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Erste Welle der Pandemie

Corona-Tote in Rosenheim: Romed-Mediziner stoßen auf entscheidenden Faktor

Bis zum letzten Atemzug? In der Region Rosenheim entscheiden sich offenbar besonders viele Menschen gegen bestimmte Formen der Intensivmedizin.
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Bis zum letzten Atemzug? In der Region Rosenheim entscheiden sich offenbar besonders viele Menschen gegen bestimmte Formen der Intensivmedizin.
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Wenige Regionen wurden von der ersten Corona-Welle so hart getroffen wie Stadt und Landkreis Rosenheim. Mediziner des Romed-Klinikums scheinen zumindest den entscheidenden Faktor für die hohe Sterblichkeit der ersten Phase gefunden zu haben.

Rosenheim – Wenige Regionen wurden von der ersten Corona-Welle so hart getroffen. Hunderte Menschen mussten im Krankenhaus behandelt werden, 143 von ihnen starben im Romed-Klinikum. Mediziner des Romed-Klinikums scheinen zumindest den entscheidenden Faktor für die hohe Sterblichkeit der ersten Phase gefunden zu haben: In der Region starben auffällig viele Menschen, die sich im Zuge einer Patientenverfügung für eine Therapie-Begrenzung entschieden hatten.

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Ein Großteil der im Klinikum Verstorbenen gehörte demnach zu den 43 Prozent der Patienten, die eine Therapiebeschränkung unterschrieben hatten. Ihr Anteil an den Toten lag ums Vierfache höher als bei den Patienten, von denen keine Verfügung vorlag. Insgesamt starben 27,2 Prozent von 526 Patienten in der ersten Welle von 1. März bis 30. Juni 2020. Bei den Menschen mit Verfügung starben 47,3 Prozent.

Im roten Bereich: Von 300 Patienten ohne Verfügung starben 12 Prozent. Unter den 226 Patienten mit Therapielimitation lag der Anteil dagegen bei 47,3 Prozent. Insgesamt wurden die Daten von 526 Patienten untersucht. Respiratory research/Klinger

Veröffentlichung im Fachmagazin

Nachzulesen ist dies in einer Studie, die Prof. Dr. Stephan Budweiser, Chefarzt Pneumologie am Klinikum, und weitere Romed-Experten verfasst und im Fachmagazin „Respiratory Research“ veröffentlicht haben. Die Überraschung liege nicht darin, dass mehr Menschen mit Therapielimitation sterben als ohne, sagt Budweiser, „weil sie typischerweise älter sind und mehr Begleiterkrankungen haben“. Überraschend sei vielmehr gewesen, dass die Sterblichkeit unter diesen Patienten so überproportional hoch gewesen sei. „Das war so noch nicht zur Kenntnis genommen worden“, sagt Budweiser, „das fand viel zu wenig Berücksichtigung.“ Künftig müsse man das penibler registrieren.

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Zur Suche nach dem Todes-Faktor konnten die Mediziner des Klinikums auf einen wertvollen Schatz zurückgreifen: 526 Datensätze von Patienten mit einer Vielzahl von klinischen Daten, vom Körpergewicht über Blutwerte bis hin zu Vorerkrankungen, Geschlecht und Alter.

Extra-Mitarbeiter für die Auswertung

Zur Auswertung stellte der Klinikumsverband sogar Mitarbeiter ein. Sie nahmen unter die Lupe, „was durch Untersuchungen und Beobachtungen in unserem System vermerkt und notiert wird. Jeden Laborwert, jede Bildgebung, alle klinischen Daten“, berichtet Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram gegenüber den OVB-Heimatzeitungen. Alles zu einem Zweck: „Geben uns diese Daten einen Hinweis darauf, welcher Patient stirbt?“

Wer die Anzeichen kennt, der kann reagieren. „Das hätte Konsequenzen für die Arbeit“, sagt Deerberg-Wittram. Könnte man beispielsweise belegen, dass Sterblichkeit durch gewisse Vorerkrankungen gefördert wird, könnte man die entsprechenden Kandidaten „sofort in Watte packen“.

Nach Monaten des Datensammelns, Auswertens und Analysierens konnte die Arbeitsgruppe um Stephan Budweiser nun eine Antwort geben. Sie ist in dem Bereich zu finden, der in vielen Kliniken am schwierigsten zu ermitteln ist: Therapielimitationen. Sie gehen nicht ohne Weiteres in eine Datenbank ein. Die Akten auch auf diese Details hin zu durchsuchen, sei eine „Fleißarbeit“ gewesen, sagt Romed-Chef Deerberg-Wittram.

In Rosenheim und Umgebung besonders viele Therapiebegrenzungen

So dauerte es, bis die Mediziner feststellen konnten, dass die Sterblichkeit eng mit dem Anteil der Patientenverfügungen zusammenhängt. Der Faktor ist womöglich noch entscheidender als das Alter allein und auch die meisten der Vorerkrankungen: Je höher der Anteil der Patienten ist, die sich dafür entscheiden, dass die Ärzte etwa von Beatmung absehen, desto höher die Sterblichkeit in der Corona-Pandemie.

Und: In Rosenheim ist der Anteil der Patienten mit Therapie-Beschränkungen höher als anderswo. Warum das so ist? In der Region lebten besonders viele alte Menschen, davon auch viele, denen ihre Vorerkrankungen eine Therapierung bis an die Grenzen des medizinischen Arsenals nicht unbedingt sinnvoll erscheint. Ins Gewicht falle dann womöglich „der menschliche Instinkt, dass man sich so krank fühlt, dass man eher zum Gehen neigt“, sagt Deerberg-Wittram.

Fortentwickelte Apparatemedizin

Möglicherweise liege die Zurückhaltung gegenüber den Mitteln der fortentwickelten Apparatemedizin auch im Traditionsbewusstsein der Region. Es könne sein, dass in Gegenden mit enger Bindung an die Kirche der Tod eher als Teil des Lebens akzeptiert werde als in säkularisierten Regionen, meint Deerberg-Wittram.

Kurz: Es kann sein, dass die Patienten eine andere Vorstellung von bestmöglicher Behandlung haben als Mediziner. Man müsse sich die Bedeutung von Palliativmedizin stärker ins Gedächtnis rufen, sagt daher Deerberg-Wittram. Es gehe darum, dass man schwerst Erkrankte auch „in Ruhe und Würde gehen lassen könne“.

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