OVB-SERIE „SAFARI DAHEIM“

Auffälliger Vogel: Beim Kernbeißer ist das Weibchen der bessere Architekt

Beim Kernbeißer sind Männchen und Weibchen sehr ähnlich gefärbt. Hoheneder

War er noch vor Jahren hauptsächlich in Laub- und Mischwäldern zu finden, erobert er immer mehr städtische Domizile wie Friedhöfe, Stadtparks oder Streuobstwiesen. Der Kernbeißer, der sich in der 102. Folge der OVB-Serie „Safari daheim“ präsentiert, gilt als größter Vertreter der Finkenfamilie.

Von Sepp Hoheneder

Rosenheim – Obwohl der Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes) fast Starengröße erreicht und somit den größten Vertreter der Finkenfamilie darstellt, bekommt man ihn in der Vegetationszeit nur selten zu Gesicht. Denn dann hält er sich häufig in den dichtbelaubten Baumkronen auf.

Kolossale Kegel-Schnabel

Beide – Männchen und Weibchen – sind sehr ähnlich gefärbt. Auffällig ist der kolossale Kegel-Schnabel. Im Verhältnis zum Körper hat der Kernbeißer den allergrößten Schnabel aller Singvögel. Seine Gestalt ist gedrungen, der Kopf zimtbraun. Ein graues Nackenband unterbricht den dunkelbraunen Rücken.

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Die Zügel bis knapp hinters Auge und der Kehlfleck sind rabenschwarz. Die Schwungfedern sind blau-schwarz und zeigen ein weißes Band, das besonders im Flug gut sichtbar wird. Die Unterseite ist rot-braun. Der grau-schwarze Schwanz hat am Ende eine weiße Binde. Die Beine sind fleischfarben und die Augen haben eine braune Iris. Die Weibchen sind etwas matter gefärbt als die Männchen. Der Kegelschnabel ist in der Balz- und Sommerzeit beim erwachsenen Vogel blaugrau und in der Winterzeit dunkelgrau.

Parallele Schneidekanten

Kirschkerne sind das Leibgericht des Kirschkernbeißers – so wird er nämlich im Volksmund auch genannt. Im Oberschnabel besitzt er mehrere parallele Schneidekanten, die im Verbund mit einer starken Muskulatur immensen Druck erzeugen können. Am besten kann man es nachvollziehen, wenn man selbst einen Kirsch- oder Zwetschgenkern aufbeißen möchte.

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Den wenigsten wird das gelingen, ganz zu schweigen davon, dass die Zähne arg in Mitleidenschaft gezogen werden. Rein rechnerisch ist für eine Kirschkernöffnung die Kraft von knapp 50 Kilogramm und für einen Zwetschgenkern sogar bis 70 Kilogramm notwendig. Natürlich sind Kirsch- und Zwetschgenkerne nicht die einzige Nahrung des Kernbeißers. Sein Nahrungsspektrum ist weit größer und sehr von der jeweiligen Jahreszeit abhängig.

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Die Hauptnahrung besteht aus Samen von Laubbäumen sowie deren Früchte. Ahorn, Rotbuche, Eschen und Ulmen stehen dabei an erster Stelle. Dazu kommen noch Schlehdorn, Traubenkirsche, Hagebutten und auch die roten Beeren der giftigen Eibe werden nicht verschmäht. Wichtig sind im Winter und Frühjahr Knospen und junge Triebe. Nur die Nestlinge brauchen in der Aufzuchtzeit tierische Nahrung. In der Anfangszeit sind es fast nur Raupen. Größere Junge bekommen alle Arten von Insekten, aber auch Spinnen und Regenwürmer.

Laub- und Mischwald optimaler Lebensraum

In reinen Nadelwäldern wird man den Kernbeißer kaum zu sehen bekommen. Sein optimaler Lebensraum sind lichte Laub- und Mischwäler mit einer gut ausgebildeten Kraut- und Strauchschicht. In der Region halten sie sich gerne in Auwäldern aber auch in Altholzbeständen von Buchen auf.

Was auffällig ist: Immer mehr Kernbeißer tauchen außerhalb von Wäldern auf. Man trifft sie dann in großen Stadtparks, auf Friedhöfen mit alten Baumbeständen sowie auf Streuobstwiesen. Seit 50 Jahren kann man eher eine Tendenz zur Verstädterung feststellen, das sicher durch eine üppige Winterfütterung gefördert wird.

Im Winter am Futterhäuschen

So scheu der Vogel im Sommer ist, im Winter am Futterhäuschen ist davon nichts mehr zu bemerken. Oft in kleinen Trupps beherrschen sie das Futterhäuschen oder den Boden darunter und kleinere Arten müssen geduldig warten. Als Vogelfutter bevorzugt der Kernbeißer Sonnenblumenkerne, nicht gesalzene Erdnüsse, Fettfutter und Kleinsämereien. Ende März und Anfang April findet die Revierbesetzung und die Balz statt.

Häufigster Ruf ist ein stahlhartes Pix. Der Gesang ist leise und unauffällig, ein Stottern hoher und unreiner Töne. Vorigjährige Vögel sind schon geschlechtsreif. Der Kernbeißer brütet einmal im Jahr. Wenn er sein erstes Gelege verliert, kann es ein Ersatzgelege geben. Häufig brüten Gruppen von drei bis sechs Paaren in weiterer Umgebung.

Klassische Kolonienbrüter

Man kann sie deshalb aber nicht als klassische Kolonienbrüter bezeichnen. Ist das Nest gebaut – der bessere Arbeiter und Architekt ist dabei das Weibchen – werden vier bis sechs Eier gelegt, die vom Weibchen fast alleine bebrütet werden. Das Männchen ist in der Zeit für die Nahrung zuständig.

Sind die Jungen geschlüpft, so versorgen beide Elterntiere die Jungen. Nach 14 Tagen verlassen die Jungen das Nest und werden noch zweieinhalb Wochen von den Alten versorgt. Nach circa 30 Tagen sind die Jungen selbstständig. Nach der Brutzeit suchen die Kernbeißerfamilien gezielt tragende Kirschbäume.

Früher oftmals im Käfig gehalten

Die Kernbeißer in der Region sind in der Regel Standvögel, die in Trupps zwar umherziehen. Wenn ihnen aber ein Gebiet zusagt und dort vor allem genügend Nahrung vorhanden ist und relative Sicherheit herrscht, kann man sie den ganzen Winter über beobachten. Wegen ihrer Schönheit wurden sie früher oft als Käfigvögel gehalten. Seit langem sind aber Wildfänge nach dem Naturschutz in Deutschland und fast überall in der EU verboten.

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Nur Nachzuchten aus in Gefangenschaft gezüchteten Tieren mit den erforderlichen Nachweisen dürfen mit Erlaubnis noch gehalten werden. Schöner wäre es – vor allem für den Vogel – wenn er sich frei in unserer Welt bewegen dürfte. Dann könnte er sich wirklich als Finkenkönig bezeichnen.

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