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Alten Dingen neues Leben einhauchen

Rosenheimer Repair-Café nach Corona-Pause wieder geöffnet und der Andrang ist groß

Auf der Such nach der Fehlerquelle: Michael Diegelmann und Helmut Stollmayer versuchen, die Brotschneidemaschine wieder zum Laufen zu bringen.
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Auf der Such nach der Fehlerquelle: Michael Diegelmann und Helmut Stollmayer versuchen, die Brotschneidemaschine wieder zum Laufen zu bringen.
  • VonRebecca Seeberg
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Von der Brotschneidemaschine bis zum Radl: Die Bastler des Rosenheimer Repair-Cafés haben nach der coronabedingten Zwangspause wieder alle Hände voll zu tun. Dabei helfen sie den Bürgern nicht nur beim Sparen, sondern haben auch die Nachhaltigkeit im Blick.

Rosenheim – „Das ist es! Die Diode ist kaputt!“, ruft Michael Diegelmann, springt auf und saust auf seinem Radel nach Hause, um kurze Zeit später mit einem ganzen Kästchen solcher silberfarbener Kleinteile wiederzukommen. Dieses elektronische Bauelement werde häufig zur Umwandlung von Wechselspannung in Gleichspannung genutzt, ergänzt der Physiker dem Besitzer der Brotschneidemaschine, die aufgeschraubt vor ihm auf dem Tisch liegt.

Kolpingsfamilie ist der Träger

Im Repair-Café Rosenheim wird seit Januar 2015 unter der Trägerschaft der Kolpingsfamilie Rosenheim alten Gegenständen wieder neues Leben eingehaucht. Vieles werde weggeworfen, weil es billiger ist, etwas Neues zu kaufen. Reparaturen würden sich oft nicht mehr lohnen.

Und das Reparieren an sich sei einfach aus der Mode gekommen, sagt zumindest Georg Schmid, Projektleiter und einer der Initiatoren der Zusammenkunft. Das Repair-Café Rosenheim stellt sich gegen diese Mentalität mit dem Leitsatz: „Wegwerfen? Denkste!“ Die Ideengeberin, eine holländische Journalistin, gründete 2009 das erste Repair-Café weltweit. Mittlerweile gibt es rund 600 solcher Initiativen allein in Deutschland.

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2018 wurde die Gruppe mit dem Umweltpreis der Stadt Rosenheim ausgezeichnet. Jährlich wird dieser an ausgewählte Initiativen vergeben, die sich besonders für den Schutz der Umwelt einsetzen. Denn wer seine kaputten Gegenstände statt zur Tonne zum Repair-Café bringt, der trägt dazu bei, dass weniger Müll produziert wird. Und dass die Entsorgung und Verwertung von Müll eine der großen Herausforderungen unserer Zeit sind, das verdrängen wir Mitteleuropäer gerne.

Der Weckruf kam 2018 von China, die unseren Plastikmüll plötzlich nicht mehr wollten. Wohin damit? Das Modell „Repair-Café“ bietet auf regionaler Ebene eine Alternative zur Wegwerfmentalität, zum Dilemma des unbeschränkten Wachstums bei beschränkten Ressourcen.

Und das ist mehr als zeitgemäß und mit Blick auf den Klimawandel faktisch notwendig – dadurch, dass nichts Neues produziert werden muss, gelangt auch weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre. Das Repair-Café ist eine Initiative, bei der die Region von unten an Veränderungen mitwirken kann. Das passiert unkompliziert und nebenbei, während man zusammenkommt zum Plaudern und Tüfteln.

Ein „Chiemgauer“ als Belohnung

Wer seinen kaputten Gegenstand ins Repair-Café bringt statt auf den Sperrmüll, der wird seit August sogar noch zusätzlich mit einem „Chiemgauer“ belohnt. Denn die Regionalwährung, mit der man in Rosenheim mittlerweile in über 30 Geschäften bezahlen kann, verschenkt Chiemgauer an Personen, die sich besonders klimafreundlich verhalten, erklärt Christian Gelleri, einer der Initiatoren dieses „Klimabonus“.

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Dabei wurde man eigentlich schon genug belohnt, wenn nach Wochen das Licht am Radl endlich wieder leuchtet. Peter Rohr – eine Art MacGyver unter den Fahrradmechanikern – zuckt mit den Schultern. Er repariert zusammen mit seinem Kollegen Peter Wiser jeden Mittwoch Fahrräder für Kinder und Jugendliche im Viertel und macht kein großes Aufheben um seine Hilfe.

Es ist ganz einfach: die, die reparieren haben Freude daran zu tüfteln. Und die, die kaputte Gegenstände bringen, können ihr Glück kaum fassen, wenn sie wieder funktionieren. Über 1.500 Dinge wurden bisher ins Repair-Café Rosenheim gebracht, davon fast 1.000 Elekrogeräte und über 100 Fahrräder. Repariert werden konnten über die Hälfte der kaputten Gegenstände.

Funktionsweise nachvollziehen

Der erste Schritt einer Reparatur, insbesondere von Elektrogeräten ohne Bauplan, sei immer, dessen Funktionsweise nachzuvollziehen, erklärt Michael Diegelmann (70), pensionierter Physiker für Elektrotechnik. Für die Brotschneidemaschine hat er sich einen Schaltplan skizziert: Nun sitzt er neben dem offenen Bauch des Gerätes, aus dem Kabel und Platine heraushängen und testet mit einem Multimeter die Spannung.

Der Kunde ist zuversichtlich

Der Kunde Helmut Stollmayer sitzt daneben – offensichtlich zuversichtlich, dass er sein Küchengerät am Ende des Abends wieder zugeschraubt und funktionierend in Empfang nehmen wird. Einige der Reparaierenden und Kunden würden eben zu einer Generation gehören, da wurden noch repariert, erklärt Bettina Maier, Buchbindermeisterin und seit Anfang an beim Projekt dabei. Aber auch ein junger Ingenieur, 35 Jahre alt, sitzt da und klebt und bastelt an einem kaputten Wasserkocher. Warum? Für die Umwelt und fürs soziale Miteinander, sagt er.

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Als sich die Duos aufzulösen beginnen, sitzen nur noch Michael Diegelmann und Helmut Stollmayer da. Rundherum um die alte Schneidemaschine stehen fachsimpelnd die Elektriker, Mechaniker und Ingenieure.

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