Gericht unterstützt wachsende innere Stärke der Angeklagten - Bewährungsstrafe für Einbruch

Absprung aus Drogensumpf

Rosenheim - Das Jugendschöffengericht unterstützte die positive Entwicklung einer ehemals Drogenabhängigen. Die junge Frau war seit dem achten Lebensjahr süchtig. Dem offensichtlich erfolgreichen Neustart wollte das Gericht nicht im Wege stehen.

Nach Aktenlage drohten der nun 21-Jährigen eine mehrjährige Gefängnisstrafe und eine gerichtlich verordnete Zwangstherapie in einer geschlossenen Anstalt. Im Ok-tober 2010 hatte sie im Hamburger Ortsteil Framsen eingebrochen. Sie hatte die Fensterscheibe eines Wohnhauses eingeschlagen und alles Mögliche eingepackt, das sich zu Geld für den Drogenkauf machen ließ. Nur eine Stunde später wurde sie jedoch samt Beute geschnappt. Die klassische Straftat zur Drogenbeschaffung gab die Angeklagte auch unumwunden zu.

Die in Salzgitter geborene Frau erlebte von Kindesbeinen an Prügel und Vernachlässigung. Nach der Scheidung der Eltern lebte sie als Achtjährige beim drogensüchtigen Vater, der sie bei Bedarf mit Heroin ruhig stellte. Als man das Mädchen dort wegholte, durchwanderte es ein Heim und eine Erziehungsanstalt nach der anderen, bis die junge Frau schließlich als Süchtige auf der Straße lebte. Drogendelikte, Beschaffungsdiebstähle und Körperverletzungsstraftaten innerhalb der Szene waren die zwangsläufige Folge. Seit über elf Jahren hat sie zu ihren Eltern keinerlei Kontakt. Verwandtschaftliche Bezugspersonen: Fehlanzeige.

Einbruch während offener Bewährung

Weil sie seit November 2010 in Rosenheim lebt, wurde die Anklage hierher überstellt. Als die 21-Jährige die Tat beging, stand sie noch unter offener Bewährung aus einer vorhergehenden Verurteilung wegen Körperverletzung, Beleidigung, Hausfriedensbruch und dergleichen mehr aus dem Jahre 2009. Nicht nur bei ihren Taten, auch während der damaligen Gerichtsverhandlung war sie "zugedröhnt".

Nach Rosenheim war sie "der Liebe wegen" umgezogen. Die Angeklagte hatte ihre jetzige Lebensgefährtin, eine gebürtige Rosenheimerin ohne jegliche Vorstrafe und ohne Kontakt zur Drogenszene, im Internet kennengelernt und war mit ihr zusammengezogen. Damit vollzog sich eine unglaubliche Wandlung: Sowohl ihre Bewährungshelferin als auch die medizinisch-psychologische Sachverständige berichteten übereinstimmend, dass sie seither nicht nur drogenfrei lebe. Ein Drogentest hatte das bereits bestätigt. Darüber hinaus sei sie erstmals in ihrem Leben dauerhaft in einem Arbeitsverhältnis, das ihr nun auch eine fundierte Ausbildung ermögliche. Weil sie hier in Bayern fernab von allen früheren Drogenkontakten wohnt und in ihrer Lebensgefährtin eine echte Stütze finde, habe sie alle Chancen, den Absprung aus ihrem unverschuldet chaotischen Vorleben zu schaffen.

Das überzeugte auch die Staatsanwältin. Obschon die Vorstrafenliste eine ganz andere Sprache spreche und obgleich Rückfallgeschwindigkeit und offene Bewährung eine unbedingte Gefängnisstrafe eigentlich zwingend machten, müsse man doch die Entwicklung der Angeklagten beachten und fördern. Sie beantragte in ihrem Schlussvortrag eine moderate Strafe, die angesichts der heutigen Situation nochmals zur Bewährung ausgesetzt werden könne, selbstverständlich unter stabilisierenden Bewährungsauflagen.

Die Verteidigerin, Rechtsanwältin Sandra Staber, unterstrich die wachsende innere Stärke ihrer Mandantin, die unterstützt und gefördert werden müsse. Nur dann sei eine straffreie Existenz zu erwarten.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Verena Köstner erkannte das im Urteilsspruch an. Die Verurteilung zu einer Gesamtstrafe von 16 Monaten Jugendgefängnis setzte es zur Bewährung aus, weiterhin begleitet von der Bewährungshilfe und einer ambulanten Therapie. Richterin Köstner: "Es ist wohltuend und schön zu sehen, wie sich hier jemand ernsthaft bemüht, den Absprung aus einer verheerenden Vergangenheit mit eigener Kraft zu schaffen." au

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