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„Gegen neun Uhr kam Polizei in den Laden“

Alle raus aus dem Ortskern: Wie der Bombenfund den Alltag von Rohrdorfs Ladeninhabern aufwühlte

Maria Dinzenhofer und Franziska Doff (von links) vom Dorfbäcker hatten den Laden binnen fünf Minuten zu räumen. Doch da waren die Auslagen mit belegten Semmeln und Butterbrezen längst gefüllt – und an diesem Tag nicht mehr zu verkaufen. Inhaber Wolfgang Sattelberger machte das Beste aus der Situation und verteilte sie an die Einsatzkräfte.
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Maria Dinzenhofer und Franziska Doff (von links) vom Dorfbäcker hatten den Laden binnen fünf Minuten zu räumen. Doch da waren die Auslagen mit belegten Semmeln und Butterbrezen längst gefüllt – und an diesem Tag nicht mehr zu verkaufen. Inhaber Wolfgang Sattelberger machte das Beste aus der Situation und verteilte sie an die Einsatzkräfte.
  • VonJohannes Thomae
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Es war die Corona-Pandemie auf einen Tag eingedampft. „Man ahnt, man wird den Betrieb irgendwann zusperren müssen, weiß aber nicht wann, hat auch keinen Plan, wann man wieder aufmachen darf und überhaupt wenig sichere Informationen.“ So erlebten die Rohrdorfer Geschäftsleute die Evakuierung des Ortszentrums.

Rohrdorf – So erlebte nicht nur Theresa Albrecht, die Chefin des Rohrdorfer Hotels zur Post den vergangenen Freitag, den Tag des Bombenfundes.

Andere Betriebe im 300-Meter-Radius um die Fundstelle hatten dafür ganz schnell konkrete Handlungsanweisungen, völlig unerwartet und beileibe nicht die, die sie haben wollten: „Gegen neun Uhr kam Polizei in den Laden“, so erzählt Franziska Doll, Verkäuferin im Dorfbäcker „und sagte uns, dass wir den Laden binnen fünf Minuten räumen müssten, weil in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Bombe gefunden worden wäre“.

Der Bombenfund sprach sich natürlich auch beim Hotel zur Post herum, wenn es dort auch bislang noch keine direkten Anweisungen seitens der Polizei gab. So wurde Theresa Albrecht selbst aktiv, riet allen Gästen, die nicht sowieso schon an diesem Vormittag weiterreisen wollten, den Tag über möglichst außerhalb, bei einem Ausflug zu verbringen. Und auch die Teilnehmer einer Tagung der Fachhochschule, die gerade begonnen hatte, informierte sie: Es sei möglicherweise damit zu rechnen, dass man im Laufe des Vormittags das Haus verlassen müsse.

Kein Fisch, keine Mehlspeisen – ausgerechnet am Freitag

Unsicherheit auch bei der ans Hotel angeschlossenen Metzgerei: Weitermachen mit den Vorbereitungen für die dort angebotenen Snacks und Mahlzeiten, oder sofort aufhören? Theresa Albrecht entschied: Mit Fisch und Mehlspeisen sofort aufhören, denn die wären, wenn sie nicht ganz frisch verkauft werden könnten, nur noch wegzuschmeißen. Die Mitarbeiter, wie sie erzählt, dennoch unsicher: Freitag ist ein verkaufsstarker Tag und da weder Fisch noch Mehlspeisen?

Beim Dorfbäcker kam die Warnung zu spät

Beim Dorfbäcker bereitete diese Frage hingegen kein Kopfzerbrechen mehr, alle belegten Semmeln, alle Butterbrezen lagen längst in der Auslage, als die Polizei den Laden schloss. Für Inhaber Wolfgang Sattelberger war damit klar: Diese Waren sind als Verlust abzuschreiben, denn selbst wenn man im Laufe des Nachmittasg wieder aufmachen könnte, würden dann wohl mit Glück vielleicht die sonstigen Vorbestellungen noch abgeholt werden, „belegte Semmeln und Butterbrezen will am späteren Nachmittag aber kein Mensch mehr.“

Geringere Probleme hat man bei „Haargenau“. Zwar musste auch das Frisörgeschäft binnen fünf Minuten zumachen, aber, so Chefin Eli Strein, „es war zu dem Zeitpunkt zum Glück nur eine Kundin zum Haareschneiden da – die kam dann einfach abends wieder“.

Wie sage ich‘s den Neuen aus der Ukraine?

Etwas mehr Sicherheit auch im Hotel bekam man dann gegen 10.30 Uhr, da wurde seitens der Polizei bestätigt, dass das Hotel zu räumen sei, wenn man auch derzeit noch nicht genau wisse, ab wann. Theresa Albrecht hatte zu dem Zeitpunkt noch eine weitere Sorge am Hals: An diesem Tag sollten vier neue Mitarbeiter ihre Arbeit antreten, Menschen, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet waren.

Theresa Albrecht vom Hotel zur Post fühlte sich wie in einer komprimierte Corona-Pandemie – zumachen wahrscheinlich. Aber wann und wie lange?

Sie klemmte sich ans Telefon und bemühte sich, deren Anreise hinauszuschieben, sie sollten Kaffee trinken oder Essen gehen, irgendwas, nur nicht gleich herkommen. Denn sie sorgte sich, was das für die Seelenlage der vier neuen Mitarbeiter bedeuten könnte, wenn sie, kaum dem Krieg entronnen, gleich an ihrem ersten Arbeitstag erneut in ein Umfeld gerieten, das von einer Bombe bestimmt wird und in dem zumindest zeitweise alles drunter und drüber geht.

Die eigentliche Bombenentschärfung ging dann glücklicherweise schnell, um 15.30 Uhr konnte vermeldet werden: Die Gefahr ist vorüber. Und an dieser Stelle kann Theresa Albrecht ihrem Mitarbeiterteam nur ein Riesenlob und großes Dankeschön aussprechen: „Ich hatte mich darauf eingerichtet, dass wir das Geschäft an diesem Abend nur sehr improvisiert über die Bühne bringen werden, doch dank unserer Mitarbeiter lief alles fast augenblicklich wieder rund“. Und sie erzählt, dass sie erste Hotelgäste, die bereits um 16 Uhr eintrafen, von einem Besuch des Biergartens abhalten wollte, weil sie glaubte, dass der noch nicht wieder geöffnet habe. Die Mitarbeiter waren schneller, der Biergarten lief.

Dorfbäcker versorgte die Einsatzkräfte

Beim Dorfbäcker hatte man an jenem Freitag dann bis 20 Uhr geöffnet, so dass die Rohrdorfer Gelegenheit hatten, ihre Vorbestellungen abzuholen und wenigstens mit Zeitverzug normal einzukaufen.

Selbst für die vorbereiteten Semmeln und Butterbrezen hatte sich eine Lösung gefunden. Wolfgang Sattelberger verteilte sie kurzerhand an die Einsatzmannschaften, „so bekamen sie wenigstens eine sinnvolle Verwendung“.

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