In Strasskirchen begraben die Dorfbewohner ihre toten Nachbarn selber

Auf dem Friedhof von Straßkirchen sind Bestattungsinstitute selten zu sehen.
  • vonJohannes Thomae
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Dass die Strasskirchener in Sachen Glauben einen eigenen Kopf haben und ihn zu verteidigen wissen, ahnt man schon beim Blick auf die Kirche: Ihr Turm ist kein filigraner Aufsatz, sondern groß und wehrhaft. So groß, wie der Gemeinsinn in dem kleinen Ortsteil Vogtareuths.

Vogtareuth – Fast sieht es aus, als wäre der Turm nicht an die Kirche, sondern die Kirche an einen massiven Wehrturm angebaut worden. In dem Vogtareuther Ortsteil hielt sich deshalb lange die Vorstellung, das sei in der Tat so gewesen, der Turm vielleicht auf den Fundamenten eines römischen Wachturms gegründet, doch ist das unsicher.

Die hübsche Kirche trotzten die Strasskirchener Bauern vor 200 Jahren der Obrigkeit ab. Der damals entstandene Brauch, ihre Nachbarn selber zu beerdigen, hat sich bis heute erhalten.Thomae

Sicher aber ist, dass sich die Strasskirchner um das Jahr 1806 zäh und hartnäckig gegen den Abriss ihrer Kirche St.Georg zu Wehr setzten. Sie sollte nämlich als Materiallieferant für den Aufbau der Rosenheimer Saline dienen. Über zwei Jahre hinweg machten sich die Bauern aus Strasskirchen und Tödtenberg deshalb immer wieder auf den Weg nach München, um dort bei Regierung und Kirchenverwaltung persönlich Protest einzulegen.

Bauern trotzen gelehrten Herren

Gegen einmal gefasste Entschlüsse der Obrigkeit vorzugehen ist noch heute kein leichtes Unterfangen, für einfache Bauern von damals aber muss sehr viel Mut und Einsatzwillen dazu gehört haben, der sich vermutlich aus inbrünstig empfundener Entrüstung speiste. Denn allein der Weg nach München bedeutete einen mindestens zwölfstündigen Fußmarsch. Von der Beklemmung, die das Vorsprechen bei den gelehrten Herren hervorgerufen haben musste, ganz zu schweigen.

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Die Not war aber groß, denn die Kirche blieb in den zwei Jahren, in denen das Verfahren schwebte, zugesperrt und auch Bestattungen waren auf dem Strasskirchner Friedhof nicht mehr möglich.

Gedenktafel in der Kirche

Vorschrift wurde auch mal umgangen

Eine Vorschrift, die hie und da umgangen wurde, wie aus einer privaten Chronik zu entnehmen ist, in der es von einer Bäuerin im Dezember 1806 heißt: „Sie hat den Herrn Hochwürden beim Versehen gebeten, er wolle sie unbedingt nach Straßkirchen graben lassen“ Ein Begräbnis, das damals von den Nachbarn übernommen wurde, die nicht nur das Grab aushoben, sondern den Verstorbenen dann auf seinem letzten Weg auch trugen.

Ein Brauch, der sich in Strasskirchen bis heute erhalten hat. Noch heute werden dort Verstorbene meist von ihren Nachbarn zu Grabe getragen. Ursprünglich war, wieKirchenpfleger Sepp Liegl erzählt, diese Nachbarschaft sogar fest definiert: Immer fünf Höfe schlossen sich zu einer Nachbarschaft zusammen, so dass, wenn einer von den fünf Bauern starb, vier andere da waren, um das Grab ausheben und den Sarg tragen zu können. Dieser Zusammenschluss war wichtig, weil einst die Einwohnerschaft nur aus Bauern bestand, die Höfe aber nicht immer in nachbarschaftlicher Nähe zueinander standen.

Nachbarschaft trägt auch bei freudigen Anlässen

Diese Nachbarschaften waren dann aber auch eine Quelle der Gemeinschaft bei freudigeren Anlässen. Denn diese Nachbarn waren es, die immer dann, wenn in einen Hof eingeheiratet wurde, dort einen Baum aufstellten, mit Kränzen geschmückt und oft mit einer Wiege versehen. Ein Brauch, der sich in Strasskirchen nicht nur bis heute erhalten hat, sondern unter den rund 100 Einwohnern laut Liegl in der letzten Zeit sogar wieder verstärkt aufzuleben scheint.

Sonderrecht steht in der Friedhofssatzung

Weil für die Strasskirchner aber eben nicht nur Freude etwas ist, das man teilen kann, sondern auch Leid etwas, das man teilen muss, ist auch der Brauch des eigenhändigen Grabaushebens noch lebendig. In der jüngsten Friedhofssatzung der Gemeinde Vogtareuth, die dieses Jahr erlassen wurde, ist ausdrücklich festgehalten, dass jeder Strasskirchner frei entscheiden kann, ob er von seinen Nachbarn zu Grabe getragen werden möchte, oder ob diese Aufgabe vom Beerdigungsinstitut übernommen werden soll. Bestattungsinstitute haben in Strasskirchen wenig Kundschaft.

Für Kirchenpfleger Sepp Liegl ist durch dieses Brauchtum mit Hochzeitsbaum und zu Grabe tragen ein Lebenskreis geschlossen, aus dem dörfliche Verbundenheit erwächst. Diese bewahren zu können ist gerade in modernen Zeiten durchaus ein großes Gut.

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