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Reichsbürger wittern „Angriffe der BRD“

Hof um 8,88 Euro im Monat vermietet: Neue Details zur geheimen Querdenker-Schule in Schechen

  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Absolventen werden aus der Reichsbürger-Schule in Schechen nicht hervorgehen, im September 2021 beendeten die Behörden das Treiben in einem Bauernhof. Doch immer noch werden Details über die „Lernoase“ bekannt, die weit über die Region Rosenheim hinaus für Aufsehen sorgte.

Schechen – Richtigen Unterricht hat es dort wohl nicht gegeben. Aber der Unterricht für die Kinder kostete richtig Geld: Bis zu 330 Euro pro Kind und Monat sollten Eltern für den Unterricht ihrer Zöglinge an der irregulären Schule in Schechen berappen, je nach Anzahl der gebuchten Unterrichtstage.

Das geht aus der Antwort des bayerischen Kultusministeriums auf eine Anfrage der Fraktionschefin der Grünen im Landtag, Kathrin Schulze, hervor.

Das Geld hätte die Schule gut brauchen können. Denn der Betrieb wäre nicht billig gewesen. In einschlägigen Job-Portalen wirbt die Stiftung noch immer um Personal. Gesucht werden nicht weniger als vier Lehrerinnen oder Lehrer mit Lehramt in Mathematik, Deutsch, Geschichte und Englisch.

Immer wieder rätselhafte Achter

Und dann war da noch die Miete für das Schulgebäude, allerdings nur in symbolischer Höhe: Der Eigentümer, ein Landwirt aus dem Ort, habe den Hof für monatlich 8,88 Euro vermietet.

Die seltsame Zahl stellt auch Dr. Mathias Pöhlmann vor Rätsel, den Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche in Bayern. Ihm sei lediglich die „88“ als rechtsextremistischer Code bekannt. Im Internet findet man Hinweise darauf, dass die 888 in der Esoterikszene verbreitet sei. Sie soll angeblich unter anderem Liebe symbolisieren.

Eine Schulbank wurde gespendet

Zusätzlich habe der Landwirt einmal 500 Euro für Nebenkosten erhalten, heißt es aus dem Innenministeriums. Der Mietvertrag sei mittlerweile aufgelöst. Offenbar litt die Stiftung auch an Materialnot. Als Sachspende ermittelten die Behörden eine Schulbank. Allerdings ist den Behörden nicht bekannt, wie viel Geld tatsächlich an den Träger der Schule geflossen ist.

Dieser Träger, die Stiftung „Freiheit braucht Mut“, wird der Reichsbürgerszene zugerechnet und steht nach Auskunft des Innenministeriums weiter unter Beobachtung des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

Die Auskunft des Ministeriums erlaubt weitere Einblicke in die absurde Welt der Reichsbürger. So sprachen Vertreter der Stiftung nach der Räumung der Schule von „Angriffen der BRD“, staatliche Stellen bezeichneten sie als „Firmen“.

Geht es nach der angeblich in Russland beheimateten Stiftung, besaßen weder die damalige Regierungspräsidentin Maria Wels noch Rosenheims Landrat Otto Lederer die deutsche Staatsbürgerschaft.

Liebesgrüße nach Moskau

Aus dem Reichsbürger-Millieu ebenfalls bekannt sind nach Auskunft des Ministeriums Forderungen auf Schadensersatz. Solche Forderungen der Stiftung trudelten auch beim Oberbayerischen Volksblatt ein – wegen „Entehrung“.

Ein bemerkenswertes Papier: Die Frakturschrift, die Verzierungen, die amtlich wirkende Banderole – es passt zu anderen Machwerken aus der Szene. Ebenso wie die geforderte Schadensersatzsumme, wieder mit bedeutungsschweren Achten: 88.888 US-Dollar, zu überweisen an ein Konto in der russischen Hauptstadt. Sozusagen Liebesgrüße nach Moskau.

„Wir behalten das Ganze im Auge, stellen derzeit aber keine Aktivitäten fest“, sagt Wolfgang Rupp, Sprecher der Regierung von Oberbayern. Dass der Freistaat genauer hinschauen will, begrüßt Katharina Schulze.

Die Grünen-Politikerin hatte bemängelt, dass Eltern vergangenes Jahr ihre Kinder noch viel zu leicht der Schulpflicht hätten entziehen können. Es sei erschütternd, dass sich in Schechen und anderen bayerischen Orten solche Gruppen und irregulären Schulen hätten bilden können. Viel zu leicht sei es den Eltern gemacht worden, ihre Kinder der Schulpflicht zu entziehen. Dese Lücke sei immerhin geschlossen.

Das Kultusministerium hatte im vergangenen Oktober auch wegen der Schechener Schule nachgelegt. Seitdem gilt Wegbleiben von der Schule ohne ärztliches Attest, etwa wegen Testverweigerung, als Ordnungswidrigkeit. Pro Fehltag können bis zu 40 Euro fällig werden – bis zur Summe von maximal 1000 Euro. Die Schüler werden nach Auskunft des Landratsamtes aber nicht mit Zwang an die Schulen gebracht.

Einer von 500 Schülern gilt als hartnäckiger Testverweigerer

In Stadt und Landkreis Rosenheim liege der Anteil der Schüler, die Test- und Maskenpflicht verweigern und damit unerlaubt der Schule fernbleiben, bei rund 0,2 Prozent, sagt die Sprecherin des Landratsamtes, Ina Krug.

Das entspricht etwa 60 Schülern. Einige von ihnen könnten dem Präsenzunterricht entzogen worden sein, um an irregulären Unterrichtsformen teilzunehmen. Fast so viele Kinder und Jugendliche, genauer 50, sollen in der Reichsbürger-Schule in Schechen angemeldet gewesen sein.

Ihre Eltern waren im Schulvertrag darauf hingewiesen worden, dass die Stiftung russischem Recht unterliege und sich der Gerichtsstand in Moskau befinde.

In München hingegen wird gegen die designierte Leiterin der „Schule“ verhandelt, eine Grundschullehrerin aus dem Landkreis Ebersberg. Die Landesanwaltschaft Bayern hat vor kurzem ein Disziplinarverfahren gegen die Beamtin eingeleitet. Derzeit läuft die Anhörung, einen Zeitpunkt für den Abschluss des Verfahrens nannte die Landesanwaltschaft nicht.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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