Rohrdorfer Firma besprüht Bahnstrecke mit Glyphosat – Anwohnerin tauschte schon Rasen aus

Glyphosat-Einsatz am Wachtlbahngleis mitten im Ort: Anwohnerin Claudia Bialucha (hier mit Sohn Benjamin) erringt einen kleinen Teilerfolg. Sie wird zukünftig von Rohrdorfer Zement vorab informiert, um ihr Hochbeet abdecken zu können. Trotzdem regt sich bei den Anwohnern Widerstand.
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Glyphosat-Einsatz am Wachtlbahngleis mitten im Ort: Anwohnerin Claudia Bialucha (hier mit Sohn Benjamin) erringt einen kleinen Teilerfolg. Sie wird zukünftig von Rohrdorfer Zement vorab informiert, um ihr Hochbeet abdecken zu können. Trotzdem regt sich bei den Anwohnern Widerstand.
  • vonRoland Schmidt
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Erneut wurde die Gleisanlage der Wachtlbahn, die auch mitten durch ein Wohngebiet verläuft, mit dem umstrittenen Pflanzenschutzmittel RoundUp, sprich Glyphosat, behandelt. Die Meinung der Anwohner ist eindeutig: „Das ist unnötig gesundheitsgefährdend und passt nicht mehr in die Zeit.“

Kiefersfelden – Die Gleisanlage ist grundsätzlich eine Betriebsbahn der Rohrdorfer Zement und seit Jahren nicht mehr aktiv, da sowohl der Steinbruch Thiersee als auch das Zementwerk Kiefersfelden stillliegen. Die hobbymäßig betriebene Wachtlbahn fährt nur in Ausnahmefällen. Gleichwohl unternimmt Rohrdorfer Zement jährlich Wartungsfahrten, um die Betriebsgenehmigung zu sichern, denn die Abbaurechte für den Steinbruch Thiersee gelten noch mehrere Jahrzehnte.

Glutnest-Gefahr durch Wurzeln im Gleisbett

Ziel des RoundUp-Einsatzes ist die wirksame Beseitigung von Pflanzenbewuchs, um eine Schädigung des Gleisbettes durch tiefwurzelnde Kräuter und Baumsämlinge dauerhaft sicherzustellen. Am Herbizideinsatz führt nach Aussage des Werksleiters vom Rohrdorfer Zementwerk, Dr. Benjamin Geller, derzeit kein Weg vorbei: „ Wir sind interessiert an und auf der Suche nach Alternativen. Jedoch haben wir bisher keine brauchbare Lösung finden können.“

Das Abflammen des Unkrauts berge eine erhebliche Brandgefahr, meint Geller. Nicht nur die Hecken neben den Gleisen könnten in Brand geraten, sondern auch die Wurzeln im Gleisbett. „Dort können Glutnester entstehen, die erst nach Stunden oder Tagen ein Feuer auslösen“, sagt Geller und verweist auf den Brand am Schwarzenberg in Oberaudorf vor zwei Jahren.

Rechtlich ist die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln auf Flächen, die weder landwirtschaftlich noch gärtnerisch oder forstwirtschaftlich genutzt werden, verboten. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Rosenheim als zuständige Behörde kann Ausnahmen genehmigen, wenn der angestrebte Zweck vordringlich ist und mit zumutbarem Aufwand auf andere Weise nicht erzielt werden kann. Dies tat es auch, wie Behördenleiter Wolfgang Hampel bestätigte: „Nichtchemische Alternativen wie Abflammen und Heißwasserbehandlung genügen nicht den speziellen Anforderungen von Gleisanlagen. Aus Gründen der Verkehrssicherheit wurde daher die Ausnahmegenehmigung für die Durchführung der Unkrautbekämpfungsmaßnahmen erteilt.“

Glyphosat spritzte über die Mauer

Die am stärksten betroffene Anwohnerin ist Claudia Bialucha mit ihrer Familie. Ihr Wohngrundstück verläuft 80 Meter lang direkt neben der Bahn. Sie ärgert sich seit Jahren über den Herbizideinsatz: „Meinen Kindern ist schwer zu erklären, warum wir Blattläuse mühsam mit Brennnesselsud bekämpfen, während 30 Zentimeter nebenan Glyphosat zum Einsatz kommt.“ Vor einigen Jahren habe es zudem einen Vorfall gegeben. Wegen eines technischen Problems sei weit über die Mauer Glyphosat auf ihr Grundstück gespritzt worden und habe den Spielrasen verseucht. Bialucha: „Wir tauschten auf eigene Kosten sechs Quadratmeter Mutterboden aus. Die Firma steuerte lediglich den Rasensamen bei.“ 

Trotzdem sei sie mit der diesjährigen fachlichen Umsetzung zufrieden: „Noch nie bemühte man sich so sehr, den RoundUp-Einsatz auf ein Minimum zu beschränken. Gleichwohl würde ich mir wünschen, dass die Betriebsleitung den Spritztermin den Anwohnern bekannt gibt. Dann könnte ich zumindest meine Hochbeete abdecken“.

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Auf OVB-Anfrage zeigte sich Werksleiter Dr. Geller hierzu bereit: „Eine sehr gute Idee, die wir umsetzen werden.“ Besonders freute ihn, dass die Bemühungen um Minimaleinsatz von RoundUp Anerkennung finden.

Der Verdruss der Betroffenen bleibt jedoch. So besteht Maria Kretzschmar und weitere Anwohner auf den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand von zwei Metern vom Herbizideinsatz zu ihren Grundstücken. „Dieser ist nachweislich an mehreren Stellen der Strecke deutlich unterschritten“, so Kretzschmar. Sie bezieht sich dabei auf die Vorgabe des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), wonach zum Schutz unbeteiligter Dritter bei Spritzanwendungen zwei Meter Mindestabstand zu Flächen, auf denen sich regelmäßig Personen aufhalten, verpflichten ist. Sie erhält dabei die Rückendeckung des AELF Rosenheim: „Diese Vorgabe ist als zwingend einzuhaltende Nebenbestimmung im Genehmigungsbescheid verankert“, so Behördenleiter Wolfgang Hampel. Werksleiter Geller vom Rohrdorfer Zementwerk ging auf eine diesbezügliche Frage der OVB Heimatzeitungen nicht ein.

Unterschriftenaktion zurückgestellt

Gleichwohl stellen die Anwohner der Bahnstrecke ihre anfangs geplante Unterschriftenaktion zurück und streben eine gütliche Einigung mit dem Rohrdorfer Zementwerk an. „Wir wollen eine gemeinsame Lösung finden, die entweder ausschließlich darauf abzielt, überhaupt nicht mehr zu sprühen oder unter strenger Aufsicht biologische Vernichter gezielt zum Einsatz bringen“, sagt Maria Kretzschmar. Erst wenn dies nicht gelinge, sollen weitere Schritte erwogen werden.

Werksleiter Geller weist Gerüchte zurück

Die Zukunft der Betriebs- und Wachtlbahn ist in Kiefersfelden ein mit Interesse verfolgtes Thema. So wird mit Argwohn beobachtet, dass kurz nach der Grenze in Schwoich eine Baurestmassendeponie in einem Steinbruch entsteht. Beteiligt ist maßgeblich die Rohrdorfer Umwelttechnik, die wie Rohrdorfer Zement zur Rohrdorfer Gruppe gehört. Seit einigen Monaten kursiere in Kiefersfelden das hartnäckige Gerücht, wonach in den nächsten Jahren auf dem Gelände der alten Zementfabrik Bauschutt angeliefert, aufgearbeitet und per Betriebsbahn im Thierseer Steinbruch abgelagert werden soll.

Dem widerspricht nun Geller: „Wir haben aktuell keine Planungen für Kiefersfelden und es gibt keinen Zusammenhang zu den Tätigkeiten in Eiberg.“

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