Kompetenzzentrum „Berufliche Teilhabe“

Neues Angebot in der Diakonie Rosenheim: Die Alternative zur Behindertenwerkstatt

Ein eingespieltes Team: (von links) Franziska Schneider, Leiter vom Kindergarten Klabautermann Marco Maus, Teilnehmerin Nicole Köck, Michael Jahn, Leiter Anderer Leistungsanbieter und Kompetenzzentrum für berufliche Teilhabe und Therese Kastenhuber.
+
Ein eingespieltes Team: (von links) Franziska Schneider, Leiter vom Kindergarten Klabautermann Marco Maus, Teilnehmerin Nicole Köck, Michael Jahn, Leiter Anderer Leistungsanbieter und Kompetenzzentrum für berufliche Teilhabe und Therese Kastenhuber.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
    schließen

Behindertenwerkstätten sind ein sicherer Arbeitsplatz für Menschen mit Handicap. Aber es gibt auch Alternativen. Das Kompetenzzentrum „Berufliche Teilhabe“ der Diakonie Rosenheim vermittelt Menschen mit einer Beeinträchtigung in den allgemeinen Arbeitsmarkt in der Region.

Rosenheim – Nicole Köck (23) hatte schon immer eine soziale Ader. Als kleines Mädchen träumte sie von einer Karriere als Kindergärtnerin oder Altenpflegerin. Das Problem: Die 23-Jährige hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche, hatte schon in der Schulzeit große Schwierigkeiten und machte nie eine Ausbildung. Schlechte Voraussetzungen für ihren Traumjob – oder irgendeinen anderen Job. Was blieb, war die Arbeit in der Behindertenwerkstatt.

Seit April im Dienst der Diakonie

Drei Jahre ist sie dort gewesen, arbeitete in der technischen Montage. Zu ihren Aufgaben gehörte die Vorbereitung von Schrauben, das Säubern und Bekleben von Glasflaschen sowie das Verpacken von Waren. Sie hatte Spaß an der Arbeit, wollte aber einfach mehr – für sich selbst, aber auch für ihren dreijährigen Sohn.

Auf Anhieb verstanden

Über Bekannte stellte sie den Kontakt zur Diakonie Rosenheim her und traf dort zum ersten Mal auf Michael Jahn (50). Die beiden verstanden sich auf Anhieb.

Jahn arbeitet seit April 2019 bei der Diakonie. War davor für 16 Jahre im beruflichen Fortbildungszentrum in Rosenheim und kümmerte sich dort um die Vermittlung von Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen.

Menschen mit Beeinträchtigung sollen Job finden

Das Prinzip bleibt das Gleiche, er vermittelt noch immer. Schon von Anfang an sei es sein Ziel gewesen, Menschen mit einer Beeinträchtigung dabei zu helfen, einen Job zu finden.

Lesen Sie auch:

Inklusion am Arbeitsplatz: In Traunstein läuft‘s, in Bernau nicht

„Für Menschen wie Nicole Köck gab es in den vergangenen Jahren nur die Optionen: Zu Hause sitzen oder in der Behindertenwerkstatt arbeiten“, sagt Jahn. Für ihn und seine Kollegen fehlt eine Alternative.

Vorreiter in Hamburg und Köln

Sie wollen Menschen mit einer Beeinträchtigung auch am normalen Arbeitsmarkt unterbringen. Vorreiter gibt es einige. Jahn orientiert sich an den erfolgreichen Modellen in Hamburg und Köln. Er lernt von ihnen, stellt, gemeinsam mit seinen Kollegen von der Diakonie, eine Plattform auf die Beine. Das Kompetenzzentrum für berufliche Teilhabe entsteht.

Lesen Sie auch:

Hilfe zum selbstbestimmten Leben

Er telefonierte viel, besuchte Firmen und versuchte, seine Vision unter die Leute zu bringen. Er suchte vor allem nach Betrieben, mit einer „sozialen Einstellung“, wie er sagt.

Besondere Zuwendung ist notwendig

Denn: Oft können Menschen mit Einschränkungen nicht acht Stunden am Stück arbeiten, seien weniger leistungsfähig und brauchen eine besondere Zuwendung. Michael Jahn weiß das, lässt sich davon nicht beirren. Auch weil er bereits 16 Jahre lang in dem Bereich gearbeitet hat, weiß, wo und wen er anrufen muss.

Großküche, Konditorei und It-Unternehmen

Nach und nach findet er Betriebe, die von der Idee begeistert sind. Mit dabei sind ein Cafe, eine Großküche, eine Konditorei, ein IT-Unternehmen, eine Post sowie eine Wäscherei. Sie alle schreiben Inklusion groß, wollen Menschen mit einer Beeinträchtigung unterstützen.

Erstellung eines Fähigkeitsprofils

In den ersten drei Monaten lernen sich Nicole Köck, Michael Jahn und die Inklusionsberaterin Ana Bubalo kennen. Nach den Gesprächen wird ein sogenanntes Fähigkeitsprofil erstellt. Jahn fasst Schul- und Berufsabschlüsse zusammen, schreibt persönliche Fähigkeiten auf. Zudem besorgt er der 23- Jährigen ein Praktikum in einer Kindertagesstätte.

Lesen Sie auch:

Attl-Bewohner und Autist René lässt sich von Corona nicht bremsen

„Dadurch können wir feststellen, ob sie für einen sozialen Beruf wirklich geeignet ist“, sagt Jahn. Auch nach dem Praktikum steht für die junge Mutter fest: Sie will Kindergärtnerin werden. Und auch die Erzieherinnen vom Kindergarten sind, so Jahn, von ihrer neuen Mitarbeiterin begeistert.

Vollzeitstelle im Kindergarten

Mittlerweile arbeitet die junge Mutter im Kindergarten. Sie hat eine Vollzeitstelle. Einmal in der Woche trifft sie sich mit den Inklusionsberatern und anderen Teilnehmern. In Gesprächen tauschen sie sich über ihre Erfahrungen aus, sprechen offen an, was sich verbessern muss. Hin und wieder nimmt auch Michael Jahn an diesen Treffen teil. Er ist zufrieden mit dem Erreichten, freut sich, dass es mittlerweile eine Alternative zur Behindertenwerkstatt gibt. „Es gibt für jeden eine Nische und wir finden sie.“ Nicole Köck jedenfalls hat ihre Nische gefunden.

Mehr Informationen: Das Kompetenzzentrum „Berufliche Teilhabe“ der Diakonie Rosenheim hilft Menschen mit Handicap bei der Suche nach einem sicheren Arbeitsplatz. Hier werden Unterlagen gesichtet und das Unterstützernetzwerk befragt, um den an einer beruflichen Reha interessierten Menschen zu beraten. Darüber hinaus werden im Kompetenzzentrum Qualifizierungen entwickelt, die Menschen mit Handicap auch ein Zertifikat ermöglichen, die ihre Chancen im Berufsleben erhöhen. Ein Ergebnis der Beratung kann sein, dass der Interessent direkt in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt wird, es gab aber auch schon Vermittlungen in Zuverdienstmaßnahmen, in Werkstätten, aber natürlich auch in die Maßnahme „Anderer Leistungsanbieter“. Von den 18 Plätzen, die die Diakonie in Rosenheim und München seit September 2019 anbietet, sind im Moment zwölf belegt. Aktuell stehen aber gut ein Dutzend auf der Warteliste. Sobald Firmen wieder bereit sind, Praktikanten aufzunehmen, können die Teilnehmer kurzfristig aufgenommen werden. • Mehr Infos unter Telefon: 08031/284518 oder per Mail an anderer-leistungsanbieter@sd-obb.de

Kommentare