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Sebastian Gschwendtner macht‘s vor

Biogas aus Rosenheim: Ein Vorzeigeprojekt gegen die Gasknappheit

An den Geruch gewöhnt man sich schnell. Ansonsten merkt man nichts von den 500 Kilowatt, die die Biogasanlage produziert.
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An den Geruch gewöhnt man sich schnell. Ansonsten merkt man nichts von den 500 Kilowatt, die die Biogasanlage produziert.
  • Thomas Stöppler
    VonThomas Stöppler
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Vor 14 Jahren hat noch keiner an Krieg und Erdgasmangel gedacht, aber Sebastian Gschwendtner hat seine Biogasanlage dennoch gebaut. Jetzt - in Zeiten der Energiekrise - steht sie als Vorzeigeprojekt da. Und die Rosenheimer Grünen hätten gerne mehr davon.

Rosenheim/Wernhardsberg - Zugegeben, man riecht es schon, Gestank wäre aber zu viel gesagt. Und wer zehn Minuten ausharrt, dessen Nase gewöhnt sich an das Odeur der Anlage. „Heute bekäme ich das nicht mehr genehmigt“, sagt Sebastian Gschwendtner. Die nächsten Häuser sind keine hundert Meter entfernt. Aber sie sind neu, neuer als Gschwendtners Biogasanlage, auf der er steht. 2008 hat er sie gebaut und damit versorgt er seine Nachbarn nicht nur mit Strom, sondern auch mit Fernwärme.

Sebastian Gschwendter erklärt die Vorzüge seiner Biogasanlage.

Realita ist es allerdings eher Nahwärme. 22 Haushalte in unmittelbarer Umgebung werden durch sein Kraftwerk beheizt. Denn bei der Gewinnung von Biogas entsteht eben Wärme, die oft ungenutzt bleibt. Schließlich erfordert deren Einsatz eine gewisse Nähe zu den zu versorgenden Haushalten. Diese Nähe ist meistens nicht gegeben. 26 Unterschriften brauchte Geschwendter damals von seinen Nachbarn, die alle keinen Einspruch hatten. Sie profitieren ja auch. Der Strom - immerhin 500 Kilowattstunden - geht an die Rosenheimer Stadtwerke und ist Teil des Strommixes, aber von der Nahwärme haben sie alle etwas.

Mist statt Mais

Gschwendters Biogasanlage hat noch einen weiteren Clou. Während die meisten Biogasanlagen mit Energiepflanzen, also etwa Mais oder Raps, betrieben werden, wirft Gschwendter auch Gülle. Die ist nicht so effektiv wie eben Mais, aber sie muss nicht angebaut werden. Es gibt sie eh. 30 Kühe hat Gschwendter selbst, ein anderer Bauer bringt weitere Gülle.

In unmittelbarer Nachbarschaft gäbe es noch zwei weitere Bauern mit Milchvieh und demensprechend mit Material für die Biogasgewinnung. Aber die sind nicht Teil einer Hygiene-Einheit. Bei dieser Vorgabe geht es um Seuchenkontrolle. Bauern, die gemeinsam eine Hygiene-Einheit bilden, teilen sich Freud und Leid: Die Tiere können das gleiche Futter essen oder gemeinsam weiden. Wenn aber ein Bauer von etwa der Maul- und Klauenseuche betroffen ist, ist es der andere auch - auch wenn es am Ende nur um die gemeinsame Nutzung der Gülle geht.

Nichtsdestotrotz liegt der Anteil an Gülle bei der eingesetzten Biomasse zwischen 35 und 50 Prozent. Das ändere sich täglich, erklärt Gschwendter. Je nachdem, wie hoch der Bedarf gerade ist. Denn, wie andere Gaskraftwerke auch, ist eine Biogasanlage flexibel. Gibt es dank Wind und Sonne gerade viel Strom, kann Gschwendter die Anlage drosseln. Ist es grau und windstill, fährt er sie hoch. Im Durchschnitt schmeißt er acht Kubikmeter Gülle am Tag in die Anlage.

Biomüll zur Gasgewinnung

„Das ist natürlich kein Modell für die ganze Stadt“, sagt Peter Rutz, Fraktionssprecher der Grünen im Rosenheimer Stadtrat. Dafür sei die Lage zu einzigartig. „Aber wir müssen halt sehen, dass wir vom Erdgas wegkommen und da hilft so eine Anlage ungemein.“ Seine Fraktion hat einen Antrag zur Errichtung einer Biovergärungsanlage gestellt, „in der die gesammelten Bioabfälle entsprechend dem Kreislaufwirtschaftsgesetz wieder vollständig wiederverwertet werden können“. Wie Gülle eignet sich auch Biomüll als Futter für die Biogasgewinnung. Damit es genug Biomüll gibt, könnte man auch Gemeinden aus dem Landkreis hinzuziehen.

Die Stadtwerke halten sich auf OVB-Anfrage bedeckt. Weder könne man sagen, wie effektiv Gülle oder Bioabfall gegenüber Energiepflanzen sei, noch wie weit eine Anlage vom Fernwärmenetz entfernt sein dürfe, um daran angeschlossen zu werden. Ob der Rosenheimer Biomüll nochmal getrennt werden müsse oder so direkt in die Anlage gespeist werden könne, wisse man auch nicht. Auf der Homepage der Stadtwerke kann man allerdings nach Experten für Biogasanlagen anfragen, wenn man eine solche bauen möchte.

Die Gülle bleibt, stinkt aber weniger

Rutz zählt weitere Vorteile der Anlage auf: „Wie intensiv Getreide und Mais gedüngt werden müssen, ist oft nicht gut für den Boden, wir würden uns einiges damit sparen.“ Außerdem gäbe es ja die Infrastruktur für Gas bereits. Sprich die Anlage könnte relativ einfach ans Netz kommen. Die Bürger sollen, nach dem Willen der Grünen, auch beteiligt werden. Der Antrag sieht auch vor, dass geprüft wird, ob die Biogasanlage als Genossenschaft geplant werden kann. Das würde bedeuten, dass die Rosenheimer Anteile erwerben können und dann Dividenden erhalten.

Die Gülle bei Gschwendters Anlage bleibt übrigens als Dünger erhalten. Nach der Vergärung kann sie wieder eingesetzt werden und hat dabei sogar den Vorteil, dass sie weniger riecht. Wer direkt neben einem Feld wohnt, wird die Vorzüge zu schätzen wissen. Seine Nachbarn beschweren sich auch nicht über den Geruch. Einzig, dass man im Sommer bei gutem Wetter die Kampenwand nicht mehr von der Terasse sieht. Das liegt allerdings nicht an der Anlage, sondern am Gülle, Mais und Co. Die türmen sich dann zu kleinen Hügeln. So richtig ernst ist die Beschwerde aber wohl nicht, denn, so berichtet Geschwendter, sie ist mit der Aufforderung verbunden, die Anlage auf Hochtouren laufen zu lassen, damit die Hügel abgetragen werden.

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