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Interview mit Rosenheims neuem Trainer

„Die Spieler haben auf so etwas Bock“: 1860-Trainer Florian Heller vor dem Saisonstart

Florian Heller bestreitet am Sonntag sein erstes Pflichtspiel als Herrentrainer.
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Florian Heller bestreitet am Sonntag sein erstes Pflichtspiel als Herrentrainer.
  • Thomas Neumeier
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  • Hans-Jürgen Ziegler
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Kurz vor dem Start in die neue Regionalliga-Saison spricht Florian Heller, der neue Trainer des TSV 1860 Rosenheim, über Ansprüche im Rosenheimer Fußball, Anforderungen an Talente und Anstrengungen durch die vielen Englischen Wochen.

Rosenheim – Mit einem Auswärtsspiel bei der zweiten Mannschaft der SpVgg Greuther Fürth startet der TSV 1860 Rosenheim in die neue Saison der Fußball-Regionalliga Bayern. Für den Sechziger-Coach Florian Heller (39) ist dies das erste Herren-Pflichtspiel in seiner Trainerlaufbahn. Vor dem Auftakt-Wochenende spricht der gebürtige Rosenheimer und Ex-Profi – Stationen bei Bayern München II, Greuther Fürth, Ergebirge Aue, Mainz 05, FC Ingolstadt und SpVgg Unterhaching – über Ansprüche im Rosenheimer Fußball, Anforderungen an Talente und Anstrengungen durch die vielen Englischen Wochen.

Es ist Ihr erstes Pflichtspiel als Trainer einer Herrenmannschaft. Mit welchem Gefühl starten Sie?

Florian Heller: Mit einer großen Portion Aufgeregtheit. Je näher der Tag kommt, umso größer wird die Spannung, das merke ich schon. Auf der anderen Seite aber auch mit einem Riesen-Fragezeichen, weil ich nicht weiß, was auf uns zukommen wird. Es ist also eine Mischung aus beidem.

„Man weiß nicht, wo man steht“ ist zu Saisonbeginn so ein altbekannter Satz. In der aktuellen Situation mit der langen Corona-Pause und dem Umbruch in der Mannschaft gilt das für 1860 aber doppelt, oder?

Heller: Das stimmt, das sind zwei brutale Komponenten. Fürth hatte das das Privileg, dass es als Nachwuchsleistungszentrum durchtrainieren durfte, wir sind quasi sieben Monate lang am Inndamm gelaufen. Es steht außer Frage, dass wir das am Ende dann auch richtig einordnen müssen. Aber das ist ja die große Unbekannte: Wo stehen wir? Was kommt auf uns zu? Können wir das Tempo halten? Wie gesagt: Viele Fragezeichen!

Wenn es ein normaler Saisonanfang wäre, dann hätte 1860 Rosenheim als langjähriger Regionalligist vielleicht einen Vorteil, weil sich eine junge Fürther Truppe noch an den Herrenfußball gewöhnen muss!

Heller: Das sehe ich jetzt tatsächlich ganz anders. Man muss in Rosenheim froh sein, dass man Regionalliga spielen kann, das muss auch endlich mal in die Köpfe rein. Diese Erwartungshaltung, dass Rosenheim in der Regionalliga Bayern konkurrenzfähig spielen kann, ist nicht normal! Für uns ist das ein Riesen-Zuckerl! Solche Regionalliga-Spieltage müssen für uns Feiertage sein!

Was ist denn für den Rosenheimer Fußball in Ihren Augen normal?

Heller: Normal wäre es, die Philosophie, die wir jetzt fahren, in Angriff zu nehmen. 1860 Rosenheim hat schon immer eine extrem gute Jugendarbeit ausgezeichnet. Jetzt hatte die mal ein paar Jahre einen Hänger, aber das ist wieder aufgeholt worden. Und jetzt musst du deine eigenen Spieler auf den Rasen bringen, sofern die auch wollen und den Weg mitgehen können. Aber nur das kann der Weg von 1860 Rosenheim sein.

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Wie weit sind diese Spieler aus dem eigenen Nachwuchs schon?

Heller: Die sind weiter, als wir es ihnen zugetraut hätten. Wir haben schon gewusst, dass in den Jungs ganz viel Talent steckt. Deshalb haben wir vier Spieler in den Kader aufgenommen und ihnen gesagt, dass sie schnell adaptieren und im Herrenfußball ankommen müssen. Nach fünf Wochen Vorbereitung kann ich sagen, dass dieser Schritt extrem schnell gegangen ist. Das war so nicht zu erwarten und ist jetzt schon ein Riesenerfolg. Jetzt geht es darum, dass man das formt und die Jungs dementsprechend Spielzeit bekommen.

Das Stichwort heißt dann wohl Wettkampfhärte.

Heller: Das auch, ganz klar. Dazu kommen auf die Jungs durch die Englischen Wochen Zeiten zu, die sie so noch nicht erlebt haben. Sie müssen lernen, was das heißt, wie man sich in diesen Zeiten verhält, wie man sich ernährt oder auch schläft. Das ist ja für die völliges Neuland. Aber das wird nicht nur unsere jungen Spieler vor extreme Herausforderungen stellen, sondern die ganze Truppe.

Wer soll die Jungen führen?

Heller: In allererster Linie der Trainer. Und dann brauchst du einfach vier, fünf Ankerspieler, die auf dem Platz der verlängerte Arm des Trainerteams sind. Im Jugendbereich kannst du als Trainer einiges abfangen, aber im Herrenbereich brauchst du eine Mannschaft, die sich einig ist, und die auch in schweren Situationen zusammensteht.

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Gehören auch die Neuzugänge zu Ihren Ankerspielern?

Heller: Das wird sich herauskristallisieren. Man darf jetzt nicht den Fehler machen und erwarten, dass Sascha Marinkovic, Tom Steinherr und Tim Kießling, die zum Schluss verpflichtet wurden, von jetzt auf gleich bei 100 Prozent sind. Ihnen muss man Zeit geben – wohlwissend, dass sie eine Mannschaft führen können.

Mit den vielen Englischen Wochen ist nicht viel Zeit für die Integration vorhanden!

Heller: Nein. Deswegen wird es auch spannend sein, wie lange wir benötigen, dass die Abläufe im Spiel passen, Automatismen greifen und Dinge in Fleisch und Blut übergehen. Die haben wir tatsächlich noch nicht. Wenn du so viele Neuzugänge integrieren und so viele Abgänge kompensieren musst, dann kannst du nicht davon ausgehen, dass jetzt schon inhaltlich alles auf den Punkt steht. Das ist tatsächlich ein Prozess, der für uns noch ein paar Wochen dauern wird.

Kann man in einer Phase, in der man von einem Spiel zum nächsten hetzt, überhaupt Spieler integrieren, eine Spielphilosophie einbringen, Inhalte trainieren und junge Akteure weiterentwickeln?

Heller: Nein, das ist nicht möglich. Gerade in den Englischen Wochen geht es ausschließlich darum, dass du die Jungs am Spieltag wieder auf den Punkt hast. Standardsituationen kann man machen und Dinge, die von der Belastung her eher niedrig sind. Aber gerade im gruppen- und individualtaktischen Bereich wirst du relativ wenig machen können.

1860-Coach Heller: „Die Mannschaft ist auf Anweisungen von außen angewiesen.“

Für einen Trainer eine blöde Situation!

Heller: Nicht unbedingt. Der Vorteil solcher Englischer Wochen ist, dass die Spieler auf so etwas extrem Bock haben. Die spielen ja lieber, als dass sie trainieren. Es kann auch passieren, dass du in einen Flow reinkommst und die Spiele dann zum richtigen Zeitpunkt kommen.

Was können Sie der Mannschaft in diesen Englischen Wochen mitgeben?

Heller: Für uns als Trainerteam wird die größte Herausforderung sein, die Trainingseinheiten zwischen den Spielen so zu gestalten, dass du die Jungs zum Spiel wieder auf den Punkt da hast, körperlich in einem Zustand, in dem sie auch Regionalliga-Fußball spielen können. Und dann ist es unsere Aufgabe, in solchen Wochen auch permanent darauf hinzuweisen, was da noch dazukommt, damit du am Spieltag auch zu 100 Prozent fit bist – sei es Regeneration, Ernährung oder Schlaf. Das hört sich in der Theorie immer klasse an, aber wir haben ja auch Berufstätige in der Mannschaft, für die es nicht ganz so leicht umzusetzen ist. Wie die Jungs unsere Ratschläge in ihren Alltag einbauen können, ist damit ein ganz eigenes Thema.

Zum Start geht es nach Fürth, eine Ihrer ehemaligen Stationen. Ein besonderes Spiel für Sie?

Heller: Nein. Das ist schon so lange her, dass ich nicht mehr den ganz großen Bezug dazu habe. Der einzige Bezug geht in die Profimannschaft durch die Trainer Stefan Leitl und Andre Mijatovic, mit denen ich noch gespielt habe.

Was sind Sie für ein Trainer? Wie wollen Sie spielen lassen?

Heller: Unabhängig von System, Taktik oder Grundordnung ist für mich die mannschaftliche Geschlossenheit die absolute Basis. Das haben wir uns hier schon aufgebaut, die Truppe ist extrem stimmig, die Neuzugänge sind gut aufgenommen worden. Du kannst Viererkette spielen, Dreierkette, mit einem Stürmer oder mit zwei: Wenn die Nummer zwölf auf die Nummer drei sauer ist und die Nummer 18 kein Wort mehr mit dem Torwart spricht, dann wird es für Rosenheim schwer. Der Kern bleiben immer dieses Miteinander und ein gesunder Zusammenhalt.

Düsseldorf-Trainer Christian Preußer hat kürzlich in einem Interview mit der „Sport Bild“ gesagt, dass Ersatzspieler den Aufstieg entscheiden können.

Heller: Mir hat zu Bundesliga-Zeiten ein Trainer folgendes gesagt: „Wenn die Auswechselspieler nicht beleidigt sind und diese Enttäuschung und Wut richtig kanalisieren und dementsprechend damit umgehen, dann werden das richtige Persönlichkeiten.“ Diesen Satz habe ich nie vergessen.

Ist Ihr Kader nach den jüngsten Neuzugängen schon komplett?

Heller: Wir suchen noch einen Außenverteidiger, idealerweise einen Linksfuß. Dann hätten wir jede Position doppelt besetzt.

Reichen dann 20 Feldspieler und drei Torhüter für so eine Mammutsaison?

Heller: Das wird sich herausstellen. Aber wir müssen auch ehrlich genug sein, dass wir kein Budget für einen 25-Mann-Kader haben. Deshalb bin ich froh, dass wir jede Position doppelt besetzen können.

Ist der Fitnessstand nach der mehrmonatigen Pause schon so weit, dass man jetzt Spiel auf Spiel in so kurzer Zeit bestreiten kann?

Heller: Im Grundlagenbereich waren die Jungs ja nie weg, weil sie ihre Läufe über die Monate durchgezogen haben. Aber die fußballspezifische Ausdauer holt man sich halt über die Spiele. Auf Sicht werden wir das hinbekommen. Aber bis es so weit ist, muss man ökonomisch spielen, das heißt schnell spielen mit wenigen Kontakten und sehr wenigen Zweikämpfen, die keinen Sinn machen – und dann kann man 90 Minuten spielen, auch wenn die körperlichen Voraussetzungen noch nicht bei 100 Prozent sind.

Also schnell spielen, ohne Vollgas zu geben?

Heller: Vollgasveranstaltungen finde ich schon immer ganz cool. Es geht aber darum, was die Mannschaft zu leisten imstande ist. Wenn ich jetzt permanent einfordere, 45 Minuten lang immer wieder ins Angriffspressing zu gehen, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass wir in der 52. Minute das erste Mal wegbrechen. Wir müssen deshalb eine Mischung finden, was wir den Jungs aktuell zumuten und wie wir das mit unserer eigenen Idee verknüpfen können.

Wie werden die Rosenheimer Zuschauer Sie an der Seitenlinie erleben?

Heller: Das kommt darauf an. Grundsätzlich bin ich schon einer, der das ganze relativ sachlich bewertet. Aber eine Mannschaft mit unserem Altersdurchschnitt ist auf Anweisungen von außen angewiesen. Und ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass das ganze Kollektiv funktioniert.

Sie haben den Umbruch angesprochen und dass es nicht selbstverständlich ist, dass in Rosenheim Regionalliga gespielt wird. Ist es für Sie als neuer Trainer ein Vorteil, dass man nicht unbedingt gleich den Blick auf die Tabelle richtet?

Heller: Jeder Fußballer schaut auf die Tabelle, deswegen spielt man ja auch. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Tabellenstände lügen nicht, das ist klar, aber wir werden nicht anhand von vielleicht fehlenden Ergebnissen die eigene Arbeit hinterfragen. Das meine ich auch mit Ausbildung und Weiterentwicklung der Jungs. Wenn ich jetzt drei Spiele verliere und alles hinterfrage, dann bin ich ja gegenüber der Mannschaft unglaubwürdig. Man muss da schon ein Fingerspitzengefühl entwickeln. Aber grundsätzlich sind wir uns im Trainerteam und im Verein einig, dass wir an der Philosophie festhalten und das nicht so sehr an Ergebnissen festmachen.

Wie ist es dann gelungenen, einen gestandenen Spieler wie Thomas Steinherr oder einen ambitionierten Akteur wie Tim Kießling mit der Perspektive Abstiegskampf nach Rosenheim zu holen?

Heller: Wir haben ja mit den Spielern gesprochen und denen nichts anderes erzählt als Euch. Es gibt tatsächlich Spieler, die auf so etwas Bock haben.

Was muss ein junger Spieler mitbringen, um Regionalliga zu spielen?

Heller: Er muss entwicklungsfähig sein. Wenn du dich auf diesem Niveau noch einmal weiterentwickeln kannst, ist das gut. Aber es scheitern auch viele daran. Deshalb ist der Sprung zwischen A-Junioren und Herrenfußball so extrem, sogar der Größte, den man in seiner Fußballerkarriere hat.

Entwicklungsfähig in Sachen Talent oder in Sachen Mentalität?

Heller: Beides. Den Spruch von den ewigen Talenten kennen wir alle, und da gibt es ja auch genügend Beispiele. Das liegt ganz oft daran, dass man irgendwann erschöpft ist und den nächsten Schritt einfach nicht mehr gehen kann. Und dann bleibt der Spieler halt ein Talent. Diejenigen, die das schaffen, werden relativ hohe Chancen haben, zumindest auf sehr hohem Amateurniveau zu spielen.

Im Profibereich werden verstärkt Spezialisten auf ihren Positionen gefordert. Was wollen Sie in Ihrer Mannschaft haben?

Heller: Man braucht eine Mischung. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass du nicht zu 100 Prozent ausrechenbar bist. Du musst auf alle Fälle verschiedene Grundordnungen beherrschen und verschiedene taktische Elemente erlernen. Das hat natürlich zur Folge, dass Spieler auch auf anderen Positionen auftauchen als gewohnt. Das finde ich ganz gut, weil der Mehrwert für den Spieler enorm ist. Damit bist du für den Trainer immer interessanter und eine Option mehr. Auf Spezialisten kann man aber auch nicht verzichten. Ein Innenverteidiger wird ein Innenverteidiger bleiben – und das soll auch so sein. Mit etwas Glück kann er noch auf der Sechs spielen, aber das war es dann auch. Du brauchst die Spezialisten für die Stabilität und die Spieler für mehrere Positionen, mit denen du auf den Gegner oder Verletzungen im Kader reagieren kannst.

Sie waren in Ihrer Karriere selbst Spezialist als Stürmer und dann Allrounder auf der Außenbahn. Wie haben Sie das empfunden?

Heller: Als Fluch und Segen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ich nicht so viele Bundesliga-Spiele gemacht hätte, wenn ich nur stur eine Position gespielt hätte.

Wie schätzen Sie die Regionalliga ein?

Heller: Es ist enorm viel Qualität hinzugekommen, alleine schon durch die Absteiger. Und wenn man sieht, wie sich Bayreuth oder Schweinfurt verstärkt haben, dann geht das schon in Richtung 3. Liga. Andererseits wird die Regionalliga immer ein bisschen eklig und unbequem sein. Da sind Mannschaften wie Haching, Bayreuth, Schweinfurt, die ziemlich komplett sind, dann gibt es die Reserveteams, die technisch und taktisch extrem gut ausgebildet sind, denen vielleicht die Erfahrung fehlt, dann kommen die gestandenen Regionalliga-Mannschaften wie Burghausen, Memmingen, Illertissen oder Buchbach. Ich bin mir sicher, dass da in jedem Spiel etwas anderes auf uns zukommt. Das macht es spannend und interessant!

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