Bauprojekt weckt Ängste in Oberwöhr: Bürgerinitiative will Schlimmeres verhindern

Daumen runter: Die Bürger aus Oberwöhr sind mit den Plänen der Stadt nicht einverstanden. Wilfried Heuschneider (links) hat deshalb eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Mittlerweile haben sich fast 150 Menschen gemeldet, die Teil der Bürgerinitiative sein wollen.
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Daumen runter: Die Bürger aus Oberwöhr sind mit den Plänen der Stadt nicht einverstanden. Wilfried Heuschneider (links) hat deshalb eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Mittlerweile haben sich fast 150 Menschen gemeldet, die Teil der Bürgerinitiative sein wollen.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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In Oberwöhr soll ein neues Wohngebiet mit 165 Wohneinheiten entstehen. Die Stadträte haben dem Projekt und den dazu notwendigen Verfahrensschritten mehrheitlich zugestimmt.. Doch in Oberwöhr sorgt das Vorhaben weiterhin für Unmut. Jetzt haben die Bewohner eine Bürgerinitiative gegründet.

Rosenheim – Wilfried Heuschneider (60) hat noch die Bilder an das verheerende Pfingsthochwasser 2013 im Kopf. Er erinnert sich an die braune Flut aus Wasser und Schlamm, die sich durch die Straßen wälzte. An die überschwemmten Keller und Erdgeschosswohnungen. „Wir sind damals untergegangen“, sagt er.

Seit knapp 40 Jahren wohnt er mit seiner Familie im Amselweg. Direkt neben der Wiese, auf der in den kommenden Jahren ein Wohngebiet mit 16 Häusern entstehen soll. „Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass die Wiese ein Überschwemmungsbecken der Mangfall ist und das in den nächsten 50 Jahren auch so bleiben wird“, sagt er.

Wiese ist kein Hochwasserschutz

Es ist eine Meinung, die auch seine beiden Nachbarn Engelbert Moser (71) und Alfred Rechenauer (66) teilen. Sie fürchten, dass es ohne die Wiese als Überflutungsfläche bei Starkregen zu einer erneuten Überschwemmung kommen könnte. „Das Areal ist zum Schutz der Oberwöhrer Bürger da und sollte frei bleiben“, sagt Rechenauer.

Doch genau diese Schutzfunktion ist laut Stadt Rosenheim und Wasserwirtschaftsamt gar nicht mehr notwendig. „Die Wiese hat für den Hochwasserschutz inzwischen keine Bedeutung mehr“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt. Der Grund: Ursprünglich plante das Wasserwirtschaftsamt, den Schutzdamm näher an die bereits bestehende Bebauung heranzuziehen. Dadurch wäre eine Überlauffläche im Falle eines Hochwassers notwendig gewesen – eben die Wiese am Amselweg.

Zu großer Druck auf das Ufer

Doch nach dem Hochwasser 2013 dachte man im Wasserwirtschaftsamt um. Es wurde ein neuer Deich gebaut, der nun näher an der Mangfall liegt. Ausschlaggebend für die Änderung waren „hydraulische Gründe“ so das Wasserwirtschaftsamt. Die Mangfall knickt hier scharf nach links ab. Die Befürchtung war, dass bei einer weiteren Rückverlegung des Dammes der Druck auf das Ufer zu groß wäre. Durch den neuen Deich wird die Wiese deshalb nicht mehr als Überflutungsfläche benötigt.

Doch Paul Geisenhofer, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes betont, dass dies keine Garantie sei: „Bei extremen Hochwassern besteht ein verbleibendes Überschwemmungsrisiko“. Demnach gelte die Fläche auch weiterhin als Risikogebiet. Das Etikett „Risikogebiet“ trifft aber nicht nur auf das geplante Baufeld zu, sondern auf „alle Flächen hinter Deichen im Mangfalltal“.

Bebauung ist „ausdrücklich zulässig“

Laut Stadtverwaltung ist eine Bebauung aber „ausdrücklich zulässig“. „Der Gesetzgeber sieht in diesen Fällen vor, dass die Bauherren eigenverantwortlich handeln und entsprechend hochwasserangepasst bauen“, heißt es von Seiten der Stadt.

Der Bauherr ist in diesem Fall die „Beck und Fraundienst Wohnbau GmbH & Co.KG“ aus Rosenheim. Eine hochwasserangepasste Bauweise wurde bereits im Ausschuss vorgestellt. So muss das Niveau der Fußböden in den Erdgeschoss-Wohnungen gegenüber dem vorhandenen Gelände angehoben werden. Schwellen und Dammbalkensysteme sollen außerdem die Tiefgaragen vor Sturzfluten schützen. Und in allen Untergeschossen müssen wasserdichte Außenbauteile und Kellerfenster eingebaut werden.

Stadt soll nie Dialog zu Bewohnern gesucht haben

Doch ganz so schnell wollen sich die Oberwöhrer nicht damit abfinden. Sie kritisieren nicht nur die Tatsache, dass gebaut wird. Sondern auch, dass die Stadt, laut Heuschneider, nie den Dialog zu den Bewohnern gesucht hat. „Wir sind entsetzt, wie sehr die Stadt an uns vorbeigeplant hat“, sagt er. Die Stadt selbst weist die Vorwürfe von sich: Eine erste öffentliche Diskussion werde immer zuerst im Stadtrat geführt.

Ärger über Art der Bebauung

Auch die Art der Bebauung verärgert die Oberwöhrer: „500 Menschen, 300 Autos und mehrere Tiefgaragen beherbergen dann genauso viele Menschen, wie jetzt im flächenmäßig zehn Mal so großen Oberwöhr leben“, sagt Heuschneider.

Weil seine Fragen von der Stadt –  trotz mehrer Versuche – unbeantwortet bleiben, und er sich „nicht ernst genommen“ fühlt, ruft er jetzt eine Bürgerinitiative ins Leben. Unterstützung bekommt er von Engelbert Moser und Alfred Rechenauer.

Die drei Männer waren in den vergangenen Wochen aktiv, haben rund 600 Briefe in Oberwöhr und Aising verteilt. Sie fordern die Bürger zum „Mitwirken, Gestalten oder vielleicht sogar Verhindern auf“.

150 Menschen sind bereits Teil der Initiatve

Mittlerweile haben sich laut Heuschneider fast 150 Menschen gemeldet, die Teil der Bürgerinitiative sein wollen. Sie alle seien mit den Plänen der Stadt nicht einverstanden: „Die Angst vor einem erneuten Hochwasser ist einfach wahnsinnig groß.“

Unterstützung erhalten die Oberwöhrer durch den Bund Naturschutz. „Wir halten die Planungen für einen Fehler“, sagt der  Rosenheimer Ortsvorsitzende Steffen Storandt und fügt hinzu: „Alle möglichen Retentionsflächen sollten auch als solche benutzt und nicht bebaut werden.“ Die Deiche würden den Anwohnern nur eine „trügerische Sicherheit bieten“ und die „Hochwassergefahr für jene, die flussabwärts liegen, verschärfen“. Storandt meint damit beispielsweise den Abschnitt zwischen der Kufsteiner Straße flussabwärts bis zur Rathausstraße. Bei einem Hochwasser würde sich die Stadt hier „selbst gefährden“, meint er.

Rückhaltebecken in Feldolling

Dazu sagt Geisenhofer: „Das Wassergesetz fordert, dass durch Hochwasserschutzmaßnahmen die Gefährdung der Unterlieger nicht erhöht werden darf. Deshalb wird in Feldolling ein Rückhaltebecken gebaut, dass den verloren gegangenen Hochwasserrückhalteraum ersetzt“. Mit den Bauarbeiten ist nach langwierigen juristischen Auseinandersetzungen bereits begonnen wurden.

Die Ängste der Bewohner versuchen die Behörden zu entkräften. Bleibt die Kritik am fehlenden Dialog. Hier hat die Stadt die Bürger jetzt gehört: So soll am Donnerstag, 23. Juli, eine Infoveranstaltung im Kultur- und Kongresszentrum stattfinden. Hier sollen die Vertreter der Planung mit allen Interessierten „auch die Konfliktpunkte erörtern“, so die Stadt.

Kein Spielraum für die Oberwöhrer

Ein Lichtblick? Heuschneider bleibt skeptisch. „Die Pläne sind fertig und die Modelle sind gebaut. Es gibt keinen Spielraum mehr.“ Er kritisiert, dass die Bevölkerung frühzeitig hätte miteingebunden werden müssen und „nicht am Schluss, wenn alles fertig ist“.

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