Seltene Krankheit

Auf der Flucht vor Strom und Handy: Hans Zeh aus Söchtenau leidet unter Elektrohypersensibilität

Hans Zeh in seinem „Winterquartier“ auf dem Campingplatz in Söchtenau. Hier hat er Ruhe vor elektromagnetischer Strahlung.
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Hans Zeh in seinem „Winterquartier“ auf dem Campingplatz in Söchtenau. Hier hat er Ruhe vor elektromagnetischer Strahlung.
  • Kirsten Meier
    vonKirsten Meier
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Fernseher, Internet, Handy und Strom sind für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Nicht aber für Hans Zeh. Der 48-Jährige leidet an Elektrohypersensibilität, die Dinge des „normalen“ Alltags machen ihn krank. Die Geschichte eines Lebens auf der Flucht.

Söchtenau – Hans Zeh sitzt in seinem Wohnwagen und liest. Eine Gaslampe sorgt für Licht und auf dem Gasherd köchelt das Teewasser. Kontakt zur Außenwelt hat er kaum. Was so idyllisch scheint, ist für den 48-Jährigen trauriger Alltag. Seit gut fünf Jahren leidet er unter Elektrohypersensitivität, kurz EHS genannt. Deswegen darf er auch während der Corona-Pandemie auf dem Campingplatz wohnen. Zu seinem Schutz.

EHS ist vielen unbekannt. Dabei gibt es schätzungsweise acht Millionen Menschen in Deutschland, die unter Elektrosensibilität leiden. Etwa 25 000 Menschen ergeht es wie dem Söchtenauer. Sie sind gezwungen, in völliger Isolation zu leben.

Gesundheit leidet unter Handy und WLAN

EHS macht sich durch körperliche Beschwerden bemerkbar. Sobald sich der Betroffene im Bereich von hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung, die von Sendemasten, WLAN-Routern, Mobiltelefonen und sonstigen elektrotechnischen Anlagen ausgeht, bewegt, leidet die Gesundheit.

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„Übelkeit, Erschöpfung, chronische Schmerzen in Gelenken und Muskulatur, Energiemangel, Hautausschläge, Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Vergesslichkeit und Angstzustände sind nur ein paar der typischen Symptome. Mit der Zeit fielen mir die Zähne aus, was auch auf meine Erkrankung zurückzuführen ist“, sagt der 48-Jährige.

Bis 2015 war sein leben ganz normal

Begonnen hat Zehs Erkrankung vermutlich schon Anfang 2000. Der Krankheitsverlauf ist schleichend. Massiv brach EHS bei Zeh erst 2015 aus, als er in Grenznähe im Bereich einer starken Funkstrahlung wohnte. „Bis dahin war mein Leben ganz normal: Ich war ein gesunder Mann, hatte eine gemütliche Wohnung, war leidenschaftlicher Motorradfahrer, genoss ewig lange Spaziergänge in der Natur, liebte meine Arbeit, hatte eine nette Partnerin und tolle Freunde. Alles war bestens, doch dann kamen mit der Zeit gesundheitliche Beschwerden, die mich zusehends in meiner Lebensqualität einschränkten“, erzählt er.

Die Ärzte konnten seine Symptome nicht zuordnen

„Ich war ständig müde, erschöpft, meine Gelenke und Muskulatur bereiteten mir schlimme Schmerzen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und hatte eine ständige innere Unruhe“. Die Ärzte konnten seine Symptome nicht zuordnen und diagnostizierten Burn-out und Muskelverspannungen. Zeh schloss psychische Belastungen komplett aus: Er war ein glücklicher Mensch. Als er dann noch innerhalb von drei Wochen 22 Kilo an Gewicht verlor, kündigte er seine Wohnung und zog zu einem Kumpel.

Hans Zeh ging auf Spurensuche

Er hoffte, bei ihm wieder auf die Beine zu kommen. Zeh nahm wieder ein bisschen an Gewicht zu, aber sein Zustand wurde trotzdem schlechter. Da kein Mediziner eine zufriedenstellende Diagnose stellen konnte, begab er sich selbst auf Spurensuche. „Ich hatte damals natürlich Internet und Handy. Übers Internet stieß ich auf Elektrohypersensitivität, was in Deutschland jedoch nicht als Krankheit anerkannt ist. Exakt diese Symptome hatte ich auch“, erzählt er.

Es folgte ein Marathon von Arzt zu Arzt. „Nicht ernstgenommen zu werden ist eine weitere enorme Belastung“, sagt Zeh. EHS-Betroffene werden oft als „Psychos“ abgestempelt. „Umso erleichterter war ich, als ich endlich einen Mediziner in Freiburg fand, der sich mit EHS befasst. Er glaubte mir und bestätigte auch, dass ich diese Erkrankung habe“.

Der Beginn eines Überlebenskampfes

Für Zeh begann mit Ausbruch seiner Erkrankung buchstäblich ein Überlebenskampf. Er wurde arbeitsunfähig, verlor seine Lebenspartnerin, Freunde distanzierten sich von ihm, lange Spaziergänge und alltägliche Erledigungen sind für ihn kaum zu bewältigen. Im April 2018 zog er auf den Campingplatz. Sein neues Zuhause: ein Wohnwagen. Ein Leben in Isolation und Armut.

Ein Organismus unter Dauerlast

EHS-Patienten befinden sich ständig in Gefahr, dass ihr Organismus die Dauerbelastung nicht mehr kompensieren kann. Chronisch Kranke sind permanent auf der Flucht und suchen sich funkarme Plätze, wo sie sich ein wenig Schutz erhoffen.

Seit Ausbruch seiner Erkrankung sucht Zeh verzweifelt Hilfe bei Medizinern. Dass er unter EHS leidet, hat er schriftlich. Auch dass er Schwermetalle und Pyrethroide in seinem Körper hat, wurde ihm bescheinigt. Das, in Verbindung mit elektromagnetischer Strahlung, entzieht ihm noch mehr Lebensenergie.

Krankenkassen zahlen die Behandlung nicht

Zeh musste bislang sämtliche Behandlungskosten aus eigener Tasche zahlen. Daran wird sich auch nichts ändern, da sich die Krankenkassen weigern, Kosten zu übernehmen. Da EHS in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt ist, bleiben die Betroffenen sich selbst überlassen. Dabei wünschen sie sich nur eines: Dass man ihre Krankheit genauso ernst nimmt wie jede andere auch.

Im Winter herrscht auf dem Campingplatz Stille. Sobald der Frühling kommt, tummeln sich dort wieder Menschen, die ständig via Handy erreichbar sein wollen. Für Hans Zeh beginnt dann wieder die Flucht.

Anlaufstelle für Betroffene

Eine Anlaufstelle für Betroffene in Bayern ist der Verein für Elektrosensible und Mobilfunkgeschädigte e.V. in München. Während die Erkrankung in Bayern eher unbekannt ist und auch in der Medizin kaum Aufmerksamkeit erhält, hat sich in Baden-Württemberg ein „Ärztearbeitskreis digitale Medien“ zusammengeschlossen. Mehr Informationen unter: www.elektrosensibel-muenchen.de

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