„Schwabering - nicht Schwabing“ – Liebeserklärung von Rainer Maria Schießler zum Jubiläum

Pfarrei-Vertreter von Landjugend, Ministranten, Frauengemeinschaft, Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat mit einer symbolischen Rose zu Ehren der Pfarrei. Im Hintergrund ist Michael Leberle (Diakon in Ausbildung)
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Pfarrei-Vertreter von Landjugend, Ministranten, Frauengemeinschaft, Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat mit einer symbolischen Rose zu Ehren der Pfarrei. Im Hintergrund ist Michael Leberle (Diakon in Ausbildung)

Rainer Maria Schießler war gerade zum Priester geweiht, als Kaplan in Rosenheim angestellt. Und immer wieder im priesterlosen Schwabering im Einsatz. Da habe er sehr viel für seine Priesterlaufbahn gelernt, schreibt Schießler der Pfarrei zum Jubiläum. Das kurze Grußwort ist eine tiefe Liebeserklärung.

Söchtenau-Schwabering –Eine eigene Pfarrei. Das war es, was sich die Schwaberinger vor rund 160 Jahren gewünscht hatten. Sie haben 60 Jahre dafür gekämpft – mit Erfolg: Am 10. Dezember 1920 wurde die Errichtung der Pfarrei Schwabering vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultur endgültig genehmigt. Erster Pfarrer war Alois Herzinger, erster Gottesdienst war am 19.Dezember 1920.

100 Jahre später gab es einen Festgottesdienst. Aus Platzgründen waren keine Ehrengäste geladen. Aber die Schwaberinger hatten um kurze schriftliche Grußworte ehemaliger Priester in der Pfarrei gebeten. Die kamen auch.

Eine Liebeserklärung auf anderthalb Seiten

Und von einem ehemaligen Kaplan, der immer wieder aus Rosenheim anrückte, um in der priesterlosen Pfarrei auszuhelfen, kam viel, viel mehr: Eine Liebeserklärung auf anderthalb Seiten. Dieser ehemalige Kaplan schreibt unter anderen, dass ihn die Aushilfe in Schwabering für seine ganze Priesterlaufbahn geprägt habe.

Hier kommt er selber zu Wort, der ehemalige Kaplan, heute Bayerns bekanntester Pfarrer, Rainer Maria Schießler:

„Mensch, liebe Schwaberinger, ich weiß nicht wie oft ich das in meiner Zeit als Kaplan in Rosenheim und Aushilfsvikar bei Euch den Leuten erklären musste, die halt nicht im Landkreis nähe Rosenheim leben: „Es gibt auch ein Schwabering“, habe ich dann gerne den Ton etwas forciert, „und nicht nur das berühmt-berüchtigte Schwabing.“

„Wo is jetzt na des?„

Obwohl, „berühmt-berüchtigt“ ist dieses Schwabering auch, wenn ich mal von mir ausgehen darf. Ich weiß nicht, wie lange ich schon in Rosenheim war, im Herbst 1987, unmittelbar nach meiner Priesterweihe habe ich dort angefangen. Irgendwann einmal kam er, erste Anruf von Frau Demmel, ob ich nicht am Sonntag als Aushilfspriester einen Gottesdienst in Schwabering machen könnte. Wir seien ja in St. Nikolaus in Rosenheim zu zweit und hier wäre kein eigener Pfarrer mehr, meinte sie.

„Wo is jetzt na des?“, lautete meine sehr ignorant klingende Gegenfrage am Telefon, für die ich mich heute nochmals in aller Form entschuldigen möchte. Ich bitte um Vergebung.

Wunderbare Jahre hinter der Stadtgrenze Rosenheims

Aber dann begannen wunderbare Jahre hinter der Stadtgrenze Rosenheims. Ich durfte bei allen Einsätzen eine so quicklebendige, engagierte, aufrichtige und absolut natürliche Gemeinde erleben, wie man sie sich als Pfarrer nur wünschen kann. Hier konnte man was ausprobieren, bei großen Gottesdiensten wie in der Kar- und Osterwoche neue Elemente integrieren. Die Schwaberinger machen das mit, nicht treu-doof blind gehorchend, sondern kreativ mitgestaltend. Und sie sagen auch, wo sie die Grenzen sehen.

Aktive, selbstbewusste Gemeinde atmen und spüren

Aufgemerkt: Wir reden von einer an sich priesterlosen Gemeinde. In dieser Zeit hat sich in mir, der ich gerade selber aus einem Pfarrverband kam, die Erkenntnis herausgearbeitet, dass priesterlose Gemeinden eben keine halben oder schlechteren Gemeinden sind. Viel mehr kann man hier mit den entsprechenden Leuten dieses Bewusstsein einer aktiven, gestaltenden und selbstbewussten Gemeinde so richtig atmen und spüren. Das, liebe Schwaberinger, habt ganz allein Ihr mir beigebracht und dafür sage ich jetzt ein ganz, ganz dickes „Vergelt´s Gott!“

Danke für die tollen Jugendgottesdienste, die in ihrer unaufgeregten Einfachheit genau die Sprache fanden, die die Leute auch verstehen. Daran krankt es doch gerade in unserer Kirche, immer dieses hochtrabende theologische Gerede, das niemand fortreißt mehr.

Danke für wunderbare Gottesdienste und Feste, die schöne Fronleichnamsprozession, wie aus einem Bilderbuch herausgemalt. Danke für das tolle Engagement in allen Schichten und Gruppen und dass sich jeder aufgerufen fühlte, hier Gemeinde zu sein.

Wirtshaus gegenüber der Kirche: Einfach genial

Und danke für das Wirtshaus gleich gegenüber der Kirche. Diese doppelte Einladung zum Kult und zum Frühschoppen ist wie alles andere einfach nur genial. Seien wir ehrlich: Ist es nicht gerade das Einfache, das letztlich genial ist?

Danke auch, dass Ihr Euch nicht versteckt habt als priesterlose Gemeinde und immer wacker und tapfer – auch ohne großen residierenden Pfarrer vor Ort – Euer Gemeindezeugnis miteinander gelebt hat.

„Ihr könnt stolz sein auf Euch – und ich bin es mit Euch“

„Na, also geht doch!“ Diese positive Einstellung gleich zu Beginn eines Priesterlebens ist für mich heute noch unverzichtbar, gerade in diesen für die Kirche krisengebeutelten Zeiten. Gelernt habe ich das alles bei Euch. Darum ein letztes Mal: Danke, liebe Schwaberinger! Ihr könnt so was von stolz sein auf Euch – und ich bin es mit Euch.“

Rainer Maria Schießler im Herbst 2019 bei einer Diskussion über Glaube und Heimat in Wasserburg.

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