30 Jahre Deutsche Einheit

Von Venusberg zum Samerberg: Der weite Weg des Radsport-Stars Marcus Burghardt

Ein Höhepunkt: In Chemnitz, nur 20 Kilometer von seinem Heimatort Zschopau entfernt, fuhr Burghardt zum deutschen Straßentitel.
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Ein Höhepunkt: In Chemnitz, nur 20 Kilometer von seinem Heimatort Zschopau entfernt, fuhr Burghardt zum deutschen Straßentitel.

Seine Laufbahn begann in einem Verein im Erzgebirge, seine Erfolge feierte er in ganz Europa. Markus Burghardt ist einer der Großen der Radsportszene, und doch hat er seinen kleinen Heimatclub nicht vergessen. Wie er von Venusberg zum Samerberg gelangte - das ist auch deutsche Radsporttgeschichte.

Samerberg – Marcus Burghardt ist dageblieben. Ein bisschen zumindest. Beim RSV 1954 Venusberg in Sachsen ist sein Name auf Trikots zu finden, die junge Radsportler mit Stolz tragen. Sie sind Mitglieder des Junior-Teams von Burghardt. So etwas wie die Rasselbande des ehrwürdigen Radsportvereins, aber eine mit ernsthaften Ambitionen: Zahlreiche deutsche Meister finden sich in den Reihen des Teams.

Burghardt weiß, was er Venusberg zu verdanken hat

Dass Marcus Burghardt (37) den Radsport-Nachwuchs unterstützt, kommt nicht von ungefähr. Der Profi vom Raublinger Rennteam Bora-hansgrohe weiß, was er seinem Heimatverein Venusberg zu verdanken hat. Man hat dort mit ostdeutscher Gründlichkeit die Grundlage für eine bemerkenswerte Laufbahn gelegt, die ihn vom Erzgebirge nach Europa führte, zu Erfolgen bei Klassikern, einem Etappensieg bei der Tour de France, zum deutschen Straßentitel.

Ganz oben am Tag der deutschen Einheit: Marcus Burghardt 1995 als Sieger eines Rennens zur Feier der Wiedervereinigung in Zwickau.

Karrierehöhepunkt nahe dem Heimatort

Als er diesen Titel 2017 in Chemnitz holte, 20 Kilometer von Venusberg entfernt, trug Burghardt bereits das Trikot von Bora-hansgrohe. Ein Foto zeigt ihn ganz kurz nach dem Rennen, der Schweiß ist noch gar nicht getrocknet, es muss der allererste Weg gewesen sein, der ihn zu einem schnauzbärtigen Mann Mitte 60 führte: Klaus Fischer, sein Trainer von Kindheit an. Burghardt lächelt glücklich, Fischer lacht stolz. Am Telefon klingt seine Stimme ein wenig nach gestresstem Feldwebel. Als guter Trainer aber muss er irgendwie auch immer Psychologe gewesen sein. Ein lustiger Typ, wie Burghardt erzählt, „aber mit harter Hand“.

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Die DDR förderte ihre Sporttalente

Fischer (69) war schon Radsporttrainer, als der Verein noch Betriebssportgruppe Fortschritt Venusberg hieß und man Radsportler bevorzugt für Spartakiaden ausbildete. Der Verein war Teil des Sportsystems der DDR, das vielversprechende Kinder aussuchte, zur entsprechenden Sportart steckte, mit den besten Trainern versorgte. Fischer war einer von denen, die wussten, wie man Talent erkennt und es ausbildet. Systematisch, mit Wissen und mit dem „Herzblut“, das Burghardt den Trainern zuschreibt, die ihrem Verein treu geblieben sind, auch nach dem Ende der DDR, in der der Radsport immer eine viel größere Rolle gespielt hatte als in der BRD.

Ein Großteil der guten deutschen Fahrer kam aus der DDR-Schule

„Der hat mir am meisten beigebracht, was Training, Taktik, soziales Verhalten im Team betrifft“, sagt Burghardt. „Ich sag das heute noch, wenn man im Sport vorankommen will, dann braucht man einen strengen Trainer.“ Viele der besten deutschen Fahrer nach der Wende hatten diese Schule hinter sich. Dabei weiß Burghardt durchaus um die dunklen Seiten des Systems. Ums Doping etwa, wie viele da leistungssteigernde Mittel einnahmen, wie viele auch unwissentlich, „weil man ihnen gesagt hatte, das seien Vitaminpillen“.

Marcus Burghardt wurde in Zschopau im Erzgebirge geboren. 1983 war das, sieben Jahre vor der Wende. 1993 kam Burghardt zum Radsport. „Der hatte einen schwierigen Start“, sagt Fischer über seinen einstigen Schützling, Klar, wer zehn Jahre alt ist, tritt schnell in die Pedale, ist aber genauso schnell müde. Die Ausdauer war noch nicht vorhanden,sagt Fischer, kein Problem. Nach einem Jahr im Verein, „da war der bereits unheimlich stark, in den Bergen, aber auch im Sprint“. Er teilt Burghardts Einschätzung zum Training. „Das muss Spaß machen, aber es muss auch straffe Führung da sein.“

Immer aus Spaß am Fahren trainiert

Vorbilder habe er keine gehabt, „es war immer der Spaß am Radfahren“, sagt Burghardt. „Ein bisschen übermotiviert, manchmal“, so beschreibt ihn sein Trainer, einer, der noch 20 Kilometer draufpackte, wenn die anderen froh waren, ihre Räder in den Keller zu schieben. 1997, als Jan Ullrich den bisher einzigen deutschen Toursieg holte, startete Burghardt durch, wurde dreifacher Landesmeister von Sachsen in der Schülerklasse und gewann Silber bei den Landesjugendspielen.

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Marcus Burghardt und die Liebe zur „Hölle des Nordens“

Während sich Burghardt auf dem Sportinternat in Chemnitz weiterentwickelte, begannen die Jahre, in denen man auf einmal ganz gut vom Radsport leben konnte. Die deutsche Einheit machte es möglich: All die jungen, guten Fahrer aus den früheren DDR-Talentschmieden schwärmten aus und suchten sich namhafte Teams. Der Übervater der DDR-Radsportszene, Täve Schur, hatte es überzeugter Sozialist noch abgelehnt, im Westen anzutreten.

Nur das Beste: Talent Burghardt mit einem Carbon-Renner.

Seinen ersten Profivertrag erhielt Marcus Burghardt 2003 bei Team Wiesenhof, wo man die künftigen Protagonisten der deutschen Radsportszene ausbrütete. Es folgte der Team Telekom-Nachfolger T-Mobile, schließlich BMC Racing, wo er 2011 Cadel Evans mit zum Toursieg verhalf. Dass er selber aufs Podest fahren kann, hatte er zuvor bewiesen, mit einem Etappensieg bei der Tour de France 2008 und dem Sieg beim Klassiker Gent-Wevelgem 2007.

Von Venusberg aus in die Welt

Burghardt reiste durch die Welt, lebte in der Schweiz und in Frankfurt, fuhr Rennen um Rennen. „In manchen Jahren war ich 220 Tage unterwegs“, sagt er. Seit ein paar Jahren aber hat er einen Mittelpunkt. Seit 2013 wohnt er in Törwang am Samerberg, nur eine kurze Ausfahrt entfernt vom Team Bora-hansgrohe. 2017 kam zusammen, was dann wohl auch zusammenpasste, Team, Burghardt und der Fahrer, dessen Edel-Anfahrer er wurde: Peter Sagan, Rekordgewinner des Grünen Trikots. Kein Zufall vermutlich, dass Burghardt in diesem Jahr auch Deutscher Meister wurde.

In Törwang ein Zuhause gefunden

Burghardt redet gerne über sein oberbayerisches Kapitel, es klingt, als würde er es nach der Radsportkarriere fortschreiben wollen. Es gefällt ihm in Törwang, „ich habe hier mein Zuhause gefunden“. Mit der Frau an seiner Seite endlich mal zur Ruhe gekommen zu sein, tut ihm hörbar gut. „Ich habe einen kleinen, aber sehr guten Freundeskreis“, sagt er, fühlt sich aber auch darüber hinaus gut angenommen, „was ja sonst nicht so einfach sein soll für einen Sachsen.“ Sogar Schafkopfen hat er gelernt.

Den Radsportkalender hat Corona gründlich durcheinandergebracht, nach der späten Tour de France –  heuer ohne Burghardt – stünden nun Giro oder Vuelta zur Auswahl. Burghardt aber hat anderes vor. Klassiker wie Gent-Wevelgem und Flandernrundfahrt. Und vor allem Paris-Roubaix.

Ein Erfolg dort, in der „Hölle des Nordens“, „das wäre der Traum“, sagt Burghardt. Auch dieser Traum verbindet ihn noch mit früher, mit seiner Zeit im RSV Venusberg. „Eine Liebe für dieses Rennen hatte ich schon von kleinauf.“

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