Rohrdorf : Ein „Judenschlächter“ als Ehrenbürger – die Gemeinde distanziert sich

Bürgermeister Simon Hausstetter im Gemeindearchiv mit dem Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 29 Marz 1934, in der Heimo Hierthes zum Ehrenbürger ernannt wurde.thomae
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Bürgermeister Simon Hausstetter im Gemeindearchiv mit dem Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 29 Marz 1934, in der Heimo Hierthes zum Ehrenbürger ernannt wurde.
  • vonJohannes Thomae
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Heimo Hierthes finanzierte 1934 ganz maßgeblich den Bau der Rohrdorfer Turnhalle. Dafür bekam er die Ehrenbürgerwürde. Sein wahres Gesicht als „Judenschlächter“ zeigte sich später, im KZ Buchenwald und im russischen Hinterland. Jetzt soll der Historische Verein Rosenheim sein Leben beleuchten.

Rohrdorf –Ein grausamer Judenschlächter als Ehrenbürger? Im Gemeinderat Rohrdorf wurde jetzt über die Thematik rund um den SS-Kommandanten Heimo Hiertes beraten und man tat sich schwer mit dem Vorhaben, sein Leben zu beleuchten: Wie viel soll die Sache kosten und soll man wirklich die Nazivergangenheit im Namen der Gemeinde aufrollen? Bürgermeister Simon Hausstetter zeigte Verständnis für die Bedenken, hofft aber, dass das Vorhaben durch die Mithilfe des Historischen Vereins Rosenheim durchgeführt werden kann: Mittels Spenden von Privatpersonen soll die Recherchearbeit beginnen. Einen Beschluss gab es nicht.

1934 wurde Hiertes in Rohrdorf die Ehrenbürgerwürde verliehen, finanzierte er doch mit 16 000 Reichsmark den Bau der örtlichen Turnhalle. Das wahre Gesicht des Mannes, der auch Gemeinderat in Rohrdorf war, zeigte sich aber im Konzentrationslager Buchenwald und im russischen Hinterland: als grausamer „Judenschlächter“.

Rohrdorf hat in der Nazizeit zwei Ehrenbürger ernannt, Adolf Wagner und Heimo Hierthes. Wagner war ehemals Gauleiter von München und Oberbayern, bei ihm ging die Verleihung der Ehrenbürgerwürde sozusagen mit seiner Stellung einher.

Eine „noble“ Spende für das Dorf

Nach seiner Rohrdorfer Zeit war Hierthes SS-Kommandant im Konzentrationslager Buchenwald und dann Kommandeur eines SS-Regimentes, das im Hinterland der russischen Frontlinie für die „Judenbeseitigung“ zuständig war. Der Gemeinderat distanzierte sich in der jüngsten Sitzung einstimmig von der Verleihung der beiden Ehrenbürgerwürden. Eine Aberkennung ist bei nicht mehr lebenden Personen rein rechtlich nicht möglich. Bürgermeister Simon Hausstetter (Bürgerblock Rohrdorf) hätte gerne eine wissenschaftliche Arbeit in Auftrag gegeben, in der die Person von Heimo Hierthes näher beleuchtet wird. Ihn beschäftigt die Frage, wie jemand, der in einem gehobenen bürgerlichen Umfeld verwurzelt ist, zu einem Verbrecher gegen die Menschlichkeit wird, „zu einem Schlächter“. Für Hausstetter wäre deshalb an Hierthes exemplarisch festzumachen, wie sich damals über viele Jahre hinweg Netzwerke aufbauten. Für die Gemeinderäte sind diese Fragen eine Untersuchung wert, aber: bitte nicht im Auftrag der Gemeinde.

Das „Stochern in der Vergangenheit“, betreffe zweifellos auch Familien, die heute noch in Rohrdorf leben, wurde unter anderem argumentiert. Markus Unterseher (Freier Wählerblock Höhenmoos Achenmühle) sprach für viele seiner Gemeinderatskollegen, als er sagte: „Der Nationalsozialismus ist ein tiefes, schwarzes Loch. Wer hier zu graben anfängt, weiß nicht, was er herausholt.“ Selbst wenn das Projekt von Historikern durchgeführt würde, und die Finanzierung über Spenden erfolgen solle – erfahrungsgemäß blieben an der Gemeinde immer Arbeitsaufwand und möglicherweise am Ende auch ein Teil der Finanzierung hängen.

Von überregionaler Bedeutung

Gerechnet werde, so Bürgermeister Hausstetter auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen, insgesamt mit Kosten zwischen 50 000 und 100 000 Euro – „je nach Rechercheaufwand“. Die Finanzierung seitens der Gemeinde sei aber gerade in Zeiten der Corona-Pandemie nicht zu rechtfertigen, hier lägen die Prioritäten eindeutig anderswo, konterte der Gemeinderat. Für Karl-Heinz Brauner, Vorsitzender des Historischen Vereins Rosenheim, handelt es sich um ein Projekt, das auf den ersten Blick zwar vor allem lokalen Bezug hat, aber gerade hinsichtlich der Netzwerke durchaus von überregionaler Bedeutung sei. Die Bereitschaft des Historischen Vereins, das Vorhaben zu begleiten, sei keine große Frage gewesen, schließlich sei er ja schon qua Satzung „fürs Erinnern zuständig“. Mit dieser Vorgehensweise können auch die Gemeinderäte leben. Zumal man, wie Anette Wagner vom Bürgerblock meinte, sehr wohl zwischen heute Lebenden und damaligen Akteuren unterscheiden müsse.

Posthume Aberkennung schwierig

Eine posthume Aberkennung der Ehrenbürgerwürde ist für Gemeinden schwierig. Laut Artikel 16 der bayerischen Gemeindeordnung geht es zwar. Der Kommentar zur Gemeindeordnung betont aber, dass es nur zu Lebzeiten des/der Betreffenden effektiv möglich ist, denn bei verstorbenen Personen haben die Angehörigen die Möglichkeit zu klagen und die Aberkennung anzufechten. Deshalb belassen es Gemeinden im Regelfall bei einer Distanzierung und greifen nur in Extremfällen, wie zum Beispiel bei Adolf Hitler, tatsächlich zur Aberkennung.

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