Von den Nazis deportierte Jüdin

„An ihr Schicksal erinnern“: Professor Dr. Manfred Treml aus Rosenheim über Lisi Block

Die Fassade des alten Filmpalasts in der Samerstraße schmückt seit einiger Zeit ein Bildnis von Lisi Block. Die Jüdin hat in Niedernburg bei Prutting gelebt und ist 1942 mit ihrer Familie von Nationalsozialisten deportiert worden.
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Die Fassade des alten Filmpalasts in der Samerstraße schmückt seit einiger Zeit ein Bildnis von Lisi Block. Die Jüdin hat in Niedernburg bei Prutting gelebt und ist 1942 mit ihrer Familie von Nationalsozialisten deportiert worden.
  • vonAlexandra Schöne
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Rosenheim – An einer der Wände am alten Filmpalast in der Samerstraße ist ein gemaltes Bild von Elisabeth („Lisi“) Block. Der Historiker Professor Dr. Manfred Treml (76) aus Rosenheim spricht über die junge Jüdin, die von Nationalsozialisten 1942 deportiert worden ist.

Herr Treml, was halten Sie von dem Bild von Lisi Block am Filmpalast? Ist sie gut getroffen?

Manfred Treml: Vom Erscheinungsbild her ist sie auf dem Bild durchaus getroffen. Es sieht ihr ähnlich. Ich finde die künstlerische Bearbeitung des Themas erfreulich, denn so etwas hatten wir noch nie.

Der alte Filmpalast wird abgerissen und damit verschwindet auch das Bild der Lisi Block.

Treml: Das ist schade, aber da kann man vermutlich nichts machen. Abnehmen kann man es wahrscheinlich nicht, aber durch Fotos lässt es sich erhalten.

Wer war Lisi Block?

Elisabeth („Lisi“) Block aus Niedernburg.

Treml: Sie wurde 1923 geboren. Lisi war ein Mädchen aus einer jüdischen Familie, die in den 20er Jahren aus Hannover nach Niedernburg gezogen ist. Die Familie hat hier gut integriert gelebt. Sie waren nicht sehr fromm und nicht mit der jüdischen Gemeinde in München verbunden. Lisi hat sieben Jahre lang Tagebücher geschrieben, die später auch veröffentlicht worden sind. Dadurch bin ihr sehr nahe gekommen, habe sie kennengelernt. Sie war sehr naturliebend, ist gerne gewandert. Sie hat gelesen und geschrieben. Die ganze Familie war sehr gebildet. Sie ist auf die heutige Städtische Realschule für Mädchen gegangen.

Wann hat sich ihr Leben grundlegend geändert?

Treml: Das war 1938, als Lisi Block und ihre Schwester nicht mehr auf die Schule gehen durften. Irgendwann mussten alle einen gelben Davidstern aufgenäht auf der Kleidung tragen. 1940 wurde ihr Vater zur Zwangsarbeit beim Gleisbau im Allgäu verpflichtet. Ein Jahr später mussten die beiden Schwestern auf einem Bauernhof arbeiten. Dort wurden sie aber durchaus menschlich behandelt. Die Familie wurde trotzdem auseinandergerissen. Das alles hat Lisi in ihrem Tagebuch festgehalten. Es war erschütternd, das zu lesen.

Wie und wann ist Lisi Block gestorben?

Treml: Das weiß man nicht genau. Aber es wird vermutet, dass es 1942 oder 1943 gewesen ist. 1942 wurde die Familie erst in das Judenlager Milbertshofen in München gebracht. Dann wurden sie in das polnische Lager Piaski deportiert. Wenn Lisi Block in einer anderen Zeit gelebt und es diesen rassistischen Umgang nicht gegeben hätte, wäre sie jetzt noch hier. Ihr Leben wurde mit Gewalt beendet. Das muss man sich klar machen.

Warum ist es so wichtig, dass an Lisi Block erinnert wird?

Treml: Viele wissen gar nichts mehr von der Lebenswelt der Juden. Vor allem viele junge Leute. Darum ist es gerade in unserer Gegend so wichtig, an solche Schicksale zu erinnern, auch optisch. Und zwar in jeder Generation. Man muss wissen, dass das System, dass die Nazis geschaffen haben, Menschen dazu gebracht hat, solch ein Unrecht zu begehen. Und das darf nicht wieder passieren.

Was wünschen Sie sich für das Vermächtnis von Lisi Block in der Zukunft?

Treml: Ich habe mich lange darum bemüht, dass die Städtische Mädchenrealschule in Elisabeth-Block-Schule umbenannt wird. Das hat bisher nicht funktioniert. Aber vielleicht könnte man den Platz vor der Schule nach Lisi Block benennen. Oder eine Stele als Erinnerung aufstellen. Im Unterricht an den Schulen muss ihr Schicksal immer wieder behandelt und thematisiert werden, damit es nicht in Vergessenheit gerät.

Infos zu Professor Dr. Manfred Treml:

Professor Dr. Manfred Treml aus Rosenheim.

Professor Dr. Manfred ist gebürtiger Eggenfeldener und hat in München Geschichte, Germanistik und Sozialkunde studiert. Er hat zahlreiche Ausstellungen erarbeitet und betreut, wie zum Beispiel die Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Dachau. Er ist unter anderem Herausgeber der Tagebücher der Elisabeth Block, der Aufsätze zur Geschichte und Kultur der Juden in Bayern und Autor vieler anderer Monografien und Schriftstücke. Er sitzt dem Freundeskreis des Hauses der Bayerischen Geschichte vor und ist Ehrenmitglied des Historischen Vereins Rosenheim.

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