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Eine Wandergesellin aus Duisburg erzählt

Auf der Walz: Melanie macht in Riedering Pause vom Abenteuer

Melanie, Baukeramikerin und Ofensetzerin, ist nach mehr als zwei Jahren immer noch glücklich mit ihrer Entscheidung, auf die Walz zu gehen.
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Melanie, Baukeramikerin und Ofensetzerin, ist nach mehr als zwei Jahren immer noch glücklich mit ihrer Entscheidung, auf die Walz zu gehen.
  • Sylvia Hampel
    VonSylvia Hampel
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„Abenteuerlust“. Sagt Melanie und grinst. Damit ist die Frage, wieso sie auf die Walz ging, beantwortet. Aber noch nicht so ganz.

Riedering – „Und der Wunsch, neue Menschen und Landschaften kennenzulernen.“ Auch in und um Riedering. Am 2. Mai 2019 machte sich die heute 29-jährige Baukeramikerin und Ofensetzerin in Duisburg-Mündelheim auf den Weg. Sie habe außerdem einen Hang zum Altertümlichen, erzählt Melanie, die beschloss, neben Wohnung und Job für die drei Jahre und einen Tag auf der Walz auch ihren Nachnamen aufzugeben. „Es ist einer der drei Häufigsten in Deutschland“, sagt sie amüsiert auf die Frage.

Festgenagelt auf die Wandergesellenregeln

Da lässt sie sich nicht festnageln. Auf die Regeln der Wandergesellen schon. Und das ganz wörtlich: Mit einem Hammer und einem Nagel im linken Ohr. Dass Gesellen auf der Walz sich ihrem Heimatort nur bis auf 50 Kilometer nähern sollen, ist bekannt. Dass sie aus dieser Bannmeile von anderen Gesellen hinausbegleitet werden und für die erste Zeit mit einem Mentor oder einer Mentorin unterwegs sind, ist schon weniger bekannt. Melanie war zwei Monate mit einer Schneiderin auf Tour.

Vorstellung ist zu romantisch

„Man stellt sich das Leben auf der Walz romantischer vor, als es ist“, räumt Melanie ein. Ja, zu Fuß kreuz und quer durch Deutschland zu laufen, sei eine angenehme Art zu reisen, „unser Land ist so schön“. Aber sie ist ja nicht nur unterwegs, sondern arbeitet auch. Bis zu ihrem jetzigen Urlaub bei einer Keramikfirma in Riedering, zuvor war sie in Rott. Und im vergangenen Jahr, als die Corona-Pandemie alles lahmlegte, da hatte sie glücklicherweise zwei Anlaufstellen. „Da war ich auch mal länger als die üblichen drei Monate an einem Ort“, sagt sie.

Straßenmusik ist für Melanie (Mitte) – hier mit Freund Simon und Freundin Tine – oft Anknüpfungspunkt für Quartiere oder Jobs. Manche Städte sind sehr entspannt bei den Genehmigungen, „Rosenheim ist ziemlich speziell“, also wich das Trio nach Wasserburg aus.

Ein Eis zur Begrüßung

Wo sie in den vergangenen gut zwei Jahren überall war, kann Melanie problemlos anhand ihres Wanderbuches nachvollziehen. Dort finden sich persönliche Widmungen von Arbeitgebern ebenso wie Arbeitszeugnisse und Stempel von den Gemeinden, in denen sie sich aufhielt. „In Riedering gab es noch einen Ratsch mit dem Bürgermeister und ein Eis dazu – so nett bin ich selten aufgenommen worden“, erzählt Melanie lachend. Nur mit der Unterkunft war es nicht so ganz einfach.

Die Einliegerwohnung war frei

Irmi Wagner nahm sie auf. „Meine Einliegerwohnung war doch frei“, sagt sie trocken. Ins Schleudern kam Irmgard Wagner kurz, als sie feststellte, dass Melanie nach Möglichkeit vegan lebt. „Aber vegetarisch isst sie auch“, hat Irmi Wagner erleichtert festgestellt. Melanie lacht, als sie das hört.

Musik als Anknüpfungspunkt

Wie schwer ist es, Unterkunft zu finden? „Nicht so sehr, ich habe eigentlich immer einen Schlafplatz drinnen gefunden, wenn ich das wollte.“ Oft ist der Anknüpfungspunkt die Musik. Melanie geht gerne in Konzerte, wenn sie in größeren Städten auf der Durchreise ist, „da lernt man gut Leute kennen“, erzählt sie. Bei einem Jazz-Konzert beispielsweise traf sie Simon, mittlerweile ihr Freund.

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Sie macht aber auch Musik, hat ihre Guitarlele mit auf die Walz genommen. Und ist sehr froh darum, denn diese kleine Version einer Gitarre, hat sie festgestellt, gehört für sie zum Notwendigsten. Und sie braucht sie für die Straßenmusik. Die sie oft und gerne macht, vor allem am Wochenende. „Es ist toll, dass ich die Leute nicht nur erfreue, sondern auch mit Ihnen ins Gespräch komme“, erzählt Melanie begeistert. Und da sie bei der Straßenmusik ihre Keramiker-Kluft trägt, ergaben sich aus den Gesprächen auch oft gute Anknüpfungspunkte für Quartiere oder Jobs.

Mobiltelefone sind auf der Walz verpönt

Sie habe bisher ohnehin Glück gehabt, sagt Melanie, denn ihre Begegnungen mit anderen Menschen waren meist angenehm. Und sie habe nicht einmal das Gefühl gehabt, dass sie auf dem Weg oder an einem Schlafplatz im Freien in Gefahr gewesen sei. „Ich bin aber auch kein ängstlicher, sondern eher ein optimistischer und lebensfroher Typ.“ Hilfe holen per Handy ginge auch nicht. Mobiltelefone sind bei Wandergesellen verpönt. Als Notfallinstrument könnte Melanie noch damit leben, aber sich durch eine neue Stadt durchgoogeln? „Geht gar nicht, hat mit der Walz nichts zu tun.“

Anfang Mai 2022 darf Melanie die Bannmeile rund um Duisburg-Mündelheim wieder betreten. Auf was freut sie sich am meisten? „Auf meine kleine Nichte, Stella. Deren Taufe habe ich schon verpasst. Und auf meine engste Familie.“ Aber in Mündelheim wieder sesshaft zu werden, „nein, das kann ich mir so gar nicht vorstellen.“

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