KATASTROPHENSCHUTZ-GROSSÜBUNG IM ALTLANDKREIS BAD AIBLING

26 Szenarien: Im Wettlauf mit der Zeit

Hand in Hand arbeiten Feuerwehr und Rettungsdienste hier zusammen. Je nach Gefahrenlage ist dies oftmals schwierig. Am Wochenende fanden 26 Großübungen mit rund 600 Aktiven im Altlandkreis Bad Aibling statt. MKT
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Hand in Hand arbeiten Feuerwehr und Rettungsdienste hier zusammen. Je nach Gefahrenlage ist dies oftmals schwierig. Am Wochenende fanden 26 Großübungen mit rund 600 Aktiven im Altlandkreis Bad Aibling statt. MKT

Tote, Schwerverletzte sowie Gefahr für Leib und Leben: Seit Freitag „ereigneten sich im Mangfalltal reihenweise Unfälle und verheerende Szenarien. Noch bis gestern Abend war das „Gefahrenpotenzial“ extrem hoch. Denn bis dahin dauerte die Großübung für den Katastrophenfall mit rund 600 Beteiligten von Rettungsdiensten und Polizei an (siehe Sonderseite 18).

Altlandkreis– „Tempo 18“ heißt die bundesweit einmalige Großübung, ausgerichtet vom Verein für Rettungsdienst und Katastrophenschutz in Bayern (MKT) für und mit Rettungsdiensten der verschiedensten Institutionen, Feuerwehren und Polizei. In Hallen, Wohnhäusern, Wäldern und auf Firmengrundstücken werden am Wochenende 26 Szenarien realitätsnah nachgestellt. „Wir haben Pyrotechniker vom Film dabei, um möglichst katastrophenähnliche Situationen zu schaffen. Es krachte, es rauchte und jede Menge Sirenen waren zu hören“, beschreibt MKT-Geschäftsführer Robert Schmitt gegenüber unserer Zeitung, was die Einsatzkräfte erwartet.

Am MKT-eigenen Kata-strophenzentrum in der ehemaligen Raketenstation in Lampferding waren die Basis und das Hilfskrankenhaus aufgebaut. „Denn im Gegensatz zu anderen Übungen hören wir nicht beim Abtransport auf, sondern spielen das ganze Procedere auch für Ärzte des Klinikums der Universität München durch“, so Schmitt. Dies bedeutete, es wurden – ein eigenes Computerprogramm wurde dafür geschrieben – 250 „Patienten“ im Notfallkrankenhaus aufgenommen, Röntgenmaßnahmen simuliert und bis zur OP alles koordiniert.

„Die sogenannte goldene Stunde des Traumas ist unser Credo“, betont Schmitt. Dies bedeutet, dass binnen einer Stunde nach dem Unfall/Anschlag eine Person – beispielsweise mit Bauchschuss – auf dem OP-Tisch liegen muss. Denn: „Sonst besteht nicht allzu große Hoffnung für den jeweiligen Patienten“, begründet der MKT-Geschäftsführer den Hintergrund, dass am Wochenende die Zeit ein entscheidender Faktor bei den Szenarien war.

Aber: Oft verhindere eine Gefahrenlage wie bei einem Terroranschlag und die zunächst erforderliche Absicherung durch die Polizei die rasche medizinische Versorgung von Verletzten. „Auch wir müssen aus der roten Zone, dem Gefahrenbereich, draußen bleiben, bis die Sachlage geklärt ist“, so Schmitt. „In Israel oder Frankreich haben die Rettungsleute paramilitärische Ausbildungen. Da läuft das anders ab als bei uns. In Deutschland liegt ein ganz anderes System, zugrunde“, erläuterte Schmitt. Deshalb sei es immens wichtig, dass die Polizisten auch um ihre Bedeutung als Erstversorger wissen. „Und genau hier sind wir bei den Übungen einmalig. Wir vermitteln den Polizisten beispielsweise Anbindesysteme um Blutungen zu stillen oder die Verwendung spezieller Tragetücher für den Abtransport aus der Gefahrenzone.“ Letztere soll demnächst in jedem Polizeifahrzeug vorhanden sein. „Hier habe ich zahlreiche Gespräche mit Entscheidungsträgern des bayerischen Innenministeriums geführt“, so Schmitt.

„Es kann nie genügend Übungen geben.“ Robert Schmitt

Auch in Zeiten der Gewalt gegen Rettungskräfte sei der MKT Vorreiter und bilde seine Aktiven entsprechend zusätzlich aus. „Das ist alles freiwillig, ehrenamtlich und aus der eigenen Tasche bezahlt.“

Nach dem Amoklauf in einem Einkaufszentrum in München vor zwei Jahren sind die Schnelligkeit bei der medizinischen Versorgung, das „Hand-in-Hand-Arbeiten“ der Einsatzkräfte und die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Einheiten von noch größerer Bedeutung. Nicht ohne Grund waren am Wochenende Beobachter aus Österreich, der Schweiz, Ungarn und dem gesamten Bundesgebiet neben politischen Vertretern aus der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik vor Ort. „Auch Zuschauer waren jederzeit zu den verschiedenen Szenarien willkommen. Nur im Weg rumstehen sollten sie nicht“, so Schmitt.

Dass es bei den Übungen nicht ohne Fehler abgehen würde, sei allen Beteiligten klar. „Deshalb sind wir ja vor Ort, um an den entsprechenden Schraubstellen zu feilen und den Kollegen auch die psychischen und physischen Belastungen der jeweiligen Großschadenslagen wie Anschläge, schwere Unfälle, Brände und Co. aufzuzeigen“, betont Schmitt.

Bei der Übung 2017 habe die sommerliche Hitze, ein angenommener Anschlag samt Giftgasproblem drei Feuerwehrmänner in ihrer Schutzausrüstung kollabieren lassen. „Es ist ein schmaler Grat, wo die Belastungsgrenzen des Jeweiligen aufhören“, weiß der erfahrene Einsatzleiter und Koordinator. 23 Personen hatten zehn Monate lang an der Großübung getüftelt. Denn: „Es kann nie genügend Übungen geben.“ Nur so würden sich Abläufe und Zusammenarbeit einschleifen. Die extrem realitätsnahen Schadenslagen und Alarmierungen seien dabei ein wesentlicher Baustein.

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