugt. Sein Kollege Toni Sket im Wirtshaus Johann Auer hat auf ein anderes Programm gesetzt: „Darf ich rein?“ vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. „Wir haben das konsequent gemacht, damit jeder Gast eingetragen war“, sagt Sket. Christina Taxer musste für ihre Bars neue Programme einführen. „Das hat auch Kosten verursacht.“

Vier Wochen aufbewahrt

Für vier Wochen müssen die Listen gelagert und anschließend vernichtet werden. Die Wirte legen Ordner an, heften die Listen ab und warten. Mit der Zeit sammeln sich Kontaktdaten an. Genaue Zahlen wissen sie nicht, aber Sebastian Kirner spricht von mehreren Tausend pro Monat. Zum Vergleich: Das Rosenheimer Hotel „Italy Confidential“, das griechische Restaurant „Akropolis“ und der Friseursalon „Schloots“ kommen zusammen auf über 100.000 Kontakte.

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Doch der Anruf aus dem Gesundheitsamt kam nicht. „Ich hatte eigentlich jeden Moment damit gerechnet, dass die Listen angefordert werden. Aber es gab keine einzige Nachfrage“, sagt Kirner. Auch bei Toni Sket im „Johann Auer“ brauchte das Gesundheitsamt keine Listen. Ebenso wenig vom Hotelgasthof Höhensteiger, vom „Akropolis“, dem „Italy Confidential“ oder dem Friseursalon „Schloots“. Nicht einmal bei der Bermuda-Insel scheint es nach dem Gesundheitsamt zu einem Corona-Kontakt gekommen zu sein.

Gesundheitsamt: Kontaktlisten für 10 Personen angefordert

Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen schreibt das Rosenheimer Gesundheitsamt, es hätte bei circa zehn Personen hinterher Kontaktlisten aus der Gastronomie angefordert. Eine genaue Zahl wisse man nicht. Im Landkreis Traunstein war es sogar nur ein mal der Fall. Ob sie damit unter dem Durchschnitt liegen, lässt sich aber nicht sagen: Das Gesundheitsministerium schreibt auf Anfrage, es wäre ihnen nicht bekannt, wie oft die Kontaktnachverfolgungsteams auf die Listen zugegriffen hätten. Die Gesundheitsämter wären bewusst nicht abgefragt worden, um sie nicht mit zusätzlicher Arbeit zu belasten.

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Als sinnlos will Sebastian Kirner die Kontaktlisten aus dem Sommer nicht bezeichnen. „Wenn wir dadurch aufsperren könnten, würden wir es auch wieder machen“, sagt er. Auch Christina Taxer ist dieser Meinung. „Wenn jeder die Kontakte aufschreibt, würde es schon etwas bringen.“ Derzeit betreibt Kirner im Stockhammer einen To-Go-, Taxer im „Hang-Loose“ einen Lieferservice. Sie hoffen, bald wieder aufmachen zu können – auch wenn sie dann wahrscheinlich wieder Kontaktlisten anfertigen müssen.

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