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Ukraine-Krieg weckt Erinnerungen bei Samerberger

Wie eine Zigarettendose Xaver Stadler das Leben rettete – 100-Jähriger blickt auf sein Leben zurück

Franz Stadler leidet mit den Menschen in der Ukraine.
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Franz Stadler leidet mit den Menschen in der Ukraine.
  • Anton Hötzelsperger
    VonAnton Hötzelsperger
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Kriegsverletzungen, eine Herzbeutelentzündung und zwei Herz-Ops – Xaver Stadler vom Samerberg hat in seinem langen Leben bereits viel einstecken müssen. Das er noch lebt, so Stadler, verdanke er dem Herrgott. Und wenn man Stadlers Geschichte von seiner Kriegsverletzung hört, ist da vielleicht was dran.

Samerberg – Wenn jemand 100 Jahre alt wird, dann kann er viel erzählen, besonders dann, wenn er sich über seine Familie und Beruf hinaus für das Gemeinwohl und für die Dorfgemeinschaft ehrenamtlich eingesetzt hat. So bei Xaver Stadler aus Grainbach auf dem Samerberg.

Angesichts des aktuellen Überfalls von Russland auf die Ukraine und auf die Bilder des Krieges mit der geschundenen Bevölkerung ist die Stimmung am Morgen des Gesprächs sehr bedrückend. Xaver Stadler war selbst im Krieg, im Februar 1942 wurde er zur Heeresflack nach Freising einbestellt.

Als Motorradfahrer gehörte er zur Krad-Melder-Staffel. Der Marschbefehl lautete: Es geht Richtung Russland. „Wenn mein Vater im Krieg die gesamte Ukraine durchquert hat, sowie nach Stalingrad und nach Moskau unterwegs war, dann durchlebt er mit seinen Erinnerungen und den aktuellen Fernsehbildern den Krieg ein zweites Mal“, so Tochter Gertraud.

Im Gedanken bei den Notleidenden

Xaver Stadler will nicht zu viel über seine schlimmen Erlebnisse erzählen. Seine Gedanken sind bei der Bevölkerung der Ukraine und bei den Soldaten, die ihre Heimat verteidigen, beziehungsweise die unmenschlichen Befehle ausführen müssen.

Diese Zigarettendose fing weitere, lebensbedrohende Splitter ab. Deren Einschlag ist noch gut sichtbar. hötzelsperger

Als Soldat wurde Xaver Stadler bei seinem Einsatz zweimal verletzt. Ein erstes Mal mit einem Streifschuss im Süden Rumäniens und ein zweites Mal bei einem Einsatz am Schwarzen Meer mit Verletzungen im Oberschenkel und in der Brust. Dazu gibt es eine besondere Geschichte, denn Xaver Stadler hatte eine Zigaretten-Dose aus Blech in der Hosentasche. Diese fing einen weiteren Splitter ab. „Das hat mir wohl das Leben gerettet, diese Dose mit dem sichtbaren Einschlag habe ich mir aufbewahrt.“

Aufgrund der schweren Verletzungen kam Stadler zu einem Hauptverbandsplatz, von dort wurde er mit der Bahn nach Regensburg transportiert. Von da ging es ins niederbayerische Abendsberg.

Nach Kriegsverletzung ging es nach Hause

Das dortige Schulhaus war zum Lazarett umgenutzt worden. Als eine weitere Verlegung von Abendsberg zum Rasthaus Chiemsee erfolgte, war für Xaver Stadler der Krieg zu Ende, denn beim Rasthaus war der ihm bekannte Samerberger Arzt Dr. Hugo Lechleitner der Chefarzt. Da das Rasthaus überbelegt war, durfte der Grainbacher nach Hause. Die Wunden des Krieges blieben, ein Splitter zwischen Herzmuskel und Zwerchfell machte noch länger Probleme, ehe er sich verkapselte. Mit 36 Jahren – so der Landwirt weiter – machte sich bei Heuauflegen mit der Hand das Herz noch einmal bemerkbar als es bei einem drohenden Unwetter arg pressierte und es wegen der Überanstrengung zu einer Herzmuskel-Entzündung kam.

„Dass ich so alt werden konnte, das habe ich dem Herrgott zu verdanken“ – so Xaver Stadler, der nicht nur im Krieg gesundheitliche Einschränkungen hinnehmen musste.

Weitere Krankenhausaufenthalte gab es unter anderem bei einem komplizierten Blinddarmdurchbruch, bei einem Leistenbruch, bei einer Gallen-OP, bei einem Zwölf-Finger-Darm-Durchbruch, bei zwei Herzoperationen und bei einem Oberschenkelhalsbruch im Vorjahr. „Ich konnte mich immer gut erholen und ich habe immer gute Ärzte gehabt.“

Dankbar ist Xaver Stadler, dass er seinen Lebensabend in guter Betreuung durch seine Schwiegertochter Hildegard und seinen Sohn Franz-Xaver genießen kann. Mit Interesse verfolgt er das heimatliche Geschehen im Radio, im Fernsehen und vor allem in der Tageszeitung.

Reges Interesse am Ort

Was im Ort und in der Gemeinde Samerberg so passiert und geschieht, das interessiert den ehemaligen Vorstand des Verkehrsvereins von Grainbach ganz besonders. Bis zur Zusammenlegung der vorher selbstständigen Gemeinden Grainbach, Rossholzen, Steinkirchen und Törwang zur Gemeinde Samerberg im Jahr 1970 war Xaver Stadler zehn Jahre in Diensten des Grainbacher Fremdenverkehrs. „Zimmer-Vermietungen auf dem Samerberg hat es schon vor dem Krieg gegeben, nach dem Krieg kamen die Gäste mit Reisebussen vor allem aus Westfalen und aus Berlin. Unser Beitrag war unter anderem das Erstellen einer Panorama-Karte und 1964 der Bau eines Skiliftes für die Jugend“.

Die Verkehrsamtstätigkeiten erfolgten nebenher zum Hauptberuf des Landwirts und Almbauern.

Die Landwirtschaft mitten im Dorf musste im Jahr 1972 aufgegeben werden, nachdem sich ein Aussiedeln nicht rechnete. Zu den aktuellen bäuerlichen Entwicklungen meint Xaver Stadler: „Kleine Betriebe, die wegen der Anbindehaltung neu bauen müssen, können sich das nicht leisten und müssen deshalb aufhören. Aber ein Bauer findet immer Arbeit. Auch wenn das Aufhören wehtut“.

Mitglied der Samerberger Musikkapelle

Xaver Stadler bedeutet der Trachtenverein Hochries-Samerberg, dem er mit 18 Jahren beitrat und dem er somit schon 72 Jahre angehört, viel. Eine ganz besondere Liebe gehörte der Blasmusik, bereits ab 1938 fuhr er mit dem Radl nach Rosenheim zum Erlernen von Klarinette und Geige.

Anfangs war er aktiv bei der Stadtkapelle Rosenheim, mit 14 Jahren wechselte er zur Samerberger Musikkapelle. Nach dem Krieg wurde bei Hartl Braun in Wiedholz geprobt, dazu fanden sich unter anderem . Musikanten aus Grainbach, Höhenmoos und Achenmühle ein. Aus diesen wurde dann die Musikkapelle Samerberg zusammengestellt. 1962 übernahm Stadler als Dirigent die Samerberger Kapelle, ehe er diese Aufgabe 1972 an seinen Sohn Xaver weitergab.

Besuch bei einer Schulfreundin

Eine außergewöhnliche Freude war es Stadler an seinem Geburtstag vor ein paar Wochen, dass er mithilfe seiner Familie seine ehemalige Schulfreundin und Nachbarin, Maria Wörndl vom Gasthof Alpenrose, besuchen durfte. Wörndl konnte kürzlich in ebenfalls guter gesundheitlicher und geistiger Verfassung ihren 100. Geburtstag feiern.

Nach den doch lebhaften Tagen rund um seinen Geburtstag ist es nun wieder ruhiger bei Xaver Stadler. Der 100-Jährige kann nun wieder mehr Zeit für seine Kreuzworträtsel und für das Schafkopfen aufbringen.

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