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„Und der nächste Transport ist schon in Planung“

Reise an die Grenze zum Krieg und zurück: OVB24-Reporter begleitet Rohrdorfer Helferkreis

Hilfsgüter für die Diözese Ternobil erfolgreich in der Ukraine verladen
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Nach erfolgreicher Verladung: Die Spenden des Helferkreises der Diözese Ternobil sind auf dem Weg ins Landes-Innere der Ukraine (oben die beiden Lkw-Fahrer Matthias und Andreas; davor v.l.: Roman, Oleg, Harald, Klaus)
  • Sascha Ludwig
    VonSascha Ludwig
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Der Angriff der russischen Truppen trifft alle Menschen und insbesondere die Schwächsten in der Ukraine hart. Ein Verein aus dem Landkreis Rosenheim schickte schnelle und unkomplizierte Hilfe. Ich habe den Helferkreis der Diözese Ternopil unterwegs an die Grenze des Kriegsgebiets begleitet. Meine Erfahrungen:

Am 24. Februar 2022 geschah das, womit viele so schnell nicht gerechnet hatten: Russische Truppen unter dem Oberkommando von Wladimir Putin griffen das Territorium der Ukraine von Süden, Osten und Norden aus an. Trotz der anhaltenden Gegenwehr der ukrainische Streitkräfte trifft der Krieg insbesondere die Zivilbevölkerung des Landes hart; Millionen Menschen sind auf der Flucht aus den umkämpften Gebieten.

Tag 3: Update 17.30 Uhr - Ankunft in Rohrdorf, Rosenheim und Bruckmühl

Drei Tage auf der Straße gehen am Freitagnachmittag (11. März) erfolgreich zu Ende. Kurz vor der deutsch-österreichischen Grenze erhalten wir noch einen Anruf von unseren beiden Lkw-Fahrern: Am späten Donnerstagabend konnten sich Andreas und Matthias von der ukrainischen Grenze in Richtung Heimat dann doch noch in Bewegung setzen. Die beiden sind die Nacht durchgefahren und sind mittlerweile in Österreich angekommen. Jetzt ist erstmal Pause angesagt, in drei Stunden soll es auf die Schluss-Etappe gehen. Harald, Klaus und ich kommen am Walserberg an. Die Autobahn verengt sich auf eine Spur; Grenzkontrolle. Nach rund zehn Minuten ist die Bahn allerdings wieder frei.

Dynamisches Duo: Harald (links) am Steuer und Klaus in Kontakt mit der Heimat.

Zuerst setzen wir Klaus Zuhause ab; nach einer schnellen Tasse Kaffee fahren Harald und ich weiter nach Rosenheim. Der pensionierte Pfarrer lässt mich an meiner Wohnung aussteigen. Wir verabschieden uns und Harald macht sich auf nach Bruckmühl; das Auto dem Eigentümer - der Marktgemeinde - zurückgeben. Zuletzt rufe ich noch Kathi Schmid, die Vorstandsvorsitzende des Helferkreises der Diözese Ternopil e.V. an. Wir unterhalten uns und ich berichte ihr von den einprägsamen Erlebnissen der letzten drei Tage. „Keiner will den Krieg. Und dann tun wir, was wir eben tun können“, erklärt sie pragmatisch. Auch Natalja ist mit ihren zwei Kindern mittlerweile in Rohrdorf angekommen. Den drei gehe es soweit gut, so Kathi Schmid weiter. Zuletzt erzählt mir die Organisatorin des Helferkreises dann, dass es in absehbarer Zeit direkt weiter gehen soll; die Menschen in Ternopil und in der ganzen Ukraine bräuchten jede Hilfe, die sie nur kriegen könnten: „Der nächste Transport ist bereits in Planung.“

Tag 3: Update 11.30 Uhr - Abfahrt aus Ostrava, auf dem Weg nach Österreich

Nach einem kurzen Frühstück in unserer tschechischen Unterkunft brechen wir am Morgen auf in Richtung Österreich. Zunächst tanken wir unseren Minibus auf, die Preise an den Tankstelle in Ostrava bewegen sich ungefähr auf deutschem Niveau: Ein Liter Diesel kostet hier über 50 Kronen, umgerechnet knapp mehr als zwei Euro. Im Vergleich zu den heimischen Tankstellen, hat hier der Treibstoff-Preis in den vergangenen Wochen nochmal stärker zugelegt.

Horrende Sprit-Preise auch an tschechischen Tankstellen.

Von unseren beiden Lkw-Fahrern haben wir bislang noch keine Rückmeldung erhalten. Telefonisch waren weder Andreas noch Matthias bisher zu erreichen. Wir hoffen, dass die beiden Fahrer die Kontrollen an der polnisch-ukrainischen Grenze gestern Nacht erfolgreich hinter sich gebracht haben und aktuell ebenfalls auf dem Weg in die Heimat sind. Um kurz vor 11 Uhr überqueren Klaus, Harald und ich die Grenze zu Österreich. Vor uns liegen noch rund 450 Kilometer oder knapp vier Stunden Fahrt bis Rohrdorf. Dort wartet Kathi Schmid vom Helferkreis auf uns.

Auf dem Weg in die Heimat, kurz vor der österreichischen Grenze.

Auf der Fahrt diskutieren Klaus, Harald und ich über die Erlebnisse der vergangenen zwei Tage. Mir persönlich am meisten im Gedächtnis geblieben sind die Gespräche mit Priester Roman. Seine Dankbarkeit für die Hilfe und das emotionale Bild, das er in den Gesprächen gezeichnet hat. Sein Gesichtsausdruck, als er uns Handy-Fotos von seine Frau und den drei Kindern gezeigt hat. Und seine Entschlossenheit, den Schwächsten in seiner Gemeinde Schutz zu bieten sowie jeden Flüchtenden mit offenen Armen in Empfang zu nehmen. (Ein ausführliches Video-Interview folgt.)

Tag 2: Update 22.25 Uhr - Verladung erfolgreich; vorbereiten für den Rückweg nach Rohrdorf

Während Klaus und Harald unseren Minibus entladen, packt der Rest auf der Ladefläche der beiden Lkw an. Die meisten Hilfsgüter sind glücklicherweise sauber verpackt und auf Euro-Paletten gestapelt. Ein kleiner Hub-Wagen nimmt uns hier schon sehr viel Arbeit ab; insbesondere bei den rund 600 Kilogramm schweren Getränke-Paketen. Kleinere Güter, wie etwa Kartons mit Broten, Iso-Matten, Rucksäcken oder auch Krücken werden flott von einem zum anderen Lastwagen getragen. „Wenn der Truck voll ist, fährt Oleg gleich weiter nach Ternopil. Dort wird alles gesammelt und dann je nach Bedarf weiter transportiert. Aktuell geht viel direkt nach Kiew; es gibt ein paar Wege auf denen Transporte noch hohe Chancen haben durchzukommen,“ erklärt Roman beim Verladen.

Verladen der Hilfsgüter am Donnerstag (10. März)

Zahlreiche Spenden aus dem Landkreis Rosenheim kommen in der Ukraine an
Zahlreiche Spenden aus dem Landkreis Rosenheim kommen in der Ukraine an
Zahlreiche Spenden aus dem Landkreis Rosenheim kommen in der Ukraine an
Zahlreiche Spenden aus dem Landkreis Rosenheim kommen in der Ukraine an
Verladen der Hilfsgüter am Donnerstag (10. März)

Nach knapp zwei Stunden haben sämtliche Hilfsgüter erfolgreich den Besitzer gewechselt. Alle Beteiligten schnaufen kurz durch; mein Blick wandert zum ersten Mal wieder ausführlicher über den weitläufigen Grenzposten und die nähere Umgebung. Immer wieder sehe ich kleinere Gruppen von Menschen, die zu Fuß in Richtung der polnischen Grenze laufen; teilweise auf Krücken, mit Rollstühlen oder auch Kinderwägen. „Bis zur Kontrolle ist es seit etwas mehr als einer Woche erlaubt, auch zu Fuß zu gehen“, erzählt Roman und deutet auf eine Gruppe von rund 30 bis 40 Personen. Die Hilfe kommt dabei von allen Seiten, ukrainische Soldaten tragen Koffer und stützen ältere Menschen. Direkt an der Grenze übernehmen polnische Soldaten nahtlos. Erneut fällt mir auf, dass von Chaos und Durcheinander keine Spur zu sehen ist. Von der Aufnahme der Flüchtenden bis hin zu deren Verteilung auf die bereitstehenden Busse folgt das Prozedere einem durchdachten Plan. Für Nahrung, Wasser und Wärme ist dabei augenscheinlich zu jeder Zeit gesorgt.

Roman begleitet uns schließlich noch bis zur Grenze, wechselt wie bereits bei unserer Ankunft ein paar Worte mit dem ukrainischen Zoll-Beamten und ruft uns zum Abschied noch ein paar Worte zu: „Danke nach Bayern zu unseren Freunden!“ Gemeinsam mit Matthias und Andreas im Lkw fahren Harald, Klaus und ich wieder zurück in Richtung der polnischen Grenze. Und reihen uns in die Schlange der Wartenden ein.

Auf einem Rastplatz in Polen treffen wir ein Search and Rescue Team auf Frankfurt an der Oder. Der Konvoi kommt aus Lviv und transportiert Verwundete.

Die Ausreise aus der Ukraine geht dann doch schneller als gedacht. Auf der polnischen Seite wirft eine Grenzbeamtin nur einen kurzen Blick auf unsere Papiere und in unser Gepäck. Nach rund einer halben Stunde Wartezeit vor dem geschlossenen Schlagbaum dürfen wir wieder in die EU einreisen. Auf der Autobahn angekommen fällt uns die Fahrzeugschlange auf der anderen Fahrbahnseite auf; deutlich länger als sie noch heute morgen war. Reisebusse, Lkw, Spenden-Konvois; die Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine nimmt zu.

Unser Fahrt-Ziel für heute ist Ostrava; die drittgrößte Stadt Tschechiens, rund 10 Kilometer hinter der polnischen Grenze. Auf halber Strecke machen wir kurz auf einem Rastplatz halt. Ich steige aus unserem Minibus, direkt neben uns haben zwei Rettungsfahrzeuge aus Frankfurt an der Oder eine Pause eingelegt. Ich unterhalte mich mit kurz mit einem der Sanitäter: „Wir kommen direkt aus Lviv; dort haben wir eine schwerverletzte Person aus einem Zug aus Mariupol übernommen,“ erzählt er mir. Die Lage in Lviv schildert mir der Sanitäter als unübersichtlich; „am Bahnhof geht es drunter und drüber.“ Er verabschiedet sich und auch wir setzen kurze Zeit später unsere Fahrt in Richtung Heimat weiter fort.

Tag 2: Update 17 Uhr - Verladung der Hilfsgüter auf ukrainischer Seite

Kurz nachdem die ukrainische Grenzpolizei unsere Pässe und die Dokumente unseres Fahrzeugs zur Kontrolle eingesammelt hat, sehen wir rund zwanzig Meter von uns entfernt einen Mann. Er trägt einen langen schwarzen Talar, einen dicken Wollschal um den Hals und eine handgestrickte Mütze. Er winkt und deutet. Ich winke zurück. Es ist unser Kontaktmann, Roman.

Klaus (links) und der ukrainische Priester Roman gemeinsam an der Grenze

Nach kurzem Warten und nach Rücksprache mit Harald und Klaus steige ich aus dem Fahrzeug und gehe ein paar Schritte. Roman kommt mir entgegen; ein kurzer Blick zum Grenzsoldaten, es scheint in Ordnung zu sein. Einen Augenblick später stehen wir uns gegenüber und geben uns die Hand. Ich erkläre ihm, dass unsere Dokumente wohl gerade geprüft werden. Er sieht mich fragend an. Dann dreht er sich um und ruft dem Grenzsoldaten ein paar Sätze auf Ukrainisch zu. Dieser nickt, winkt uns zu sich. Wir bekommen die Pässe zurück und können uns mit unserem knallroten Minibus in Bewegung setzen.

Nach etwas Rangieren stehen beide Lkw Heck an Heck, die Verladung beginnt.

Auch unser Lkw hat sich mittlerweile bis an die Grenze bewegt; die Kontrolle geht erneut Dank ein paar beherzten Worten des ukrainischen Priesters Roman flott. Zusammen mit dem Lastwagen setzt sich unser Minibus weiter in Bewegung. Er führt uns auf direktem Weg zu einem weiteren Zwanzigtonner, jetzt heißt es erstmal alles andere zur Seite zu schieben, gemeinsam anzupacken und Umzuladen.

Tag 2: Update 13 Uhr - Angekommen an der Grenze: Triste Stimmung und ein mulmiges Gefühl

Wir sind also von Krakau aus losgefahren. Es herrschte ganz normaler morgendlicher Verkehr, eigentlich wie bei uns auf den heimischen Straßen auch. Je näher man der Grenze kommt, umso präsenter wird einem aber die Situation. Während der Fahrt sehen wir viele Hilfstransporte mit deutschen Kennzeichen auf den Straßen. Auch viele Militärfahrzeuge, vor allem mit polnischen Kennzeichen, sind unterwegs. Nach einiger Zeit sind wir auf der A4, einer sehr großen, gut ausgebauten Autobahn, Richtung Ukraine. Mit jedem Meter, dem wir der Grenze näher kommen, entwickelt sich ein mulmigeres Gefühl bei mir; und meinen Mitfahrern scheint es nicht anders zu gehen. Man guckt sich um, die Gespräche im Auto werden leiser und weniger.

Wir sind an der letzten Ausfahrt auf polnischer Seite vorbei und schlagartig ist die Autobahn leer. Alles ist wie ausgestorben, kilometerweit keine Fahrzeuge. Ein ähnliches Bild bietet sich uns auch auf der Gegenfahrbahn. Das Wetter hat passenderweise zugemacht, es ist sehr trist, bewölkt und sogar einige Schneeflocken fallen vom Himmel. Irgendwann kommen wir dann auf eine dreispurige Strecke, die sich recht schnell auf nur noch eine Spur verengt. Die polnische Polizei sperrt die Straße ab und hält uns an. Wir lassen das Fenster runter. Der Polizist ist sehr freundlich und fragt, wo wir hinwollen. „In die Ukraine“, erwidern wir. Er hakt nochmal nach, ob wir uns sicher sind, dann winkt er uns durch und wünscht uns viel Glück.

Umso näher man der Grenze kommt, umso mulmiger wird mein Gefühl.

Daraufhin fahren wir ein langes Stück geradeaus; auf die bereits sichtbare Grenze zu. Dort stehen bereits sehr viele Fahrzeuge, unter anderem ein ganzer Konvoi an Militär-Lkw. Wir bleiben erst kurz dahinter stehen, dann entscheiden wir uns daran vorbeizufahren. Plötzlich überholt uns ein großer schwarzer BMW SUV, setzt sich direkt vor uns und bremst dann stark ab, sodass auch wir zum Stehen kommen. Ein Mann -augenscheinlich ein polnischer Zivil-Polizist - steigt aus und läuft auf unser Fahrzeug zu. Mehrmals fordert er uns mit Nachdruck auf, bloß keine Fotos zu machen. Ich packe also meine Kamera weg, die er wohl entdeckt hatte; die Situation entspannt sich wieder. Wir können dann weiter zur Grenze, wo alles erstaunlich gut organisiert ist. Fahrzeuge werden immer blockweise abgefertigt.

Wir setzten uns ein paar Meter in Bewegung und bleiben an einer Kontrollstelle stehen, wo wir einem polnischen Soldaten unsere Ausweise und die Fahrzeugpapiere vorlegen müssen. Zehn Minuten behält er die Papiere ein, bevor wir sie wieder bei ihm abholen können. Man merkt, der Soldat macht diese Arbeit schon seit einigen Tagen, alles läuft sehr routiniert ab. Zum Abschied wünscht auch er uns viel Glück und ruft uns dann noch die Worte: „Go Ukraine!“, hinterher. Wir haben jetzt offiziell die Grenze überschritten und stehen bei der Einreisekontrolle auf ukrainischer Seite. Auch hier sind vereinzelt Soldaten zu sehen - bewaffnet mit Sturmgewehren. Alle Fahrzeuge werden genau inspiziert, Kofferräume geöffnet und zum Teil auch durchsucht.

Wir haben ein Foto vom Standort unseres Kontakts auf der anderen Seite des Grenzpostens, wo auch schon der ukrainische Lkw wartet. Unser Laster befindet sich währenddessen irgendwo hinter uns in der Schlange. Wir versuchen nun unsere ukrainischen Freunde ausfindig zu machen, die bereits seit zwei Stunden dort auf uns warten. Klar ist, weit können sie nicht mehr entfernt sein. Vor Ort müssen dann zunächst die Hilfsgüter aus unserem Auto und schließlich auch aus unserem Lkw in das Fahrzeug unserer ukrainischen Kontakte umgeladen werden. Das wird mit Sicherheit einige Stunden in Anspruch nehmen, denn es wird wohl von Hand geschehen.

An der Stelle ist es mir noch wichtig, einige Worte zum Thema „Flüchtlinge“ zu verlieren. Denn es sind erstaunlich wenige zu entdecken, zumindest auf den Straßen. An den Grenzen sieht man polnische Soldaten, die den Leuten helfen, Koffer tragen, Verletzte an die Hand nehmen. Hilfsbedürftige werden mit Decken versorgt, es gibt beheizte Zelte und Linienbusse fahren, um Flüchtlinge von der Grenze weg in sichere Quartiere zu bringen. Auch viele Reisebusse - mitunter aus Deutschland - sammeln Flüchtlinge ein. Alles läuft sehr geregelt, von Chaos ist keine Spur - zumindest hier, weit entfernt vom Landesinneren und den schweren Kämpfen.

Tag 2: Update 8 Uhr - Abfahrt in Krakau, Ziel Ukraine

Die Eindrücke des gestrigen Tages haben ihre Spuren hinterlassen. Wir sitzen gemeinsam beim Frühstück in unserem Hotel in Krakau und planen den heutigen Tag. Harald überfliegt die aktuellen Nachrichten aus der Ukraine auf seinem Smartphone, Klaus und ich sind in unseren Kaffee vertieft. Noch rund 250 Kilometer trennen uns von der Grenze. Meine Mitfahrer berichten, dass sie heute schon kurz nach dem Aufstehen mit Kathi Schmid in Rohrdorf telefoniert haben. Natalja hatte sich gestern Abend noch bei ihr gemeldet.

Die gute Nachricht: Sie befindet sich mit den beiden Kindern bereits auf dem Weg nach Salzburg, per Zug. Die Chancen stehen gut, dass die Ukrainerin zeitgleich mit uns wieder im Landkreis Rosenheim ankommt. Wir beladen also unseren Minibus und starten los. Harald fährt, ich sitze auf dem Beifahrersitz. Klaus übernimmt von der Rücksitzbank das Organisatorische und nimmt Kontakt mit unseren beiden Lkw-Fahrern auf.

Tag 1: Update 22.40 Uhr - Übernachtung in Krakau und Kräfte sammeln

Am Abend erreichen Harald, Klaus und ich Krakau, die zweitgrößte Stadt Polens an der Weichsel. Dass die Ukraine näher kommt, merken wir hier sprichwörtlich an jeder Straßenecke. Bereits seit wir auf den polnischen Autobahnen unterwegs sind, sehen wir die Farben der ukrainischen Flagge - blau und gelb - überall: Einmal in Form von Bannern an den Wohnhäusern neben der Straße, ein anderes Mal direkt eingeblendet in den Digital-Anzeigen über der Straße; dort wo normalerweise Geschwindigkeitsbegrenzungen zu sehen sind. „Aus Solidarität für die Menschen in der Ukraine“ ist darunter in leuchtenden Buchstaben auf Polnisch zu lesen; immer und immer wieder.

Der zweite Stock unseres Hotels wurde kurzerhand zur Spielecke für Kinder umfunktioniert.

Auch in unserem Hotel am Stadtrand von Krakau bemerken wir die Auswirkungen des Krieges im rund 250 Kilometer entfernten Nachbarland. Nachdem wir für die Nacht eingecheckt und noch eine Kleinigkeit gegessen haben, begeben sich Harald und Klaus zur Ruhe. Ich will mir noch ein paar Minuten die Beine vertreten und frische Luft schnappen. Auf dem Weg von meinem Zimmer im vierten Stock nach draußen, entdecke ich im zweiten Stock des Hotels einen Flur voll mit Spielsachen; manche noch in Kisten verpackt, andere nach dem Spielen auf dem Boden abgelegt. Ich begebe mich weiter zur Rezeption im Erdgeschoß und spreche die junge Frau hinter des Tresen des Empfangs an. „Ja, ein paar wenige Frauen und Kinder aus der Ukraine sind noch hier“, antwortet Zuzanna auf Englisch. „In der vergangenen Woche waren es schon einige mehr. Die meisten sind auf dem direkten Weg zu Bekannten oder Verwandten.

Hilfsgüter für die Ukraine: Fahrt ins Ungewisse

Ich frage Zuzanna nach der Stimmung in Polen, wie das Land über den Krieg im Nachbarland denkt. Ihre Antwort fällt bestimmt und prägnant aus: „Krieg trifft immer die Schwächsten und die aber mit voller Härte.“ Ich merke, dass der Rezeptionistin das Thema unangenehm ist und verabschiede mich; gehe raus an die frische Luft. Morgen, am Donnerstag (10. März) stehen die letzten Kilometer unseres Weges an die Grenze auf dem Programm. Viele Fragen sind noch offen: Klappt die Verladung der Güter reibungslos, gibt es zuvor Probleme bei der Einreise? Finden wir den Treffpunkt mit Natalja und ihren Kindern; und wie lange dauert dann die Ausreise aus der Ukraine? Sämtliche Vorbereitungen sind soweit abgeschlossen; erst morgen wird sich zeigen, ob alles auch wie geplant funktioniert.

Tag 1: Update 16 Uhr - Auf dem Weg zur tschechischen Grenze

Am frühen Nachmittag sind Harald, Klaus und ich mit dem vollbeladenen Kleinbus unterwegs zur tschechischen Grenze in Richtung Brünn; von Richtung Wien aus kommend. Die ersten Stunden unserer Fahrt vergingen wie im Flug; nach erstem Kennenlernen hatten wir Gelegenheit auch die Eckpunkte der Fahrt zu besprechen. Unser Tagesziel wird Krakau sein; morgen früh geht es dann weiter an die Grenze zum Umladen der Güter: In unserem Kleinbus haben wir in erster Linie Lebensmittel geladen.

Start zur Fahrt in die Ukraine: Zusammen mit Klaus (rechts) und Harald mache ich mich auf den Weg

In Absprache mit Pfarrer Firman, unserem Kontakt in der Diözese Ternopil, alles Dinge, die gerade sehr dringend benötigt werden. Mit weiteren elf Tonnen Wasser, Milch, Lebensmittel, Kindernahrung und Decken sowie winterfesten Schlafsäcken ist der Lkw beladen, mit dem wir uns am Donnerstagmittag kurz vor der Grenze zur Ukraine treffen werden.

Dann tut sich ein weiteres Detail auf: Nach erfolgreichem Umladen an oder kurz hinter der Grenze der Hilfsgüter von Hand, nehmen wir voraussichtlich eine Frau und zwei Kinder mit auf den Weg zurück nach Deutschland. Natalja - die Namen ihrer Kinder kenne ich noch nicht - soll bis auf weiteres bei Kathi Schmid, der Vorsitzenden des Helferkreises der Diözese Ternopil, in Rohrdorf unterkommen.

Voll beladen bis unter das Dach: Der Kleinbus der Marktgemeinde Bruckmühl platzt aus allen Nähten

Auch Harald erzählt, dass er sich vorstellen kann, eine oder sogar mehrere Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen. Der pensionierte, evangelische Pfarrer hat zuhause und im Umfeld seiner alten Wirkungsstätte jede Menge freie Zimmer, auch die Ehefrau sei über das Vorhaben schon eingeweiht. In unserem Kleinbus haben wir auf der Rückfahrt schließlich noch drei Plätze frei, ergänzt er.

Auf die Frage, wie wir vor Ort an der Grenze entscheiden wollen, wer zusätzlich zu Natalja und ihren beiden Kindern einsteigen soll, wissen wir allerdings dann keine klare Antwort. Zum ersten Mal seit der Abfahrt am Morgen in Rohrdorf wird es dann für einen längeren Moment still im Kleinbus.

Mittlerweile, nach rund sechs Stunden auf der Straße, haben wir Tschechien erreicht; bis Krakau sind es jetzt noch rund 300 Kilometer oder etwas mehr als drei Stunden Fahrt. Klaus erzählt von seinen ersten beiden Reisen in die Ukraine und nach Ternopil; damals im Jahr 1995 und 2009 und natürlich unter anderen Vorzeichen. Etwas wehmütig berichtet er vom Kennenlernen mit einem Geistlichen der Diözese während seines ersten Aufenthalts. „Ein ehrlicher, weltoffener Mann“, der ihm während seiner zweiten Reise den damaligen Präsidenten der Ukraine persönlich vorstellte, mit den Worten: „Das sind meine Freunde aus Bayern.“ Seine dritte Reise hatte sich Klaus mit Sicherheit anders vorgestellt; an seiner Entschlossenheit, seinen Freunden in der Ukraine zu helfen, ändert das freilich nichts.

Tag 1: Abreise aus Rohrdorf Mittwochfrüh (9. März)

Bereits seit vielen Jahren pflegt der Helferkreis der Diözese Ternopil e.V. aus Rohrdorf gute Kontakte zur namensgebenden Kirchengemeinde in der Ukraine. Jetzt machen sich mehrere Ehrenamtliche auf den Weg ins Krisengebiet; mit dringend benötigten Gütern. Ich begleite den Hilfstransport auf dem Weg durch Österreich, Tschechien, Polen bis in die Ukraine.

Am Mittwoch um 8.30 Uhr treffe ich mich mit Klaus und Harald, beide Mitglieder des Helferkreises der Diözese Ternopil e.V., in der Nähe von Rohrdorf. Bereits am Dienstag (8. März) haben mehrere Freiwillige dort einen Lkw mit ganz vielfältigen Hilfsgütern für die Ukraine beladen. Der Transport mit den beiden Fahrern Matthias und Andreas ist also bereits auf dem Weg. Die Route führt über Österreich, Tschechien und Polen. „Der Weg über die Slowakei ist leider nur schlecht ausgebaut; wenig Autobahnen, viele Landstraßen. Das haben wir früher schon ausprobiert“, erzählt mir Klaus. So sei der Weg über Polen zwar etwas länger, dank besser ausgebautem Straßennetz allerdings sogar schneller. In der Nähe von Premysl an der polnisch-ukrainischen Grenze wollen wir uns am Donnerstagmittag mit dem Lkw treffen. Gemeinsam geht es dann in die Ukraine, wo wir uns mit Helfern der Diözese verabredet haben und die Ladung übergeben. Unser Kontakt vor Ort ist ein Pfarrer der Diözese.

Nur das Nötigste: Ehrenamtliche bereiten den Transport von Hilfsgütern nach Ternopil vor

Unseren Kleinbus beladen wir vor der Abreise noch mit frischen Gütern; Brot, Wasser und anderen Lebensmitteln. Selbst die grundlegendsten Dinge - für uns zu jeder Zeit selbstverständlich - sind aktuell Mangelware im Kriegsgebiet, erzählt Klaus. Anschließend gehen wir nochmal die vorbereitete Kontaktliste durch: Kathi Schmid, der Vereinsvorstand des Helferkreises, hat wichtige Telefonnummern zusammengetragen. Zur Sicherheit steht sogar eine ukrainische Dolmetscherin in München auf der Liste. Jetzt stehen aber zunächst jede Menge Kilometer auf dem Programm; die erste Etappe der Fahrt wird uns voraussichtlich bis Krakau, die mit rund 780.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Polens, führen. Zeit, die ich nutzen möchte, um Klaus, Harald und auch ihre Geschichte im Helferkreis kennenzulernen.

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