Codewort „Maske 19“: So hilft Rosenheim Opfern häuslicher Gewalt während der Corona-Krise

Gewalt nimmt zu:Aufgrund vieler Einschränkungen ist die Corona-Krise für Opfer häuslicher Gewalt besonders schwer zu ertragen. dpa
+
Gewalt nimmt zu:Aufgrund vieler Einschränkungen ist die Corona-Krise für Opfer häuslicher Gewalt besonders schwer zu ertragen. dpa

Die zahlreichen Einschränkungen während der Corona-Krise begünstigen eine Zunahme von häuslicher Gewalt. Doch es gibt Hilfe. Der Frauen- und Mädchennotruf setzt auf Telefon- und Videoberatung, das Frauenhaus auf leere Ferienwohnungen und Apotheken auf einen Geheim-Code.

von Anna Heise

Rosenheim – Es gibt Bilder, die nicht mehr aus dem Kopf gehen. Für Nadja Wehner (35), Inhaberin der Rosenapotheke in Happing, ist es das Bild einer weinenden Frau, die vor einigen Wochen Zuflucht in ihrer Apotheke gesucht hat. „Sie war total aufgelöst, hat kein Wort rausgebracht“, sagt Nadja Wehner. Sie habe die Polizei gerufen, versucht, die Frau zu trösten. Ob die Frau ein Opfer häuslicher Gewalt war, kann Nadja Wehner nur vermuten. Trotzdem sei sie durch diesen Vorfall „wach geworden“. „Mir war klar, dass ich irgendetwas unternehmen muss“, sagt sie. Im Internet informierte sie sich, las Artikel über die Situation in Frankreich und Spanien und was ihre Kollegen vor Ort tun, um Opfern häuslicher Gewalt zu helfen. Dabei stieß sie auf das Codewort „Maske 19“.

Stärkere Kontrolle durch die Männer

Wer in französischen und spanischen Apotheken nach einer „Maske Nummer 19“ fragt, bekennt sich als Opfer häuslicher Gewalt, kann dadurch diskret auf seine Situation aufmerksam machen. Apotheker sind, sobald sie das Codewort hören, dazu angehalten, die Polizei zu informieren.

Lesen Sie auch: WHO Europa warnt vor Zunahme der häuslichen Gewalt

„Viele Männer sind wegen der Corona-Krise zurzeit zu Hause, kontrollieren ihre Frauen verstärkt“, sagt Nadja Wehner. Die Hilfe übers Telefon sei daher oft nicht möglich. Was bliebe, sei der Gang zum Supermarkt oder zur Apotheke. Und genau dort soll es, wenn es nach Nadja Wehner geht, verstärkt Hilfe geben. Sie hat mit ihren Mitarbeitern gesprochen, sie für das Codewort „Maske 19“ sensibilisiert. Doch noch, so vermutet sie, hat sich das Angebot nicht herumgesprochen. Nachfragen bei Apotheken in Rosenheim bestätigen das: Viele haben zwar von dem Codewort gehört. Wissen aber nicht, dass es diese Aktion auch in Deutschland gibt, geschweige denn in Rosenheim.

Keine bayernweite Initiative

„Es ist eine gute Sache, aber momentan gibt es keine bayernweite Initiative“, sagt Werner Kurzlechner von der bayerischen Apothekenkammer. Würde es sie geben, könnte das Hilfsangebot über die „Informationskanäle“ der Kammer beworben und dadurch bekannter gemacht werden. Nadja Wehner will sich der Sache annehmen, will dafür sorgen, dass Opfer häuslicher Gewalt wissen, dass Apotheken eine erste Anlaufstelle sein können.

Frauen- und Mädchennotruf auch während der Krise erreichbar

Grundsätzlich finden Betroffene Unterstützung, Beratung und Begleitung bei dem Frauen- und Mädchennotruf. Die Sozialpädagoginnen sind auch während der Corona-Krise telefonisch oder per Mail erreichbar. Zu Beginn der Krise sei es „sehr ruhig“ gewesen, sagt die Leiterin Gudrun Gallin.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Dies habe sich mittlerweile „drastisch geändert“, zahlreiche Betroffene und Bezugspersonen hätten in den vergangenen Wochen zum Hörer gegriffen und sich beim Frauen- und Mädchennotruf gemeldet. Aber Gudrun Gallin weiß auch, dass das Zeitfenster, in dem die Frauen zum Telefon greifen können, stark eingeschränkt ist. „Wir müssen viel flexibler sein, um mit den Hilfesuchenden in Kontakt zu treten“, sagt sie. Ihr ist es wichtig, dass die Frauen wissen, dass sie auch während der Krise Unterstützung bekommen, sei es durch Beratungen nach dem Gewaltschutzgesetz, Wegweisungen durch die Polizei oder bei der Flucht ins Frauenhaus.

Corona-Etage im Frauenhaus

Doch auch im Frauenhaus, sei die Situation nicht einfach, sagt die Leiterin Marita Koralewski. So gibt es jetzt eine „Corona-Etage“ – für die Frauen, die seit dem Beginn der Krise aufgenommen wurden. „Sie müssen für 14 Tage in Quarantäne“, sagt Marita Koralewski. Sollte einer dieser Frauen mit dem Virus infiziert sein, könne man so eine Ausbreitung im gesamten Haus unterbinden.

Lesen Sie auch: Unklares Bild bei Nachfrage nach Beratungs-Angeboten

Ein Kontakt mit den anderen Bewohnerinnen sei in dieser Zeit nur übers Telefon möglich. Außerdem seien alle Bewohnerinnen geschult, wüssten genau, wie sie sich zu verhalten haben. Marita Koralewski spricht von regelmäßigem Händewaschen, vom Tragen eines Mundschutzes und davon, dass die Kinder beim Einkaufen im Frauenhaus bleiben. „Wir halten uns ganz streng an den speziell für Frauenhäuser erarbeiteten Pandemieplan und die Hygienevorschriften.“

Große Solidarität in Krisenzeiten

Seit dem Beginn der Krise habe das Frauenhaus drei neue Frauen aufgenommen. Noch ist ein Zimmer frei, dann ist das Haus voll besetzt. Denn wie schon vor der Krise, hat das Frauenhaus nur Platz für acht Frauen und 16 Kinder. Doch auch hier gebe es eine Lösung, sagt Marita Koralewski. „Wir haben die Möglichkeit, Frauen in leer stehenden Ferienwohnungen unterzubringen.“ Noch habe sie darauf nicht zurückgreifen müssen, trotzdem sei es eine Erleichterung.

Lesen Sie auch: Corona: Neue Lockerungen ab heute +++ Grenzwert der Infektionen in Rosenheim überschritten

„Seit dem Beginn der Krise haben wir viel Solidarität erfahren“, sagt sie. So hätten Hotelbesitzer ihre Hilfe angeboten, Vermieter ihr eine Liste mit verfügbaren Wohnungen geschickt. Sogar Familien hätten sich gemeldet, ihr Gästezimmer zur Verfügung gestellt. „Vorher hat es so etwas nicht gegeben“, sagt sie. Dennoch ist sie auf der Hut, spricht von der „Ruhe vor dem Sturm“, einer „Situation, die sich bald ändern kann“. Dann müsse man vorbereitet sein. In Rosenheim scheint man auf einem guten Weg zu sein.

Verhaltenstipps für Betroffene:Die Mitarbeiterinnen des Frauen- und Mädchennotrufs raten dazu, trotz Krisensituation beruhigend zu wirken. Es sei wichtig, Grundsatz-Diskussionen hintanzustellen. Wenn möglich, sollte man auf sein eigenes soziales Netz zurückgreifen. Es sei wichtig, mit Freunden und Familienmitgliedern zu sprechen. Beratende Fachstellen sind auch während der Corona-Krise erreichbar. Wichtig sei es außerdem, eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten oder neu zu gestalten: Spaziergänge mit den Kindern, Verteilung des Einkaufs auf mehrere Besuche. „Jeder Moment, in dem man das Haus oder die Wohnung verlassen kann, ist ein Moment des heilsamen Durchatmens.“, sagt Gudrun Gallin. Alle, die sich Sorgenum Betroffene im eigenen Umfeld machen, können sich ebenfalls an die Beratungsstelle wenden. Wer Zeuge von Gewalteskalation wird, sollte die Polizei rufen. Wichtige Nummern: Frauen- und Mädchennotruf: 08031/ 26 88 88, Frauenhaus: 08031/38 14 78, Gewalt gegen Frauen: 0800/0 11 60 16, für Kinder und Jugendliche: 0800/ 2 25 55 30.

Kommentare