AKTUELLES INTERVIEW MIT ROLAND KIRR VON DER SCHAFHALTERVEREINIGUNG

Traditionsberuf mit Naturschutzaufgabe

Der Hirte und seine Schafe auf der Wanderschaft:Das idyllische Bild trügt. Hinter der Schafhaltung steckt viel Arbeit – bei Wind und Wetter.
+
Der Hirte und seine Schafe auf der Wanderschaft:Das idyllische Bild trügt. Hinter der Schafhaltung steckt viel Arbeit – bei Wind und Wetter.

Einen runden Geburtstag, den 40., feiert die Schafhaltervereinigung Rosenheim von Donnerstag bis Sonntag mit einem illustren Programm (siehe Kasten) in Feldolling. Im Vorfeld stand der Vorsitzende der Vereinigung, Roland Kirr, gegenüber unserer Zeitung Rede und Antwort zur Arbeit des Schäfers, seinem Verein, Entwicklungen und die Schafhaltung im Allgemeinen.

Die Schafhaltervereinigung (SHV) Rosenheim gibt es seit 40 Jahren. Nicht jeder kennt sie allerdings. Was sind ihre Aufgaben und Ziele?

Wir wollen den Ausbildungsstand der Schafhalter fördern, insbesondere für Zu- und Nebenerwerbsbetriebe im Bereich Fütterung, Haltung, Tiergesundheit und Landschaftspflege. Darüber hinaus pflegen wir den Kontakt zu Behörden und zur regionalen und überregionalen Politik.

Wie viele Schafhalter gibt es im Landkreis Rosenheim aktuell? Und wie viele Schafe haben diese summa summarum an Muttertieren?

Aktuell gibt es circa 180 schafhaltende Betriebe. Dazu kommen noch einige Kleinschafhaltungen. Die SHV Rosenheim hat derzeit etwa 280 Mitglieder – inklusive Familienmitgliedern und passiven Mitgliedern – wobei einige auch aus angrenzenden Landkreisen sind. Das Mutterschaf ist die aussagekräftigste Größe in der Schafhaltung. Im Landkreis Rosenheim werden circa 4500 Mutterschafe gehalten.

Die Schafhaltung hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert. Was sind die prägnantesten Unterschiede und Auflagen hierbei?

Bei uns steigt der Altersdurchschnitt ständig. Leider finden wenig junge Menschen Gefallen an der Schafhaltung. Darüber hinaus ist der Bürokratieaufwand enorm gestiegen, und die Einkommenssituation ist auf dem Level von vor zehn Jahren stehengeblieben. Aktuell finden aber Gespräche statt, diese wieder zu verbessern.

Natürlich wird bei der Rassenauswahl auf den Nutzen (Fleisch oder Wolle) geachtet. Gibt es Rassen, die für unser Klima besonders geeignet sind und welche weniger?

Gebirgsrassen sind, wie der Name sagt, für die Berge gezüchtet worden. Harte Klauen, Trittsicherheit beispielsweise und die langen Überhaare lassen den Regen gut abperlen. Im Gegensatz dazu das Merinolandschaf und fleischbetonte Rassen, die feinere Wollen haben. Diese Rassen sind eher für niederschlagsärmere Gegenden (nördlicher Landkreis) geeignet.

Schafwolle hat in den letzten Jahren wieder einen Aufschwung erlebt. Können Sie das bestätigen und wenn ja, worauf führen Sie dies zurück?

Der Aufschwung der Schafwolle kann nur in einem Nischensegment bestätigt werden. Leider ist es so, dass Kunstfasern und Baumwolle noch mehr Anteile am Weltmarkt bekommen. Hier wäre dringend Änderungsbedarf geboten. Schafwolle ist frei von Pestiziden, im Gegensatz zur Baumwolle, die oft unter haarsträubendem Pestizideinsatz erzeugt wird.

Das Bild des Schafhirten ist geprägt von idyllischen Vorstellungen. Doch es steckt harte Arbeit dahinter. Können Sie die Arbeit kurz umreißen?

Ab Mitte/Ende April werden die Herden auf die Sommerweiden gebracht. In Südoberbayern werden mindestens 90 Prozent aller Schafe gekoppelt, das heißt man steckt mittels mobiler Zäune täglich eine neue Weide auf. Dazu kommt noch die Tierkontrolle, ob alle Schafe gesund sind und die Wasserversorgung. Natürlich kommen weitere Aufgaben wie die Heu- und Silagebereitung dazu. Die Hauptlammzeit ist meistens im Winter und Frühling, wenn die Schafe im Stall sind. Die Winterweide wird von vielen Landwirten gern gesehen, da die Schafe mit ihren Klauen die Mausgänge eindrücken und der Grasbestand kürzer in den Winter geht, was bei lang anhaltender Schneedecke von Vorteil ist. So ist der Schäfer immer draußen, bei jedem Wind und Wetter.

Gibt es überhaupt noch viele Hirten, die mit ihren Herden umherwandern? Auflagen und das Nutzrecht geeigneter Wiesen erschweren dies wahrscheinlich….

Aktuell gibt es nur einen Wanderschäfer, der von München aus im Winter bis in den Landkreis Rosenheim zieht. Die größeren Schäfer aus dem Landkreis wandern mit ihren Herden nur im Bereich von etwa zehn Kilometern um ihre Hofstelle.

Stichwort Wolf und Co.: Haben die Rosenheimer Schafhalter hiermit zu kämpfen oder Sorgen? Gibt es darüber Austausch mit Betroffenen aus anderen Bundesländern wie beispielsweise in der Lausitz mit nachgewiesenem Wolfsbestand?

Natürlich beschäftigt uns das Thema Wolf sehr. Man kann den Wolf als Damoklesschwert über der Schafhaltung betrachten. Der Herdenschutz ist gerade für kleine Schafhaltungen unbezahlbar und auch mit einem überdimensionalen Arbeitsaufwand verbunden. Während in Brandenburg nur teilweise 40 Menschen pro Quadratkilometer leben, ist der Landkreis Rosenheim mit 180 Einwohnern pro Quadratkilometer besiedelt. Dies hat auch Auswirkungen auf die Lebensweise von großen Beutegreifern. Wir haben auch schon einige Infoveranstaltungen zum Thema Wolf und Herdenschutz durchgeführt.

Eigentlich ist Schafhaltung ja auch Landschaftspflege. Hier könnten beispielsweise Kommunen von Herden bei unwegsamem Gelände profitieren, oder?

Sehr sogar. Maschinelle Landschaftspflege, insbesondere der Abtransport von Gras aus nicht mit Traktoren erreichbarem Gelände, ist äußerst aufwendig und teuer, während vierbeinige Rasenmäher selbstständig die Pflegefläche erreichen können. Allerdings ist auch der Zaunaufbau im unwegsamen Gelände schwierig und aufwendig, trotzdem günstiger und umweltschonender.

In den vergangenen Jahren ist es Trend geworden, dass Menschen zum Entschleunigen als Senner Almarbeit leisten. Ist dies auch bei der Schafhaltung als „Hirte auf Zeit“ der Fall?

Es gibt immer wieder auch „Aussteiger“, die sich für den Beruf des Schäfers entscheiden.

Vielen bekannt sind Bilder von Schur-Meisterschaften im In- und Ausland. Wie ist hier der Landkreis Rosenheim dabei? Oder nimmt die Konkurrenz die Butter vom Brot?

Robert Hagenrainer aus Feldkirchen-Westerham ist unser Lokalmatador und bei bayrischen und deutschen Meisterschaften unter den Amateuren ganz vorne mit dabei. Hier möchte ich noch erwähnen, dass es bei Schafschurmeisterschaften nicht nur auf Schnelligkeit, sondern auch insbesondere auf Sauberkeit ankommt sowie dass die Schafe nach Möglichkeit ohne Schnittverletzungen geschoren werden.

Interview: Silvia Mischi

Kommentare