Raubling: Volle Fahrt voraus mit den Motorrad-Beiwagen

Sie bilden ein cooles Gespann: Biker Stefan Keller und sein Fahrgast Julian. Forster
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Sie bilden ein cooles Gespann: Biker Stefan Keller und sein Fahrgast Julian. Forster

Die Rosenheimer „TnT“-Beratungsstelle, die Pflegebedürftigen und pflegende Angehörigen hilft, hat im Rahmen ihres Ferienprogramms einen zweiten Motorrad-Ausflug für Kinder mit Handicap organisiert. Weil dieser im vergangenen Jahr so gut angekommen ist, wie Geschäftsführer Thomas Stingl sagt.

Von Barbara Forster

Raubling – Motorräder. Unzählige Motorräder stehen am Parkplatz der Michael-Ende-Schule. Und mittendrin: 15 Kinder, die mit großen Augen das Spektakel beobachten. Die Rosenheimer „TnT“-Beratungsstelle, die Pflegebedürftigen und pflegende Angehörigen hilft, hat im Rahmen ihres Ferienprogramms einen Motorrad-Ausflug für Kinder mit Handicap organisiert. Bereits zum zweiten Mal findet diese Spritztour statt. Weil sie im vergangenen Jahr so gut angekommen ist, wird sie heuer wiederholt, berichtet Thomas Stingl, Geschäftsleiter der „TnT“-Beratungsstelle.

Eisessen und Grillen bei Traumwetter

Das Ziel der Reise: die Waldgaststätte Filzenklas in Tuntenhausen. „Da machen wir einen Eis-Stopp“, erklärt Stingl. Zunächst soll es nach Vogtareuth, weiter über Rott und schließlich nach Tuntenhausen gehen. Gegen 14 Uhr ist die Rückkehr zur Michael-Ende-Schule geplant: Ausklang findet der Ausflug bei einer abschließenden Grillfeier. Und ein Blick in den strahlend blauen Himmel zeigt: Das Wetter meint es gut mit den Ausflüglern.

Es ist Freitagvormittag, kurz nach 10 Uhr. Die Stimmung am Parkplatz: ausgelassen. Biker Stefan Keller steht neben seiner Seitenwagenmaschine, einer russischen „Dnepr“. Julian, ein Bub mit Handicap, wird mit Hilfe von Männern in seine Maschine gehoben. „Erst einmal Probesitzen“, sagt Keller schmunzelnd zu dem Jungen. Später bekommt Julian dann noch eine Jacke und einen Helm angezogen – damit er aucg aussieht wie ein richtiger Biker.

Keller, befreundet mit Thomas Stingl, ist extra einen Tag vorher aus dem Landkreis Weilheim-Schongau angereist. „130 Kilometer“, sagt er. Aber das sei es ihm wert. Dabei sein wollte er schon lange bei der Aktion. „Aber im August hat es bislang nie geklappt.“ Dieses Mal allerdings möchte er mit Julian die Straßen unsicher machen. „Diese Aktion finde ich toll“, so Keller.

Biker extra aus der Schweiz angereist

Eine noch längere Anreise hat Thomas Golser hinter sich: Der 48-Jährige ist Schweizer und extra mit seinem schnittigen „Kawasaki“ angereist. Eine lange Reise, aber kein Aufwand, findet Golser. Er würde ja sowieso mit dem Motorrad herumfahren. Warum dann nicht was Gutes tun?

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Seine beiden Beifahrer David und Fabienne sitzen bereits in der Maschine. Fabienne ist Julians Schwester und passt etwas auf den kleinen David auf. Trotz des riesigen Helmes ist das Strahlen des Buben nicht zu übersehen. Klare Sache: Er freut sich. Und genau das ist auch das Ziel des Schweizers: „Lebensfreude zurückgeben.“ Schon oft habe er Kinder in seiner Seitenwagenmaschine mitgenommen. In Raubling sei er heuer aber zum ersten Mal dabei. Über ein Internetforum sei er mit Stingl in Kontakt getreten. Und so habe sich das ergeben.

Noch etwa 20 Minuten bis zum Start. Thomas Stingl läuft hin und her, behält alles im Blick und hilft dabei, Kinder aus dem Rollstuhl und in die Beiwagen zu heben. „Wo kommt diese junge Dame hin?“, fragt einer der Männer und deutet auf ein Mädchen. Stingl koordiniert die Platzauswahl. Das Ganze verläuft eher spontan und zufällig. Getreu dem Motto: „Mal sehen, wo noch was frei ist.“

Nicht so bei Bernd Höfler und Rollstuhlfahrer Lucas: Die beiden bilden ein eingespieltes Team. „Wir hatten vorheriges Jahr schon so viel Spaß. Da haben wir gleich wieder ausgemacht, dass wir wieder zusammenfahren“, erzählt Höfler, der aus Feldafing im Landkreis Starnberg kommt. Stingl und er kennen sich vom Gespannfahrer-Stammtisch in Filzenklas. Und beim zweiten Motorradausflug wollte er auf keinen Fall fehlen.

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Gegründet wurde das „TnT“-Pflegeberatungszentrum Rosenheim 2007, die erste Kinderferienbetreuung fand 2015 statt. 2019 kam es dann zur Premiere mit dem ersten Motorradausflug. „Heuer sind viele Wiederholungstäter dabei“, freut sich Stingl. Der Geschäftsführer fährt selbst seit etwa 20 Jahren Motorrad und kennt einige Biker aus der Szene. „Dort ist man gut vernetzt“, sagt er. Weitere Interessenten habe er über Bikerforen im Internet gefunden. So kam eines zum anderen. Insgesamt haben sich über zehn Biker gefunden. Unterm Strich: ein voller Erfolg.

Dritte Bürgermeisterin zeigt sich begeistert

Ebenfalls vor Ort ist Monika Marx, Dritte Bürgermeisterin von Raubling. „Ich bin begeistert“, sagt sie mit einem Lächeln. Dass Leute quer aus Deutschland sich hier mit ihren Motorrädern zusammenfinden, um den Kindern eine Freude zu machen, findet sie „grandios“.

Mittlerweile sind alle Beiwagen besetzt. Stefan Keller sieht seinen Beifahrer Julian an. Ob dieser wohl schon aufgeregt ist? Julian verzieht keine Miene. „Na, der Julian, des ist ein Cooler“, übersetzt Keller.

Einzelne Motorräder beginnen bereits zu brummen. Unter den Geräuschepegel mischt sich Gelächter. Und endlich: Die Kolonne setzt sich in Bewegung. Nach und nach zischen die Maschinen ab. Zurück bleibt nur der Rauch der Motoren – und nachhallendes Kinderlachen.

Der Parkplatz der Michael-Ende-Schule in Raubling gehörte am Freitagvormittag den Motorrad-Ausflüglern.
Können den Start kaum erwarten: Schweizer Thomas Golser und seine Beifahrer Fabienne und David.

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