NÄHSTUNDE IM BÜRGERTREFF RAUBLING

Schneidern mit ausgemusterten Stoffen

Franzi und Margret,
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Franzi und Margret,

Nähmaschinen surren, Stoffscheren bahnen sich ihren Weg durch blaue Baumwolle und fleißige Hände wenden eine Tasche, die einmal Kosmetikutensilien aufnehmen soll. Donnerstags ist Nähtreff im Raublinger Bürgertreff. Frauen jeden Alters schneidern hier mit Fantasie und Geschick aus abgelegten Textilien neue Schmuckstücke.

Raubling– Simone (53), Margret (81), Hanne (67) und Ilse (73) sitzen heute um den großen Nähtisch im Bürgertreff der Sozialen Stadt in Raubling. Jede hat eine Nähmaschine vor sich stehen. Mitten auf dem Tisch türmen sich Tüll und Cord, blaue und rote Stoffreste mit Mustern und ohne. Sie sind Inspiration und Material für lauter schöne Dinge, die die Näherinnen hier Woche für Woche entstehen lassen.

Franzi Wanger (39) leitet den Nähtreff. Die diplomierte Produktdesignerin liebt diese Donnerstage, wenn sie ehrenamtlich mit den begeisterten Näherinnen über den Stoffen brütet, sich gemeinsam mit ihnen inspirieren lässt und dann aus alten Hosen, T-Shirts oder Röcken neue Dinge entstehen lässt. „Upcycling ist unser Motto“, erklärt sie. „Aus alten Dingen, die normalerweise im Müll landen würden, schaffen wir neue praktische und schmückende Dinge – in vielen Variationen.“

Angefangen hatte alles mit dem Nähen von Stoffherzen. „Als die Flüchtlinge nach Raubling kamen, wollte ich etwas Sinnvolles beisteuern“. verrät Franzi. Die Idee für die selbst genähten ,Herzen für den Frieden‘ war geboren.“ Fleißige Näherinnen verkaufen sie seitdem für einen guten Zweck – oder verschenken sie. „Ich habe mal ein Herz in einem Brief verschickt, da passen sie nämlich gut rein“, erzählt Gretel.

Die „Herzen für den Frieden“ gingen inzwischen in Großproduktion. Vierzig Frauen, darunter auch viele aus der Nachbargemeinde Großholzhausen, nähten für einen Verkaufsstand in Raubling. Hier boten sie ihre vielfältigen Produkte an und nahmen 570 Euro ein, mit denen sie eine Familie unterstützten.

Für andere etwas tun und selbst Spaß dabei haben, das schweißt zusammen. „Mir macht das hier echt Freude, da sprießen die Ideen so richtig“, verrät Simone, die extra aus Rosenheim zum Nähtreff kommt. „Für die Caritas bin ich noch zu jung“, lacht sie.

Beim Nähtreff sind sämtliche Generationen vertreten. Sogar Amelie (4) und Isabella (6), die beiden Töchter von Franzi, üben sich schon im Schneiderhandwerk. „Ich möchte, dass sie die Rohstoffe wertschätzen“, erklärt ihre Mutter. Mit ein wenig Geschick könne man so viel verwerten.

Eine Frau sei kürzlich beim Nähtreff gewesen, die vier Hosen dabeigehabt hat. „Sie hat sie gekürzt und enger gemacht und war anschließend richtig froh über das Ergebnis, denn es spart ja auch viel Geld“, weiß die Designerin.

Beim Nähtreff ist beides möglich: Wer mag, kann kommen und für sich selbst eigene Dinge umändern oder neu nähen. Es können aber auch diejenigen kommen, die einfach Spaß am Nähen und Designen haben und ihre Produkte dann für einen guten Zweck spenden möchten.

Plötzlich wird’s turbulent in der Gruppe. Ilse hat sich von Franzi erklären lassen, wie man eine große Wendetasche herstellt und ist jetzt auf der Suche nach dem passenden Stoff. „Und du hast heute gesagt, dass du gar keine Lust zum Nähen hast“, kommentiert Hanne den Eifer ihrer Tischnachbarin. „Jetzt hab ich aber Lust und will die Tasche nähen“, hält Ilse dagegen und wühlt schon wieder im Stofffundus nach dem passenden Design für ihr nächstes Werk.

Die Stoffe, die die von Damen beim Nähtreff verarbeitet werden, stammen allesamt aus Spenden. Ausgemusterte Kleidung, alte Taschen, Gardinen, Tischdecken bilden den Grundstock für neue Produkte. Auch Stoffreste landen auf dem Nähtisch im Bürgertreff. „Da kann man ja noch ein ganzes Kleid draus machen“, ruft Margret entzückt, und wickelt blauen Jerseystoff vom Ballen, der so groß ist, dass sie vollkommen dahinter verschwindet. „Ist das nicht herrlich?“, fragt sie hinter dem Stoff hervor.

Die Stammcrew beim Nähtreff inspiriert sich nicht nur beim Nähen, sondern stützt sich auch gegenseitig in anderen Lebensfragen. Ilse habe erst kürzlich einer Jüngeren die Leviten gelesen, verraten die anderen Damen. Das habe der jungen Frau richtig gut getan. Der Rat der Älteren könne manchmal eben hilfreich sein. Genauso profitieren die Älteren von den Ideen der Jüngeren. „Die einen haben die Näherfahrung, die andern wissen, wie man bei Internetbestellungen den richtigen Button drückt“, bringt es Margret auf den Punkt.

Wer Lust hat, am Nähtreff teilzunehmen, der ist herzlich willkommen, donnerstags von 15 bis 17 Uhr, im Bürgertreff Raubling. „Am besten vorher kurz anrufen“, rät Franzi, die sich auf jeden Neuzugang in der Gruppe freut.

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