Im Gespräch

Corona-Lockdown bis Mitte März? Chef des Rosenheimer City-Managements sieht Läden vor dem Aus

Ein Blick auf die Fußgängerzone in Rosenheim: Ist sie schön genug? Attraktiv genug? Am 8. und 10. Oktober ist Ihre Meinung zur Attraktivität der Innenstadt gefragt
+
Eine leergefegte Innenstadt durch Corona-Lockdown und Konkurrenz durch den Online-Handel: Die Lage für die Geschäfte in Rosenheim ist schwierig.
  • Jens Kirschner
    vonJens Kirschner
    schließen

Die Konkurrenz zwischen Onlinehandel und stationären Geschäften verschärft sich durch die Corona-Beschränkungen zusehends. Die Geschäftsleute verlangen endlich Lockerungen, bevor ihnen die Internetkonkurrenz endgültig den Rang abläuft.

Rosenheim– Trotz erster Öffnungen am Montag bleibt ein Großteil des stationären Handels weiterhin geschlossen. Dort fürchtet man: Die großen Online-Händler haben damit noch mehr die Chance, traditionelle Geschäfte zu verdrängen. Ein Gespräch mit Paul Adlmaier, Vorsitzender des Rosenheimer City-Managements, über Hoffungen, Politikversagen und die soziale Verantwortung der Händler vor Ort.

Herr Adlmaier, die Initiative „#handelstehtzusammen“ prophezeit den Todesstoß für viele stationäre Händler durch den Corona-Lockdown. Wie hoch sehen Sie die Überlebenschancen des Patienten?

Paul Adlmaier

Paul Adlmaier: Wenn es bis Mitte März keine Öffnungsperspektive gibt, wird es wohl zu Schließungen kommen. Und jede Woche, die wir länger geschlossen bleiben, treibt das Risiko für die Händler überproportional nach oben. Wir hatten ein schwieriges Jahr 2020, jenseits des Lockdowns, mit Umsatzrückgängen zwischen 40 und 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das können Sie auch mit Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen nicht auffangen.,

Was bedeutet das für die Händler konkret?

Adlmaier: Vielen fehlt es an Liquidität. Es gibt zwar Darlehen von der Hausbank oder der Kreditanstalt für Wiederaufbau, aber auch die müssen irgendwann zurückbezahlt werden. Zudem kommt jetzt die neue Sommerware und wir bestellen die Kollektionen für Herbst und Winter. Uns fehlt aber das Geld in der Kasse, um dies zu bezahlen. Auch Mode hat nur eine gewisse Halbwertszeit, ähnlich wie die Pflanzen im Gartencenter.

Das war ja ein Argument der Politik, diese seit Montag wieder öffnen zu lassen. Haben Sie das den Verantwortlichen dort denn deutlich genug gesagt?

Adlmaier: Sicher. Der Bayerische und auch der Deutsche Handelsverband stehen ständig bei den Politikern in der Tür. Wir haben Studien über Studien vorgelegt, die belegen, das Risiko, sich im stationären Handel mit Corona zu infizieren, ist vergleichsweise gering. Im vergangenen Jahr gab es gerade mal zwei Infektionsfälle im Rosenheimer Land: bei zwei separaten Lebensmittelgeschäften, wo die Mitarbeiter jeweils in Quarantäne mussten. Ich bin froh um jeden, der aufmachen darf. Aber dann sollten alle öffnen dürfen. Nur die Garten- und Baumärkte aufsperren zu lassen – das hat für mich nichts mehr mit gesundem Bauchgefühl oder logischem Sachverstand zu tun.

Zumindest sind erneut schnelle Hilfen zugesagt worden.

Adlmaier: Sicher, aber ich bin ja nicht Unternehmer geworden, um möglichst viel Unterstützung zu kassieren. Ich bin Unternehmer, um meinen Beruf ausüben zu können.

Das Gegenargument wäre: Öffnet man zu früh, drohen die Intensivstationen wieder überzulaufen.

Adlmaier: Man muss doch mal die Kirche im Dorf lassen. Wir werden bundesweit keine Inzidenz von 35 schaffen. Wir hatten auch schon vor Corona 25 000 Tote, die an Grippe sterben. Es wird immer wieder Lungenerkrankungen geben, die zum Tod von Menschen führen. Sicher: Jedes einzelne Leben ist schützenswert.

Lesen Sie auch:

„Wir machen auf...merksam“: Rosenheimer Einzelhändler nehmen an Onlinekampagne teil

Aber wenn ich die Hauptrisikogruppe geimpft habe und weiß, dass ein Geimpfter ein viel geringeres Risiko trägt, das Virus zu übertragen – hier muss man sich fragen, ob man nicht mit anderen Kriterien arbeiten muss, als mit der Inzidenz.

Welche wären das?

Adlmaier: Zum Beispiel, wie hoch die Belegung der Intensivstationen ist. Welche Corona-Infizierten sind wirklich krank? Ein positiver Test allein bedeutet ja noch nicht, dass der Betroffene auch unter Symptomen leidet. Ebenso muss man bei den Infizierten unterscheiden zwischen Gruppen deren Covid-Erkrankung einen leichten, einen mittelschweren oder schweren Verlauf hat. Nicht alle müssen ja stationär behandelt werden.

Sprich: Wir sollten lernen, längerfristig mit dem Virus zu leben, ohne die Geschäfte zu schließen.

Adlmaier: Richtig. Ich kann nicht alles, was wir uns in den vergangenen 100 Jahren kulturell erarbeitet haben, über den Haufen werfen: dass wir zum Beispiel in der Gastronomie zusammenkommen, dass sich Kinder in Schule oder Kindergarten begegnen, auch um Konfliktfähigkeit zu lernen. Wir leben nun ein gutes Jahr mit Corona, und die Politik in Bund und den Ländern hat noch immer nichts gelernt, geht immer willkürlicher und dilettantischer vor, stolpert von einer Aktion in die nächste. Wir haben das Ende der Fahnenstange erreicht, was das Vertrauen in die Landes- und Bundesregierung angeht.

Sie kritisieren ja zudem, dass der Onlinehandel derzeit dem stationären so sehr den Rang abläuft, dass dieser tatsächlich den Todesstoß bekommt. Doch die Konkurrenz durch das Internet war doch vorher schon ein Problem für Ihre Branche.

Adlmaier: Wir sind stationäre Händler und das wollen wir auch bleiben, auch wenn wir unsere Waren inzwischen online anbieten. Sie wollen als Journalist ja auch nicht unbedingt Gedichtbände verfassen. Wir sehen uns nicht als schützenswerte Spezies, die am Aussterben ist. Was wir wollen ist Wettbewerbsgleichheit. Der Onlinehandel verkauft 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – ohne besondere Abgaben.

Lesen Sie auch:

Naht die dritte Welle? Corona-Fallzahlen in der Region Rosenheim steigen wieder

Infolgedessen müsste ich als stationärer Handel auch die Möglichkeit haben, sieben Tage die Woche zu öffnen. Auch der kostenlose Paketversand ist ökologisch fragwürdig. Die Städte, wie wir sie in Deutschland und Zentraleuropa vorfinden, sind nicht von den Verwaltungen oder Onlinehändlern geschaffen worden. Das waren engagierte Unternehmer mit Ideen und Visionen.

Welche Forderungen stellen Sie konkret an München oder Berlin?

Adlmaier: Die Öffnung des Einzelhandels mit den bestehenden Schutzkonzepten. Die Öffnung der Tagesgastronomie und die Aufhebung der drastischen Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich. Zumindest dahin, dass sich wieder zwei Familien treffen können. Auch Kulturveranstaltungen mit bis zu 200 Personen müssen – mit entsprechenden Hygieneregeln – wieder möglich sein.

Wie groß ist die Hoffnung, dass Ihr Appell Gehör findet?

Adlmaier: Ich denke, der politische Druck wird immer größer. Bis die Politik eines Tages sagt: „Wie wollten alles zu lassen, aber das was politisch nicht länger durchsetzbar.“ Natürlich droht dann die Gefahr, dass man bei steigenden Zahlen wieder alles dich macht. Aber in unseren hoch technisierten Land muss es doch möglich sein, die Nachverfolgung Infizierter, beispielsweise mit der Corona-App, so zu entwickeln, dass man dies im Griff behält. Auch, dass Infizierte in den Gesundheitsämtern elektronisch gemeldet werden und nicht telefonisch oder per Fax.

Lesen Sie auch:

„Wie im künstlichen Koma“ – Rosenheims Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl über das Corona-Jahr

Niemand redet Corona schön, Ich bin alles andere als ein Corona-Leugner oder Maskenverweigerer. Aber wir müssen uns auch fragen: Welche technischen Möglichkeiten haben wir, um mit diesen vernünftigen Konzepten und Strategien umzusetzen? Besonders wichtig erscheint mir, dass wir alle Kapazitäten beim Impfen ausschöpfen. Nur so wird ein dauerhafter Umgang mit Corona gelingen.

Mehr zum Thema

Kommentare