Ein Reiseführer zur Erinnerung

Deutschunterricht inStephanskirchen. Italienische und deutsche Kinder lernen so jeweils spielerisch die Sprache des anderen. Thomae

Stephanskirchen – Wenn italie nische Kinder an einer bayerischen Schule Trachtentanz üben, inklusive Schuhplatteln und Dirndl drahn, dann ist das einerseits nichts Besonderes und andererseits doch wieder eine kleine Sensation.

Seit der Jahrtausendwende bemüht sich auch die Europäische Union verstärkt darum, über die Erasmus-Programme nicht nur Studenten Erfahrungen im europäischen Ausland zu ermöglichen, sondern auch Schülern. Die kleine Sensa tion steckt in der Tatsache, dass die italienischen und deutschen Kinder, die hier gemeinsam tanzen, dies an der Otfried-Preußler-Schule in Stephanskirchen lernten und damit an einer Mittelschule. Was für Studenten, für Gymnasiasten und Realschüler schon fast Routine ist, ist bei Mittelschulen immer noch die große Ausnahme, in ganz Bayern laufen an Mittelschulen derzeit nur sieben solcher Austauschprojekte.

Noch keineAustauschstrukturen

Warum, kann Martina Ludsteck erklären, Lehrerin in Stephanskirchen, und eine der treibenden Kräfte hinter dem auf zwei Jahre angelegten Projekt, in dessen Verlauf sich in jedem Jahr jeweils eine Schülergruppe aus Deutschland und Italien für 14 Tage wechselseitig besucht, um Alltag und Schulbetrieb im Partnerland kennenzulernen. „Es gab bei uns, anders als bei Gymnasien, ja keine schon bestehende Austauschstruktur“, erklärt Martina Ludsteck, es war für uns alles neu, wir haben an jedem Punkt buchstäblich bei Null angefangen“.

Das fing schon bei der Suche nach einer Partnerschule an. Dass es in diesem Fall am Ende eine italienische Schule, das „Instituto Comprensivo Giorgio Bassani“ in Argenta war, im Dreieck zwischen Ferrara, Ravenna und Bologna gelegen, ist eher dem Zufall geschuldet: Man suchte auch in Argenta nach europäischem Austausch. Susi Kurz, ehemalige Gemeindereferentin in Prutting und jetzt Religionslehrerin an der dortigen Schule, hatte schon vor einiger Zeit einen ersten Kontakt nach Stephanskirchen eingefädelt, wenn auch zu dieser Zeit von einem Schüleraustausch noch nicht die Rede war.

Auf den ersten Blick eine tolle Ausgangsbasis – andererseits: Ein Austausch mit einer italienischen Schule? Für Gymnasien kein Problem, dort gibt es Schüler, die hier Italienisch beziehungsweise in Italien Deutsch lernen, also im Grunde eine halbwegs gesicherte Kommunikationsbasis, aber für eine Mittelschule? Der Austausch wäre nur über Englisch möglich, für beide Gruppen eine Fremdsprache – würde das funktionieren? Auf der Habenseite dagegen die Tatsache, dass Italien ein klassisches Urlaubsland der Deutschen ist. Hier mehr und anderes als nur die Oberfläche erleben zu können, über die hinaus man sonst als Urlauber kaum Erfahrungen sammeln kann – das wäre für die Kinder eine Riesenchance.

Dass Schule wie Eltern am Ende das Abenteuer wagten, liegt wohl nicht zuletzt an der Begeisterung, mit der Martina Ludsteck für den Austausch warb. Eine Begeisterung, die sich aus ihrer eigenen Erfahrung speist, denn sie hat, wie sie erzählt, während ihrer Schulzeit ein ganzes Jahr in Japan verbracht, gewissermaßen „Austausch extrem“ den sie im Nachhinein jedoch als die wertvollste Erfahrung ihrer ganzen Schulzeit empfindet.

Ein Enthusiasmus, der übersprang, denn in den Austausch war die ganze Schulfamilie mit einbezogen. Schon deswegen, weil der Austausch nicht, wie bei Gymnasien üblich, auf die Kinder einer Klassenstufe beschränkt war. Um die notwendige Teilnehmerzahl zusammenzubekommen, waren Schüler von der sechsten bis zur achten Klassenstufe beteiligt und für das Rahmenprogramm, das vom Trachtentanz über Stadtführungen in Rosenheim und München bis zum gemeinsamen Kochen von „Semmelknödeln mit Schwammalsoß“ reichte, dann sowieso die ganze Schule.

Engagementder Eltern

Dazu bedarf es vor allem das Engagement der Eltern. Ohne ihre Bereitschaft, sich auf das Abenteuer eines Austausches einzulassen, hätte das Ganze von vornherein nicht funktioniert. Und ein Abenteuer war es, nicht zuletzt wegen der unsicheren Kommunikationsbasis: Wie gut wäre das Englisch der teilweise erst neunjährigen italienischen Kinder, wie sicher das eigene? Und wie sah es bei den italienischen Eltern aus? Würden mit den Kindern überhaupt Unterhaltungen möglich sein, würden die Sprachkenntnisse auch dann ausreichen, wenn es ans Eingemachte ginge und eventuell über Heimweh oder andere Probleme zu reden wäre? Sicher, die Kinder wurden von zwei heimischen Lehrern begleitet, doch die waren außerhalb der Schulstunden nur in Notfällen zu erreichen.

Von daher geradezu erstaunlich, dass der Aufenthalt der italienischen Kinder hier wie auch der vorausgegangene der deutschen in Italien völlig problemlos ablief. Für die Kinder waren die 14 Tage eine Zeit, in der sich ein Erlebnis ans andere reihte, die Sprache war da nicht wirklich ein Hinderungsgrund. Und auch für die beteiligten Eltern war das Suchen nach Wörtern, das Reden mit Händen und Füßen aber auch – der modernen Technik sei Dank – mit den Übersetzungsapps der Smartphones nach den 14 Tagen ganz selbstverständlich und unterm Strich viel mehr Spaß als Last. Man würde, so die einhellige Einschätzung, die Unternehmung ohne Weiteres wiederholen. Ein Umstand, der denn auch bei der Verabschiedung der italienischen Kinder am Rosenheimer Bahnhof deutlich wurde. Nicht nur bei den Kindern flossen die Tränen, selbst bei den Gasteltern gab es das eine oder andere nasse Auge. Und was sonst den Schülern Exkursionen und Ausflüge eher verleidet – die Nachbereitung – ist hier hochwillkommen: Der Reiseführer, den beide Schülergruppen über das jeweils andere Land erstellen werden, ist eine Chance, nicht nur der Erinnerung, sondern auch durch Nachfragen miteinander in Kontakt zu bleiben.

Kommentare