Neubeurer Künstlerin würdigt Corona-Opfer besonders: Für jede Seele ein Schiffchen

Für jeden Verstorbenen fertigt die Neubeurer Künstlerin Siglinde Berndt ein Schiffchen. Aufgestellt werden sie in der Pfarrkirche Allerheiligste Dreifaltigkeit in Altenbeuern.

Weiße Schiffchen aus Papier, die das Schicksal der Corona-Opfer widerspiegeln: Künstlerin Siglinde Berndt aus Neubeuern hat es sich während der Pandemie zur Aufgabe gemacht, jeder verstorbenen Seele im Landkreis Rosenheim ein Schiffchen zu widmen.

Neubeuern – Aufhören werde sie erst, wenn es auch keine Toten mehr gebe, erklärte die Künstlerin gegenüber den OVB Heimatzeitungen. Aktuell sind 181 „Seelenschiffchen“ in der Kirche Allerheiligste Dreifaltigkeit in Altenbeuern ausgestellt.

Überfahrt in eine andere Welt

„Schiffchen begleiten mich schon sehr lange“, sagt die 63-Jährige. Damals, als die Flüchtlingswelle in Deutschland noch nicht so präsent gewesen sei, habe sie 2007 ebenfalls an einem Schiffchen-Projekt gearbeitet. Und auch jetzt, erschien der Künstlerin die Symbolik des Schiffes in der Corona-Krise passend: „Sie stehen für die Überfahrt in eine andere Welt.“

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Die Schiffchen faltet sie aus dem Titelblatt der OVB Heimatzeitungen. Als die erste Person im Landkreis Rosenheim an COVID-19 verstorben sei, habe Berndt damit angefangen, eines der bereits gefalteten Schiffchen weiß zu bemalen – mit einem schwarzen „Trauerrand“ versehen. Von da an wurden es immer mehr weiße „Seelenschiffchen“. Damit wollte Siglinde Berndt der abstrakten Zahl in der Berichterstattung ein Bild entgegensetzen. „So spürt man, dass überall auch ein Schicksal dahintersteckt.“ Von außen seien alle Schiffchen gleich – nur das Innenleben gestaltet sich immer anders. „Wie bei den Menschen auch“, verdeutlicht die 63-Jährige, „ich gebe jedem Menschen seinen Platz.“

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Als die Anzahl ihrer Schiffchen stetig stieg, dachte sich die Künstlerin, dass sie einen geeigneten Platz dafür bräuchte und fragte Pfarrer Christoph Rudolph, ob sie ihre Kunstobjekte in der Kirche Allerheiligste Dreifaltigkeit in Altenbeuern unterbringen dürfte. Laut Siglinde Berndt sei Pfarrer Rudolph von der Idee angetan gewesen und sagte zu.

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„Als die Gottesdienste wieder begonnen haben, dachte ich zunächst, ich müsste wieder alles abbauen“, schildert die Künstlerin. Doch Pfarrer Rudolph habe die kleinen Boote nun an die Seitenaltäre – Richtung Osterkerze – platziert, sodass der Durchgang für die Besucher frei bleibt. Neben den Seelenschiffchen habe die Künstlerin noch ein Heftchen in der Kirche hinterlassen: für Leute, die ihre Gedanken zu dem Thema niederschreiben wollen. „Manche haben auch schon etwas hineingeschrieben“, schildert Berndt.

Nur positive Rückmeldungen

„Wir haben nur positive Rückmeldungen von den Leuten erhalten“, sagt Pfarrer Christoph Rudolph über die Seelenschiffchen. „Ich finde es schön, dass man den Leuten, die an der Pandemie verstorben sind, dadurch wertschätzt.“

Hinter der Zahl der Verstorbenen stehen Menschen, macht der Geistliche deutlich. Und hinter diesen Menschen stehen wiederum Angehörige, Familie und Freunde. „Jeder Mensch ist kostbar.“

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