Interview

Rosenheimer Veranstalterin klagt über bundesweite Corona-Notbremse: „Kultur wird unmöglich gemacht“

Vieles ist noch unklar für die Kulturszene: Hauptarbeit von Veranstalterin Alexandra Birklein ist derzeit das Verschieben von Terminen.
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Vieles ist noch unklar für die Kulturszene: Hauptarbeit von Veranstalterin Alexandra Birklein ist derzeit das Verschieben von Terminen.

Eines ist nun in Sachen Kultur klar: Liegt der Inzidenzwert an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100, tritt die bundesweite Corona-Notbremse in Kraft. Dann sind bis 30. Juni keinerlei Kulturveranstaltungen möglich, weder Open-Air noch in Sälen oder Hallen.

Rosenheim – Liegt der Inzidenzwert an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100, tritt die bundesweite Corona-Notbremse in Kraft. Vielleicht ist dies schon am Samstag der Fall– mit massiven Auswirkungen auf die Kultur. Dann sind bis 30. Juni keinerlei Kulturveranstaltungen möglich, weder Open-Air noch in Hallen.

Verschärfte Regeln des Infektionsschutzgesetzes machen fassungslos

Doch für die Kulturveranstalter kommt es noch schlimmer: Unter ihnen kursiert eine „geheime Beschlussvorlage“ zu den verschärften Regeln des Infektionsschutzgesetzes, die alle fassungslos macht: Theater, Konzerte und Kinos dürften demnach öffnen, wenn die Inzidenz 14 Tage lang dauerhaft unter 50 liegt. Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 nach 14 Tagen wäre nur für Personen mit negativem Test ein Besuch möglich. Bei einer Inzidenz über 100 wäre wieder alles geschlossen.

Freizeitveranstaltungen im Außenbereich wären nur dann erlaubt, wenn die Inzidenz 28 Tage lang unter 50 liegt. Wir haben dazu Alexandra Birklein vom Rosenheimer Ballhaus befragt.

Frau Birklein, was bedeuten diese Regeln für die Kultur?

Alexandra Birklein: Bis zum 30. Juni dürfen wir gar nichts machen, nicht Open-Air, nicht in Räumen, gar nichts. Dann könnte man hoffen, dass das Kulturleben langsam wieder in Schwung kommt. Alles ist dann an Inzidenzzahlen gebunden. Nicht bekannt ist aber, wie viele Gäste in Veranstaltungen reingelassen werden. Und die Spannen, wie lange die Inzidenzen gehalten werden müssen, sind wahnsinnig lang: Bei Freizeitveranstaltungen im Außenbereich müssten zuvor 28 Tage unter der Inzidenz von 50 gehalten werden: Das ist ja ein ganzer Monat! Was kann in einem Monat alles passieren! Diese Vorgaben machen eine Programmplanung für uns unmöglich. Wenn das so bleibt, wird es für die nächsten zwei bis drei Monate noch immer keine Kulturveranstaltungen geben. Wahrscheinlich so lange, bis alle Bürger geimpft sind.

Ist es so, dass auch bei Veranstaltungen im Außenbereich maximal 50 Personen gestattet wären?

Birklein: Ja, so ist es momentan. Das ist eigentlich Wahnsinn!

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Stimmt es, dass in dieser Beschlussvorlage die Zoos auf einer Ebene mit Konzertveranstaltungen genannt sind?

Birklein: Zu dem Block „Kultur“ gehören Museen, Galerien, Zoos, Gedenkstätten, Theater, Konzerthäuser, Kinos und Freizeitveranstaltungen im Außenbereich.

Zugespitzt könnte man also sagen: Kulturelle Veranstaltungen sind wie ein Zoobesuch.

Birklein: Ja, (lacht verzweifelt) das steht tatsächlich alles unter Kultur.

Was bedeutet dies alles für Ihre Planungen für die Rosenheimer „Strandkorbkonzerte“ im Sommer?

Birklein: Die im Juni werden geschoben in den August, die im Juli lassen wir erst einmal so stehen. Das Problem ist, dass die ganze Kulturbranche schon wieder total demotiviert ist. Man hat den Eindruck, dass die Kultur gar kein Standing hat. Wir haben super Hygiene-Konzepte, das wird total ignoriert. Gerade bei den Strandkorbkonzerten ist die Zuschauerführung beim Rein- und Rausgehen so clever durchdacht, dass das inzwischen wie ein Hochsicherheitstrakt ist. Das wird alles ignoriert, man wird gleichgestellt mit Zoos und Gedenkstätten. Selbst bei Zoos weiß ich gar nicht, wie die mit 50 Besuchern arbeiten sollen. Langsam werden alle Planungen für uns unmöglich. Wir wollen ja wieder loslegen! Wir verbringen Tage damit, Hygiene-Konzepte zu schreiben, trotzdem geht nichts vorwärts.

Die Konzertveranstalter haben ja eigentlich feste Vorgaben für ihre Planungen gefordert. Jetzt wären die ja da.

Birklein: Aber die machen eigentlich Kultur unmöglich. Eine Inzidenz von unter 50 zu erreichen und die dann 28 Tage zu halten und dann nur 50 Gäste reinlassen dürfen: Was soll man da machen? Die Kosten für die Hygiene-Konzepte sind da ja dann viel zu hoch.

Und wie ist es bei den Indoor-Konzerten?

Birklein: Da ist nicht klar geregelt, wie viele Leute da reindürfen. 50 oder mehr?

Haben Sie sich mit anderen Kulturveranstaltern kurzgeschlossen?

Birklein: Wir sind in engem Kontakt mit den Münchner Kollegen und allen anderen, die Strandkorbkonzerte machen: Schlimm hat es da Augsburg getroffen, die müssen schon den kompletten Juli absagen. Wir hoffen, dass es vielleicht eine Sondergenehmigung für herausragende Konzepte gibt, wie es unseres ist. Letztes Jahr war es ohne Probleme durchführbar und das Konzept hat den Deutschen Tourismuspreis bekommen. Jetzt meint man, der Sommer heuer sei schlimmer als der letztjährige.

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