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Zementwerk mit neuem Ansatz

Ein Ersatz für Erdöl? Wie Rohrdorfer Zement die chemische Industrie revolutionieren will

In einem kleinen Labor im Rohrdorfer Zementwerk soll der Grundstock für eine völlig neue Basis in der chemischen Produktion gelegt werden.
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In einem kleinen Labor im Rohrdorfer Zementwerk (links im Bild) soll der Grundstock für eine völlig neue Basis in der chemischen Produktion gelegt werden. (Rechts im Bild: Symbolfoto.)
  • VonJohannes Thoma
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Was gerade im Rohrdorfer Zementwerk passiert, könnte in ein paar Jahren die Herstellung von Kunststoff völlig verändern. Die Grundidee: Anstelle des kostbaren Erdöls soll eine Alternative eingesetzt werden. Doch bis das gelingt, gilt es noch einige Hürden zu überwinden.

Rohrdorf - Die Anlage sieht auf den ersten Blick aus wie ein komplizierterer Versuchsaufbau aus dem Chemieunterricht und könnte denn in die Zukunft weisen. In einem kleinen Labor im Rohrdorfer Zementwerk soll der Grundstock für eine völlig neue Basis in der chemischen Produktion gelegt werden.

Bis zur chemischen Revolution ist aber wohl noch ein sehr weiter Weg zurückzulegen. Die Anlage in Rohrdorf ist ein Versuchsprojekt, bei dem derzeit etwa 500 Kilogramm Ameisensäure pro Monat gewonnen werden können. Aus dieser Säure sollen später beispielsweise Kunststoffe entstehen, zu deren Produktion bisher in erster Linie Öl benötigt wurde. Die Forschung im Rohrdorfer Zementwerk ist also die Suche nach einem Ersatzprodukt für das kostbare Erdöl. Der große Vorteil der Ameisensäure: Der „Rohstoff“ für die Gewinnung ist abgeschiedenes CO2. Dazu wird eine neue Abscheideanalge verwendet. Sie bildet den ersten wichtige Schritt in der „Rohrdorfer Innovationskette“ zur Senkung des CO2-Ausstoßes.

CO2-Gewinn als erster Schritt

„Das grundsätzliche Prinzip bei der CO2-Abscheidung ist alt“, erläutert Anton Bartinger, der technische Leiter der Sparte Zement. Dennoch sei es bereits seit hundert Jahren bekannt. Völlig unerforschtes Terrain sei aber, wie die Abscheidung in industriellem Maßstab erfolgen kann. Um hierüber Klarheit zu gewinnen, so sagte Bartinger, helfen theoretische Überlegungen, selbst Simulationen am Computer, nicht weiter. „Was wie umgesetzt werden kann, bekommt man nur durch den praktischen Betrieb heraus.“ Deshalb fiel der Entschluss des Rohrdorfer Zementwerkes, eine Modellanlage aufzubauen, die seit Mitte Juli in Betrieb ist und immerhin zwei Tonnen CO2 pro Tag abscheiden kann. Das sei genug, um damit Erkenntnisse zu gewinnen, die sich dann auf den späteren Betrieb hochrechnen lassen: Dabei geht es in Rohrdorf dann nicht mehr um zwei, sondern um tausend Tonnen pro Tag.

Bevor es so weit ist, so Bartinger, sollte aber geklärt sein, wo man mit dieser Menge hinwill. Die Lösung, die derzeit meist angewandt wird, sei nämlich nur bedingt schlau: „Grob vereinfacht gesagt geht es darum, das CO2 in Gesteinsschichten einzubringen.“ Gehe man dabei tief genug, etwa 1200 Metern und mehr, so bindet es sich durch den Druck dauerhaft an die umgebenden Strukturen. Gegenden, in denen so etwas möglich ist, seien etwa in der Nähe von Küsten.

Verglichen mit dieser „Wegwerfmethode“ sei der zweite Schritt der Rohrdorfer Innovation, eben die Herstellung von Ameisensäure, schon fast einfach. Anstatt ein überflüssiges Abfallprodukt zu sein, wird das CO2 zu einem wichtigen Rohstoff, dessen jetzige Produktionsmenge zum Beispiel von der Wacker-Chemie abgenommen wird. Allerdings zeigt sich hier ein Problem, das bei vielen neuen Entwicklungen festzustellen ist: Die technische Innovation ist viel schneller als die Schaffung der dazugehörigen Rahmenbedingungen.

Das Herzstück zum neuen Ansatz: Die Versuchsanlage zur Gewinnung von Ameisensäure.

CO2-Abscheidung und Aufbereitung brauchen nämlich Strom, viel Strom, der sinnvollerweise nachhaltig erzeugt wird und aus wirklich stabil laufenden Netzen kommen muss, zu tragfähigen Preisen. „Um das zu schaffen“, sagt Bartinger und ist sich da mit Geschäftsführer Mike Edelmann einig, „wird sich einiges auf dem Energiesektor ändern müssen, das ist zugegebenermaßen auch für die Politik keine leichte Aufgabe.“

Bürokratie hemmt die Forschung

Dennoch würde man sich im Zementwerk manchmal wünschen, man käme bei der Schaffung von innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen schneller voran. Fördermittel bewilligt zu bekommen, dauere oft noch viel zu lange. Deshalb habe man sich auch entschlossen, die gesamte Pilotanlage in Eigeninitiative und auf eigene Kosten hochzuziehen. Das Hemmnis Bürokratie hat man laut Bartinger auch bei dem Versuch erlebt, die Menge an abgeschiedenem CO2, die nicht für die eigene Produktion von Ameisensäure benötigt wird, an die Industrie abzugeben. „Die gesamte Lebensmittelindustrie braucht für ihre Herstellung CO2 und sucht geradezu händeringend danach. Wir hätten von Beginn an welches abgeben können, doch es hat geraume Zeit gedauert, bis das zugelassen wurde.“

Dennoch gelte es, den jetzt eingeschlagenen Weg unbeirrt weiterzuverfolgen. „Wer heute seine Hausaufgaben nicht macht“ so meint Bartinger, „den wird es in Zukunft wohl schlicht nicht mehr geben.

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