Corona bringt böse Erinnerungen zurück: Rosenheimerin erinnert sich an Kriegsjahre

Erinnerung an die Eltern: Luise Schreiner mit einer Aufnahme, die den Vater in Uniform zeigt. Dabei sei er ein „standhafter Nazigegner“ gewesen, der sich hartnäckig geweigert habe, in die Partei einzutreten. THomae
  • vonJohannes Thomae
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Luise Schreiner machen die Erinnerungen in der Corona-Krise zu schaffen. Nicht mehr aus dem Haus zu können – dieser Umstand wirft die bald 85-jährige Rosenheimerin zurück ins Frühjahr 1945, als sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern Unterschlupf gefunden hatte auf einer Berghütte auf der Gori-Alm unterhalb der Kampenwand.

Rosenheim – Draußen meterhoch Schnee, keine Chance deshalb, sich frei zu bewegen, eingesperrt also, wie jetzt. Das auch noch aus doppeltem Grund, denn sie waren nicht freiwillig auf der Alm, vielmehr dorthin aus der Kastenau geflohen. „Passen Sie auf ihre Familie auf“, hatte ein Parteifunktionär ihrem Vater kurz zuvor geraten, der Mann ein Nazi, aber offenbar einer mit einem Rest Anstand.

Vater war nie in die Partei eingetreten

„Verbrochen“ hatte ihr Vater nicht viel, er war nur allen Aufforderungen und Verlockungen zum Trotz nie in die Partei eingetreten, hatte sich auch sonst dem Regime gegenüber immer distanziert gezeigt. Ein Umstand, der in dieser Endphase des Krieges, als der Fanatismus noch einmal schreckliche Blüten trieb, offenbar ausreichte, um in Gefahr zu geraten. Mehr als einmal, so erzählt Luise Schreiner, habe man ihre ältere Schwester vom Fahrrad gezogen, sie mehr oder unverhohlen bedroht: „Du wirst auch nicht mehr lang da sein“.

Seit dem Tod ihres Mannes vor sechs Jahren liegt sie nachts wach

Jahrzehntelang waren der Krieg und die Anfeindungen für sie kein Thema gewesen. Erst seit dem Tod ihres Mannes vor sechs Jahren komme es immer wieder vor, dass sie nachts wach liege, quasi umstellt von den Erinnerungen. Und die Krise jetzt trage ihr Übriges dazu bei. Anhalten könne Sie diesen Erinnerungsfilm kaum, im Gegenteil, sobald er einmal begonnen habe, reihe sich ein Bild ans andere. Etwa jene Szene, als sie in Rosenheim mitten in einen Bombenalarm geriet.

Zurück in der Kastenau

Nach einem sonntäglichen Besuch des Vaters, der seine Familie mit Essen versorgte, hatte sie diesen solange gebettelt, wieder einmal zurück in die Kastenau zu dürfen, bis er sie und ihre ältere Schwester mitnahm. Als der Zug in Rosenheim einfuhr, waren die Flugzeuge gerade im Anflug.

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Der für sie nächste Bunker war in Stephanskirchen, dort vor dem Eingang aber hatte sich, wie Luise Schreiner erzählt, der Ortsgruppenleiter aufgebaut, der ihrem Vater gesagt habe: „Ihr kommt hier nicht herein.“ Also weiter. In ihrer Not hätten sie dann bei einem Unterstand für Milchkannen Halt gemacht, sich an Bäumen festgehalten, um von den Druckwellen der hochgehenden Bomben nicht fortgeweht zu werden.

Der Blick war nach vorne gerichtet

Für jemand, der sie erzählen hört und sieht, wie sie beim Reden quasi wieder mitten in diese Zeit versetzt scheint, ist nicht so sehr die Tatsache verwunderlich, dass einen solche Erinnerungen heimsuchen. Vielmehr wundert man sich, dass Luise Schreiner und ihre Familie nach dem Kriegsende in der Kastenau geblieben waren.

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Wäre es nicht näher gelegen, zumindest diesen Stadtteil Rosenheims, in dem man so angefeindet worden war, schnellstmöglich zu verlassen? Luise Schreiner versucht es, zu erklären: Man habe zunächst sehen müssen, dass man wieder auf die Füße komme, sich etwas aufbaue. Der Blick in diesen Jahren war eindeutig nach vorn gerichtet. Die Tatsache, dass es über Nacht keine Nazis mehr gab, sondern nur noch Leute, die eigentlich von nichts etwas gewusst hätten, habe man mehr oder weniger nur zur Kenntnis genommen: Zeit, sich darüber aufzuregen, blieb nicht wirklich.

Der Schrecken kehrt nachts zurück

Aufgebaut aber hat Luise Schreiner in der Tat einiges. Sie war ihr ganzes Berufsleben lang Kindergärtnerin mit Leib und Seele. Dreißig Jahre, von 1972 bis 2002, für die SPD im Stadtrat und darüber hinaus als Mitglied der Arbeiterwohlfahrt sozial engagiert: Altenclub, Frauenclub, Stockschützenverein, das sind alles Gründungen, die sie auf ihre Fahne schreiben kann, auch den Bau des Stockschützenheimes. Nicht von ungefähr erhielt sie deshalb zwei Mal die Medaille für Verdienste um die kommunale Selbstverwaltung und 2007 schließlich das Bundesverdienstkreuz.

Ganze Kastenau zieht an einem Strang

Bei Tag, wenn sie Fotoalben durchblättert, kann sie sich über die schönen Momente dieser Zeit freuen, ist glücklich über die Erinnerung, als – ihrem Gefühl nach – die ganze Kastenau an einem Strang zog, um das Leben im Stadtteil zu verbessern.

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Nachts jedoch kommen auch aus dieser Zeit einzelne negative Erinnerungen hervor: Etwa, dass man das neue erbaute Stockschützenheim über und über mit Graffitti beschmiert hatte, darunter auch die Zeile: Luise, hau ab. In solchen Nächten ist es dann, als habe sich in ihrem Leben nie etwas geändert, als sei da stets die Verachtung für die arme Familie gewesen, die die Chance, aus dem kleinen „Kaffeemühlhäusl“ auszuziehen, ablehnte, weil sie mit einem Parteieintritt verbunden gewesen wäre.

Gespräche lindern den Fluch

Natürlich weiß Luise Schreiner, dass sie mit diesen Erinnerungen nicht alleine steht: Es ist vielmehr ein Fluch aller derer, die den Krieg miterlebt haben, ihn im Alter sozusagen noch einmal durchmachen zu müssen, weil sie von längst überwunden geglaubten Erinnerungen heimgesucht werden. Dieses Wissen lässt die nächtlichen Wachstunden aber nicht weniger peinigend sein. Immerhin stellt sie fest, dass es zu helfen scheint, wenn man mit jemand darüber reden kann.

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Und glaubt auch, für sich darüber hinaus noch eine Lösung gefunden zu haben: Sie möchte sich in die Reihe derer einreihen, die für die Aschauer Bankerlwege eine Sitzbank gestiftet haben. Die ihre soll auf der Gori-Alm stehen, als Dank und Erinnerung an den Moosmüller-Bauern, der ihrer Mutter und ihren Geschwistern damals Unterschlupf gewährte.

Ein Bankerl als Dankeschön

Sie hat den Enkel des Bauern schon einmal besucht, man saß auf der Alm zusammen und Paul Moosmüller habe schließlich, ebenfalls mit Tränen in den Augen gesagt: „Wenn der Opa des no hätt derlebn kenna, dass er amoi so an Dank kriagt“. Spätestens wenn die Bank aufgestellt ist, was in diesem Frühsommer passieren soll, hat sich für Luise Schreiner ein Kreis zum Guten geschlossen und vielleicht, so meint sie „kann ich dann auch in der Nacht wieder meinen Frieden finden“.

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