In Oberaudorf und der Region Rosenheim: Schafe aus der Steinzeit mit eisernen Mägen

Erst scheu,dann zutraulich: Christian Schäfer mit einem seiner Soay-Schafe. privat
  • Michael Weiser
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Ein Schäfer, der zum Pastor wurde, bevor er Schafe züchtete? Kurios! Noch interessanter aber ist, welche Tiere Christian Schäfer in der Region Rosenheim züchtet. Es sind – Steinzeitschafe. Und sie eignen sich hervorragend für die Landschaftspflege.

Oberaudorf – Soay-Schafe heißen die Tiere, nach der Insel Soay 200 Kilometer westlich Schottlands, der von Menschen gemiedenen „Schafsinsel“. Ein rauhes Eiland, gepeitscht vom Wind, am Rande der bekannten Welt. Wer die Tiere dorthin brachte, ob es vielleicht Siedler waren, die nach ihrem Rückzug die Tiere einfach zurückließen, oder Wikinger, die sich für ihre Vorstöße in den Atlantik ein letztes Frischfleisch-Depot anlegen wollten: Das weiß man nicht.

Schafe blieben über Jahrhunderte ungestört

Sicher ist, dass die Schafe sich selbst überlassen blieben, ungestört vom Menschen, in ausreichend großer Zahl, um Inzucht zu vermeiden, und dass sie sich so ihr Alleinstellungsmerkmal bewahren konnten: das robuste Erbgut unverzüchteter Tiere.

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Die Tiere, diese „verrückte Rasse“, wie sie Christian Schäfer nennt, sind seit einigen Jahren auch in der Region Rosenheim zu Hause. Dank Schäfer, der die Tiere als hervorragende Landschaftspfleger entdeckte.

Erbgut von Schafen aus der Jungsteinzeit

Christian Schäfer ist, den Eindruck vermittelt seine Lebensgeschichte, der Richtige für Exoten. Als Theologe arbeitete der geborene Oberfranke in den 90er Jahren in Ägypten und Jordanien in der interreligiösen Friedenserziehung. Als die islamistischen Muslimbrüder an Einfluss gewannen, Christian Schäfer gar um sein Leben fürchten musste, kehrte er nach Bayern zurück.

Von der Menschenherde zum Herdentier

Zunächst bewirtschafteten er und seine Frau, eine Ärztin, den von ihrer Familie ererbten Hof. Er machte eine Ausbildung zum Landwirt und Käser, um den Hof als Schaf- und Ziegenzüchter zu führen. Doch dann fraß ein Straßenbauprojekt das Land. „Und ein Hof ohne Boden, das ist nichts.“

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So landete er schließlich in Oberaudorf, wo seine Frau schon als Ärztin arbeitete. Dieser Job, eigentlich mal zur Überbrückung gedacht, so lange der Hof umgebaut wurde, erwies sich als neue Chance auch für Schäfer. Er folgte seiner Frau und baute alsbald die Oberaudorfer Käserei auf. So wie man es früher kannte, mit Milch von den Almen, mit dem eigenen, unverwechselbaren Geschmack der Gegend. Er leistete erfolgreich Überzeugungsarbeit, verarbeitet heute 100 000 Liter Milch jährlich, mitunter in ausgefallen Geschmacksrichtungen.

Flächen zu giftig fürs Beweiden

Schäfer scheint etwas vom Improvisieren zu verstehen. Doch als er für die Gemeinde Oberaudorf ein Landschaftspflegeprojekt übernahm, stieß er an seine Grenzen. "Mir wurde klar, dass viele der Flächen nicht mehr zu beweiden sind“, sagt er. „Wegen Germer, Adlerfarn und Eibe.... hochgiftig sind die.“ Ein Bekannter gab ihm dann einen Tipp, „ich solle sich mal an den und den wenden, der macht etwas mit so einer verrückten Rasse.“

Mit acht Soay-Schafen begann Christian Schäfer, ein Schäferkollege im Taunus hatte ihm die Tiere überlassen. „Ich habe die auf die Fläche gesetzt. Bald waren die problematischen Pflanzen weg, und die Schafe haben noch immer gelebt.“

Bis kurz vor die kritische Grenze

Was so nur diese Urzeit-Viecher können. „Die haben diesen ursprünglichen Instinkt“, sagt Schäfer. „In normaler Verfassung testen die jede Pflanze. Die stellen fest, ob ihnen unwohl wird oder nicht, und tasten sich an die Grenze ran. Die können genau so viel fressen, wie sie vertragen.“ Binnen zwei Jahren werden die Schafe auch mit einem Eibenhain fertig.

Soay-Schafe sind scheu. Um sie als „Arbeitsschafe“ einsetzen zu können, musste Schäfer die Tiere trainieren. „Ich musste ihre Zutraulichkeit gewinnen und Vertrauen aufbauen“, erzählt er. Mittlerweile sind die so zutraulich wie Hunde.

Sicherer Job als Landschaftspfleger

Als herkömmliche landwirtschaftliche Nutztiere bringen sie wenig. Scheren muss man sie nicht, sie werfen die Wolle selber ab. Soay-Schaf schmeckt gut, wie Gams oder Wild. Aber es gibt vielleicht halb so viel Fleisch wie ein normales Schaf. Der Milchertrag? Da winkt Schäfer gleich ab.  

Die Schafe haben ihren Job dennoch sicher – als Unkrautvernichter und Landschaftspfleger. Und als Zeugen einer fernen Vergangenheit, weswegen Soay-Schafe auch in archäologischen Parks gehalten werden, sozusagen als Steinzeit-Darsteller.

Schafe hat er, nun sucht er Weiden

Schäfer besitzt 50 Schafe. „Europas wertvollster Zuchtbestand“, sagt er selbstbewusst. „Das Ziel sind hundert Zuchttiere.“ Dafür braucht er Hilfe. „Ich suche ganzjährig Berg- Tal- und Moor-Weideflächen, um die Soay-Schafe auf unterschiedlichen Standorten zu testen.“ Auch für den Winter sucht er Flecken, mit Unterstand oder Stall.

„Es darf auch eine Wiese sein“, sagt er und erzählt - war noch vor der Corona-Pandemie - die Geschichte von einem Hotel, das bereits Bedarf angemeldet hatte: „Zum Anschauen und zum Kraulen – die Schafe sind da schon Darsteller in der Event-Gastronomie.“

Und wenn ein Wiesenbesitzer nun keinen Kuschelzoo eröffnen möchte? „Der Vorteil für die Grundstücksbesitzer ist die professionelle Pflege der Fläche.“ Es hat eben etwas für sich, wenn man auf die Erfahrung von Jahrtausenden baut.

Eine Wiese oder Weide abzugrasen? Unter dzz-soay@t-online.de kann man sich mit Christian Schäfer in Verbindung setzen.

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