REGIONALE PRODUKTION STATT GRUNDSTÜCKSVERKAUF

Stephanskirchen: Wo Kühe unter alten Obstsorten weiden können

Die Kalbinnen ziehen um: Aus dem kleinen Stall nördlich der Salzburger Straße in einen größeren Neuen zwei Steinwürfe südlich.
+
Die Kalbinnen ziehen um: Aus dem kleinen Stall nördlich der Salzburger Straße in einen größeren Neuen zwei Steinwürfe südlich.
  • Sylvia Hampel
    vonSylvia Hampel
    schließen

Bauernhöfe stellen den Betrieb ein. Vor allem, wenn sie große Flächen zentral in einer teuren Wohngegend verkaufen können. Ja, häufig ist es so. Anders geht es aber auch. Zum Beispiel bei Familie Mittner.

Stephanskirchen – Der Hof liegt mitten in Stephanskirchen, an der Salzburger Straße. Dahinter Nadelbäume und ein Stall für zwölf Kühe. Kaninchen, ein paar Schafe. Ein eher kleiner Betrieb. Der größer wird. Einen guten Steinwurf weiter, südlich der Salzburger Straße. Da entsteht ein Stall für 40 Färsen und dazu eine Halle. Der Bau- und Planungsausschuss hat schon zugestimmt. Einstimmig.

Aus dem Unterstand wurde ein Stall

Eigentlich hatte Ludwig Mittner nur einen Unterstand für seine Kalbinnen bauen wollen. Die Weide am Wohnhaus ist klein, reicht gerade für ein Dutzend Tiere. Und die Nachfrage nach dem Fleisch der Jungkühe ist groß. „Ich habe auch schon Anfragen von Metzgern gehabt“, berichtet Ludwig Mittner, „aber ...“ Kurze Pause, um die Augen machen sich ein paar Lachfältchen breit: „Naaaa.“

Den letzten Schubs gab der Junior

Amt für Landwirtschaft und Landratsamt schubsten Mittner Richtung Stallbau, aber er mochte sich nicht so recht dazu entschließen. Einen Rinderstall zu bauen, ist teuer. Dann aber kam Ludwig junior, 16 Jahre und auf dem Weg zur Mittlern Reife, ins Spiel. Der erklärte nämlich, zur Freude seiner Eltern, den Hof übernehmen zu wollen.

Lesen Sie auch: Regionale Produkte auf Bestellung: Erfolgreicher Auftakt der „Marktschwärmer“ in Rosenheim

Und damit stand der Entschluss, auf dem Grundstück an der Geheringer Straße einen Stall für 40 Färsen und einige Schafe zu bauen, dazu Maschinen- und Bergehalle und was sonst dazu gehört. Ein mittlerer sechsstelliger Betrag ist da schnell zusammen. „Das große Geld verdienen wir damit nicht, aber wir haben die Klientel und die Qualität, dass es sich rechnet“, so Mittner.

Drinnen oder draußen – das entscheiden die Tiere

Die Kalbinnen können in der wärmeren Jahreszeit zwischen Stall und Weide wechseln, wie es ihnen gefällt. Und sonst zumindest in einen Freilauf. „Man wundert sich, bei welchem Wetter sie draußen stehen“, sagt Hildegard Mittner, „die klaren kalten Tage waren für die Tiere das Höchste.“

Wohl der Tiere im Vordergrund

Der Stall wird zuerst gebaut. Denn Mittner führt zwar einen konventionellen Hof, aber das Wohl der Tiere steht bei ihm im Vordergrund. Deswegen hat er auch die Ausbildung gemacht, seine Färsen selber töten zu dürfen, den „Weideschuss“ abzugeben. „Unsere Tiere sind ihren Lebtag nicht angebunden – und an ihrem letzten Tag haben sie dann einen Strick um?“

Hildegard Mittner schaudert, Mann und Sohn schütteln den Kopf. „Es war meiner Frau und mir immer ein Grausen, wenn wir die Tiere verladen mussten“, sagt Ludwig Mittner. Das müssen sie nun nicht mehr.

Die Spezl sind geteilter Meinung

Um die Verarbeitung der Kalbinnen kümmert sich ein Hofmetzger. Irgendwann übernimmt Ludwig junior, denn er macht zunächst eine Ausbildung zum Metzger, lernt dann Landwirt. Was seine Spezl von Ausbildung und Hofübernahme halten? Der 16-Jährige grinst: „Die einen finden‘s richtig gut und die anderen verstehen’s nicht.“

Kalbinnen, Schafe, Maschinen und Heu ziehen um

Mit den Kalbinnen ziehen auch einige Schafe mit in den neuen Stall. Die sind bei Mittners als Unkrautvernichter unterwegs, halten die Christbaumpflanzung frei. Und haben nach dem Umzug der Färsen mehr Fläche zum Abknabbern, denn die Weide nördlich der Salzburger Straße will Mittner zur Christbaumschule machen.

Die Schafe kümmern sich um das Unkraut zwischen den künftigen Christbäumen. Denn Ludwig Mittner will so wenig Chemie wie irgend möglich einsetzen.

Und südlich der Straße, da werden nicht nur die größeren Tiere Unterkunft finden, in der Maschinenhalle an der Geheringer Straße bringt Mittner alles zusammen, was jetzt zum Teil offen auf seinem Gelände steht. Und das Heulager findet dort auch Platz. „Dann müssen wir damit nicht immer die Salzburger Straße queren.“

Alte Obstsorten und eine Streuobstwiese

Natürlich muss Mittner für die beiden Gebäude Ausgleichsflächen schaffen. Die Gemeinde wünscht sich eine Eingrünung mit heimischen Laubbäumen, ein Blühstreifen an der Geheringer Straße wäre auch recht.

Mittner will alte Obstsorten rund um Stall und Halle pflanzen, eine Streuobstwiese anlegen. „Es dürfen im Laufe der Zeit auch immer mehr Bäume werden“, sagt Mittner und grinst. „Ich bin ein großer Fan von alten Obstsorten.“

Möglichem Ärger mit Nachbarn vorgebeugt

Ärger mit Nachbarn haben Mittners vorgebaut: Halle und Stall stehen so weit von der Wohnbebauung weg, wie das in zentraler Lage in Stephanskirchen nur geht. Und der Stall ist zur Miesbacher Straße orientiert, dort wohnt keiner.

„Außerdem hört man aus dem Stall fast nichts. Anders als bei Mutterkuh-Haltung, da schreit immer irgendwer“, erklärt Hildegard Mittner.

Discounter wollten auf die Weide

Und es hätte ja noch ganz anders kommen können: Die große Fläche mitten in Stephanskirchen lockte immer wieder Interessenten an. „Es hat mehr als ein Discounter oder Supermarkt angefragt“, sagt Ludwig Mittner. Bei den hohen Grundstückspreisen in der Gemeinde und bei den vielen Quadratmetern käme da eine ordentliche Summe zusammen.

Mittner ließ sich nicht in Versuchung führen. Und als Ludwig junior sagte, „Papa, ich übernehme“, da hatten Discounter keine Chance mehr. Nicht gegen zwei Ludwig Mittners. Die dort ihren Bauernhof bauen.

Der Vater lässt den Sohn dann machen

Und was sich der Sohn dann für Nischen sucht, ob er offiziell auf bio umstellt und ob er einen Hofladen unterhalb des Wohnhauses direkt an die Salzburger Straße baut, da mischt sich der Vater nicht ein. Ideen hätte er genug. Aber: „Das ist seine Sache.“

Mehr zum Thema

Kommentare