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Es begann mit einer Holzkapelle

Rosenheim - Jeder, der Rosenheim auf der B15 nach Süden Richtung Autobahn verlässt, kommt an der Wallfahrtskirche Heilig Blut vorbei. Ebenso grüßt die Zwiebelhaube des Turmes jeden, der in die Stadt hineinfährt.

Wir befinden uns hier auf dem Wasen, einer Gegend, die die Bajuwaren bei ihrer ersten Landnahme im 6. Jahrhundert besiedelten. So sollen sich auch die Namen der Wasengemeinden Aising, Happing und Pang von den einstigen Sippenchefs ableiten lassen. Hauptort war die Urpfarrei Pang. Die Kirche Heilig Blut liegt auf Happinger Gebiet und kam erst mit der Eingemeindung 1967 zu Rosenheim.

Um 1500 errichtete der Happinger Weissenbauer neben seinem Einödhof «Weissenhub» eine Holzkapelle zu Ehren des leidenden Erlösers. Gründe für den Bau und die einsetzende Wallfahrt sind unbekannt. Vielleicht war die Figur des Schmerzensmannes vom linken Seitenaltar, die um 1500 datiert wird, der Auslöser zum Bau. Möglicherweise verweist aber auch die Brunnenkapelle auf ein uraltes Quellheiligtum, dessen Verehrung nie ganz abriss. Eine Heilig-Blut-Reliquie besitzt die Kirche jedenfalls erst seit dem 18. Jahrhundert.

Die Holzkapelle entsprach schon einige Jahre später nicht mehr den Erfordernissen der Wallfahrt. Ab 1508 errichtete man eine deutlich größere spätgotische Steinkirche, deren Mauern sich im heutigen Chor erhalten haben. 1511 wird sie erstmals als «Kapelle Hl. Blut» bezeichnet. Dies kann jedoch kein offizieller Titel gewesen sein, da es damals noch kein Patrozinium des Heiligen Blutes gab. Geweiht war die Kapelle der Heiligen Dreifaltigkeit.

Vom Meister

von Rabenden

Dieses Thema griff auch der einstige spätgotische Flügelaltar auf, der um 1510 bis 1520 in die Kirche kam. Als einziges Stück davon hat sich im heutigen Hochaltar der Gnadenstuhl des Meisters von Rabenden erhalten. Ergreifend hält Gottvater seinen toten Sohn im Schoß, darüber schwebt die Taube des heiligen Geistes. Die Wallfahrt muss gute Einnahmen gebracht haben, dass man sich einen Altar eines damals führenden Bildhauers leisten konnte. Der Gnadenstuhl ist ähnlich dem in der alten Pfarrkirche von München-Solln. Ein Stich von Albrecht Dürer diente als Vorlage. Der Meister von Rabenden wird mit diesem Notnamen nach seinem Hauptwerk benannt, dem Altar in der Kirche von Rabenden zwischen Obing und Altenmarkt. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass der Meister von Rabenden seine Werkstatt in München hatte und wohl mit Sigmund Haffner zu identifizieren sei. Rosenheim oder Wasserburg kommen nicht mehr als Ort seiner Niederlassung in Frage. Es sei denn, ein fleißiger Archivar oder Historiker entdeckt bisher unbekannte Quellen.

100 Jahre später fasste die Kapelle wieder nicht die große Zahl der Wallfahrer. So wurde die Kapelle in einen Chor umfunktioniert, an den man ein geräumiges Langhaus nach dem Entwurf des Münchner Stadtmaurermeisters Georg Huetter anbaute. Die Ausführung oblag dem Rosenheimer Marktmaurermeister Caspar Prothueber. Noch hielt man sich mit Spitzbogenfenstern an den Formenkanon der Spätgotik. Der Wallfahrtskirche sehr verbunden zeigte sich der Rosenheimer Handelsherr Andreas Weidacher, der 1615 eine Marienstatue und 1624 ein großformatiges Epitaph stiftete. Höhepunkt der reichsten Wallfahrt im damaligen Pfleggericht Aibling war um 1630. Ab 1645 musste man einen stetigen Rückgang der Wallfahrerzahlen registrieren.

Barockisierung

Schließlich entsprach die Kirche nicht mehr dem Geschmack der Zeit und man unterzog sie ab 1686 einer durchgreifenden Barockisierung. Der Baumeister war wohl der in diesen Dingen erfahrene Hanns Mayr von der Haustatt. Als heute noch besonders wertvoll erweist sich die Erhöhung und Stuckierung des Chores. Mit Giulio de Christophoris, einem Verwandten der Baumeisterfamilien Zuccalli und Sciasca, hatte man einen Meister des italienischen Hochbarocks verpflichten können. Er war seit 1688 in Rosenheim ansässig und stuckierte die alte Kirche St. Georg am Schloßberg, die Erasmuskapelle der St.-Nikolaus-Kirche in Rosenheim (beide abgerissen), St. Michael in Sachrang und das Langhausgewölbe der Domstiftskirche auf Herrenchiemsee. Der Stuck im Chor von Heilig Blut zeigt am schönsten das große Talent des Schweizers aus Roverdo in Graubünden. Schwere, vollplastische Rahmen fassen die Bilder des Aiblinger Malers Johann Vicelli. Üppige Kartuschen, Akanthusblätter und Engelsköpfe setzen Akzente. Größere Fenster wurden in der für den Barock typischen oben und unten runden Form ausgebrochen. Ein neuer Hochaltar rundete das Gesamtbild ab.

Ab 1760 kamen eine Langhausdecke mit Hohlkehlen, Seitenaltäre, Kanzel und Empore neu in die Kirche.

Nach Schäden an Dach und Fenstern durch Fliegerbomben 1944 fand 1948 eine durchgreifende Renovierung statt. 1957 wurde Heilig Blut eine eigene Pfarrei. 1999 fanden die jüngsten Sanierungen ihren Abschluss. Die Innenrestaurierung übernahm Kirchenmaler und Restaurator Rainer Neubauer aus Mauerkirchen. Die Neugestaltung des Altarraums lag in den bewährten Händen des Rosenheimer Bildhauers Josef Hamberger, der einen sehr dezenten und stilvollen Volksaltar sowie einen Ambo schuf.

Wertvolle Stücke

Den Abschluss der Barockisierung markiert 1690 der neue Hochaltar nach dem Entwurf des Aiblinger Malers Johann Vicelli, der auch das Oberbild mit der Taube des Heiligen Geistes malte. Als zentrales Kultbild wurde der Gnadenstuhl des Meisters von Rabenden aus dem spätgotischen Vorgängeraltar integriert. Der damals in Rosenheim führende Bildhauer Blasius Maß ergänzte den Altaraufbau mit den beiden ausdrucksstarken Seitenfiguren der heiligen Maria und des heiligen Johannes sowie mit Giebelengeln. Auch die Putti mit den Arma Christi, also den Leidenswerkzeugen, und die Heiliggeisttaube, die den Gnadenstuhl umringen, stammen von Maß.

Die Seitenaltäre, die Kanzel und das Gestühl fertigte der Aiblinger Kistler Sebastian Laufhueber ab 1762. Die beiden Auszugsfiguren der Seitenaltäre, heiliger Korbinian (links) und heiliger Benno (rechts), gestaltete gleichzeitig der Rosenheimer Bildhauer Ignaz Stumbeck.

Eine Rarität stellt der Sebastians- oder Bruderschaftsaltar an der nördlichen Langhauswand dar. Um 1690 baute ihn Vicelli aus verschiedenen Teilen zusammen. Den Hauptteil bildet das Epitaph des Andreas Weidacher von 1624, dessen manieristische Gemälde von Hanns Oberhofer die «Sieben Blutvergießungen Christi» thematisieren. Dabei ist das zentrale Bild der Kreuzigung eine Kopie nach Tintorettos ehemaligem Hochaltarblatt in der früheren Münchner Augustinerkirche. An das Epiatph montierte Vicelli nun fest den bisher unverbunden davor stehenden Sebastiansaltar. Er war neu in die Kirche gekommen, als 1654 die Sebastiansbruderschaft von Pang nach Heilig Blut verlegt wurde. Seit dem Pestjahr 1634 hatte die Verehrung des Pestheiligen in Altbaiern großen Aufschwung genommen. Eine neue Figur des Blasius Maß ersetzte nun 1690 den alten heiligen Sebastian. Dazu kamen zwei Engel mit den Leidenswerkzeugen, ebenfalls von Maß. Weitere Teile sind die Weidacher Wappen und ein Privilegienschild von 1657 von dem Rosenheimer Bildhauer Melchior Hofmayr. Leider wurde der komplexe Altaraufbau bei der Renovierung 1948 vereinfacht. Das Stifterbild der Weidacher hängt jetzt isoliert daneben.

Die Brunnenkapelle

Nördlich neben der Wallfahrtskirche befindet sich die achteckige Brunnenkapelle mit ihrer barocken Kuppelhaube und Laterne darauf. Sie wurde in der heutigen Form um 1690 von Hanns Mayr von der Hausstatt erbaut. 1631 ist schon ein «Schöpfbrunnen bei dem Gotteshaus erwähnt», und 1697 wird der Brunnen als wundertätig und Ziel der Wallfahrer bezeichnet. Durch zwei gegenüberliegende Türen konnte die große Zahl der Wallfahrer die Kapelle durchqueren und heilbringendes Wasser aus dem achteckig gefassten Brunnenschacht schöpfen.

Heiligblutkirchen in Oberbayern wie Erding oder Weihenlinden haben gerne einen Brunnen. Zugrunde liegt wohl der Gedanke, dass das Blut Christi reinigend wie das lebensspendende Wasser ist. So befindet sich in der Brunnenkapelle in Heilig Blut eine große Figur von Christi als Ecce Homo von Blasius Maß von 1690. Aus den Wundmalen in den Händen strömte einst Wasser in ein muschelförmiges Marmorbecken davor.

Vielleicht sollte man an der Wallfahrtskirche von Hl. Blut doch einmal einen Halt einlegen.

Blinder Drechsler rettet Kirche

vor dem Abriss

Wie so viele Kirchen wurde auch die Wallfahrtskirche Heilig Blut in der Säkularisation als «entbehrlich» erklärt und 1807 zum Abbruch bestimmt. Doch das wollte der blinde Drechslergeselle Georg Obermayr nicht hinnehmen. Der Happinger drechselte ein kunstreiches Spinnrad und fuhr damit zum bayerischen König Max Joseph. Dieser zeigte sich bei der Vorführung des Rades in der Münchner Residenz so begeistert, dass er der Bitte des Georg Obermayr nachkam und die Kirche vor dem Abbruch bewahrte. Eine Gedenktafel am Aufgang der Empore erinnert an diese Tat. Das Spinnrad befindet sich heute im städtischen Museum.

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