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Auserwählt wie die Sonne

Nach den umfassenden Renovierungen der Jahre 2013 und 2014 erstrahlt Maria als Himmelskönigin wieder im Rokoko-Glanz. Ursprünglich befand sich an der Westseite des Westvorbaus der Loreto-Kapelle, also ums Eck herum, eine weitere Sonnenuhr von Höttinger. Bei Renovierungsarbeiten im 19. Jahrhundert wurde sie entfernt.  Fotos: Frick
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Nach den umfassenden Renovierungen der Jahre 2013 und 2014 erstrahlt Maria als Himmelskönigin wieder im Rokoko-Glanz. Ursprünglich befand sich an der Westseite des Westvorbaus der Loreto-Kapelle, also ums Eck herum, eine weitere Sonnenuhr von Höttinger. Bei Renovierungsarbeiten im 19. Jahrhundert wurde sie entfernt. Fotos: Frick

Rosenheim - An der Loretokapelle am Rande der Loretowiese kann man bei schönem Wetter die Zeit ablesen. Seit 1755 befindet sich nämlich an der Südfassade des Westvorbaus eine Sonnenuhr des bedeutenden Rosenheimer Rokokomalers Joseph Anton Höttinger.

Als Himmelskönigin mit Krone sitzt die heilige Maria auf einem Wolkenthron und lächelt milde. Goldene Strahlen umgeben sie. Das Zepter ist ein Eisenstab, den sie in ihrer rechten Hand hält, und der weit aus der Bildfläche herausragt. Dieser Stab ist ein Gnomon, der Zeiger einer Sonnenuhr, denn Maria ist der Mittelpunkt dieser Uhr, deren Stunden die lateinischen Ziffern von VI bis XII bezeichnen.

Das Wandgemälde ist aufgebaut wie ein Emblem, also einer dreiteiligen Kombination aus einer Überschrift, einem Bild und einem das Thema erklärenden Text, wie es die Humanisten der Renaissance im 16. Jahrhundert entwickelt hatten.

Als Überschrift fungiert ein Chronostichon, also ein lateinischer Spruch im Versmaß des Hexameters mit einer verschlüsselten Zeitangabe. Die rot hervorgehobenen Buchstaben, die lateinischen Zahlzeichen entsprechen, verraten das Jahr der Entstehung: "ELeCta Vt SoL beat orbeM SpLenDore". Übersetzt heißt das: "Auserwählt wie die Sonne beglückt sie den Erdkreis mit Glanz." Richtig sortiert ergibt sich MDCLLLV, also 1755.

Im Barock und Rokoko waren diese Zahlen- und Wortspielereien sehr beliebt. "Electa ut sol" stammt aus dem Hohelied Salomos (Kapitel 6, Vers 9) und gehört zu den wichtigsten Mariensymbolen, wie sie auch in der Lauretanischen Litanei erscheinen. Ein Schriftband unter dem Bild Mariens erhellt dem Betrachter den Bezug zwischen Maria und der Zeit: "Stell deine Lebenstag' in Dienst Mariä ein / so wird die letzte Stund im Tod die beste sein." Maria erhält somit einen zweifachen Bezug zur Sonnenuhr: Sie strahlt wie die Sonne und steht in der Todesstunde bei.

Die 1635/36 errichtete Loretokapelle ist eine Stiftung des Gastwirts und Bürgermeisters Georg Schaur (1579 bis 1652), der einen Bau wie die "Casa santa", das heilige Haus der Gottesmutter Maria, gelobt hatte, als er auf einer Wallfahrt im Heiligen Jahr 1600 im italienischen Loreto schwer erkrankt war.

Der verheerende Stadtbrand 1641 zerstörte das gesamte Vermögen des Stifters, und damit auch den Unterhalt von Loreto. Über Jahrzehnte fehlte das Geld, um die Kapelle weiter auszustatten. 1752 kam frischer Wind in die Seelsorge und Verwaltung von Loreto, als zwei Männer ihre Posten neu antraten: der Benefiziat Lorenz Kunz und Johann Georg Höss, Rechnungsführer der Corpus-Christi-Bruderschaft, welche die finanzielle Verwaltung der Kapelle inne hatte.

Anbau ursprünglich mit zwei Uhren

1755 konnte nun im Westen ein Anbau angefügt werden, der über der offenen Halle im Erdgeschoss oben Platz bot für den Musikchor. Joseph Anton Höttinger erhielt umfangreiche Aufträge zur Verschönerung der beliebten Wallfahrtskirche. Im Inneren malte der Rokokomaler auf das Tonnengewölbe über dem Kirchenschiff einen blauen Wolkenhimmel, auf dem sich im Osten über dem Altarbereich fliegende Engel mit marianischen Symbolen und Spruchbändern mit Marien-Anrufungen tummeln. Am Gewölbe über dem Musikchor ergänzen musizierende Engel das Bildprogramm. Die Fassade erhielt an der Südseite vier Gemälde rund um Maria und der Westvorbau zwei Sonnenuhren.

Bemerkenswerterweise zählt Margaret Gatty (1809 bis 1873), Forscherin, Autorin und Pfarrersfrau in Yorkshire, in ihrem grundlegenden Werk über Sonnenuhren "The Book of Sun-Dials" mit gut 350 Beispielen aus England und Europa, erschienen 1872 in Cambridge, bereits die Höttinger‘sche Sonnenuhr auf. Offensichtlich gehörte die Sonnenuhr von Loreto zu den durchaus bekannten Sehenswürdigkeiten des 19. Jahrhunderts.

Folge 65

Das Werk

Sonnenuhr, 1755, Fresko, Südseite des Westvorbaus der Wallfahrtskirche Loreto, Ebersberger Straße 1, Rosenheim, Höhe etwa 110 Zentimeter, Breite zirka 120 Zentimeter.

Der Künstler

Joseph Anton Höttinger wurde 1722 in Schwaz in Tirol als Spross einer weit verzweigten Malerfamilie geboren. 1747 erwarb Höttinger in Rosenheim die Malergerechtigkeit des Josef Bartlme Weiß, fand damit die Aufnahme als Bürger und heiratete die Rosenheimerin Josepha Wolf (1720-1798).

1789 übergab Höttinger sein Wohnhaus in der Wiesengasse mit Werkstatt und Maler-Gerechtigkeit an seinen Sohn Franz Xaver Korbinian (1750-1806). 1798 starb Höttinger in Rosenheim mit 76 Jahren, kurz nach seiner Frau.

Joseph Anton Höttinger war der bedeutendste Rokokomaler in Rosenheim und gehörte als geachteter Bürger jahrelang dem Äußeren und Inneren Rat an; zeitweise war er Bürgermeister.

Den prominentesten Auftrag führte Höttinger 1762-1766 für die neu gebaute Klosterkirche Rott am Inn aus, wo er die drei Altargemälde "Hl. Maria Magdalena", "Hl. Franz Xaver" und "Hl. Leonhard" schuf.

In Rosenheim sind seine bemerkenswertesten erhaltenen Arbeiten die Fresken im Inneren der Loretokapelle (1755-1758) sowie die Gemälde am Hochaltar der Spitalkirche St. Joseph in der Innstraße (1755).

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