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400 Jahre Bruderschaft

Vertrauen auf Gott und die Menschen: Neubeuerns Schiffleut feiern Leben und Werk der Altvorderen

1622 schlossen sie sich in einer Bruderschaft zusammen: die Schiffleut von Neubeuern. Wie sie einst Wohlstand ins Inntal brachten und wie hart ihr Leben war.

Bürgermeister Christoph Schneider (li.) und Zweiter Bürgermeister Wolfgang Sattelberger (re.) überreichten den Vereinschefs Juliane Tiefenmooser und Georg Wachinger das Modell eines Schiffs für das Museum.

von Petra Reischl-Zehentbauer

Neubeuern – Einst bescherten sie den Orten am Inn Wohlstand. Heute, in Zeiten des globalen Schwerverkehrs, sind sie fast vergessen: die Schiffleut. Am Sonntag, 22. Mai, erinnerte der historische Marktplatz Neubeuerns eindrucksvoll an das Leben und Wirken der Schiffleut anno dazumal. Die 1622 gegründete Schiffleutbruderschaft Neubeuern würdigte mit einem feierlichen Programm das Erbe ihrer Vorfahren. Und es kamen zahlreiche Ehrengäste, Abordnungen der Bruderschaften aus Nußdorf, Brannenburg und Wasserburg sowie viele Besuchern aus den Inntalgemeinden.

Ein Blickfang mit noch immer gültigem TÜV: Das blaue Schiff wurde 1984 in Neubeuern vom letzten Schiffbaumeister erbaut und kehrte jetzt zum Jubiläum wieder heim. Eine Delegation der Wasserburger Schiffeut besichtigt es am Marktplatz.

Fahnenweihe unter den Linden

Die Vorstandschaft folgte ihrer Vereins-Standarte und den von Kirchenmaler Michael Pertl restaurierten Fahnentüchern der Rosenkranzbruderschaft und des Georgivereins. Pfarrer Christoph Rudolph zelebrierte unter den Linden am Marktbrunnen Festgottesdienst und Fahnenweihe. „Großer Gott, wir loben dich“ spielte die Blaskapelle Neubeuern dazu auf. Beim gemeinsamen Mittagessen rund um die Brunneninsel wechselten die Musiker zu Unterhaltungsmusik.

Georg Hiemer öffnete die Türen der alten Schmiede seines Großvaters Georg Poll.

Traditionsgemäß gab’s die Mass und Halbe mit dunklem Bier. Vereinschefin Juliane Tiefenmooser bedankte sich bei Amtsvorgänger Michael Konrad für seine zwölfjährige unermüdliche Arbeit. „Die Bruderschaft hat ihm sehr viel zu verdanken“, sagte sie. Dazu gehörten das Sammeln und Restaurieren von Zeitzeugnissen.

Der Schirmherr, Bürgermeister Christoph Schneier riet, es den Schiffsleuten nachzumachen: „Nicht nur das Vertrauen zu Gott prägte die Innschiffler, sondern bei jeder Reise, die gemeinsam und erfolgreich bewältigt wurde, baute man auch gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung in die Personen auf, die mit einem auf Reisen gingen.“ Als „Besonderheit in der Rosenheimer Kulturlandschaft“ würdigte Landrat Otto Lederer den 400 Jahre alten Ortsverein. Die Zunft habe zur wirtschaftlichen und kulturellen Blüte beigetragen.

Für Kinder besonders interessant: Seildrehen bei der Seilerei Weiß.

Altbürgermeister Josef Trost moderierte den Festtag und führte seine Gäste zu einer Besichtigungstour entlang der Hausfresken zu Sehenswürdigkeiten, die nur an diesem besonderen Tag sicht- und erlebbar waren. Einen geschätzten Blickfang stellte das sieben Meter lange blaue Boot des letzten Schiffbaumeisters aus Neubeuern, Michael Schmidl, aus dem Jahr 1984 dar. Es hat noch heute TÜV. Zu ihr gesellte sich eine kleinere Mutze, die im Dachgebälk des Plätten-stadls in Altenmarkt ihre Heimstatt fand.

Ein Mann oben, drei Mann unten – so zersägte man in der Schopperstatt früher einen Baumstamm.

Gleich nebenan wurde an einer Schopperwand vorgeführt, wie früher das „Flicken“ der Innschiffe funktionierte. Getrocknetes Moos mit einem keilförmiges Holz in die Ritzen eingeschlagen und mit einer Leiste vernagelt – so hielten die Läden dem Wasserdruck stand. Unterm Hofwirtsbichl stand eine übermannsgroße Vorrichtung mit einer Schiffsbaumsäge, an welcher sich zeigen ließ, wie zeit- und kräfteraubenden der Plankenbau in der Schopperwerkstatt war. Gegenüber drehte die Seilerei Weiß einen Strick, wie er anno dazumal zum Stromaufwärtsziehen der Schiffe verwendet wurde. Die kürzere Version, einen Kälberstrick, fertigten die Kinder zum Mitnehmen mit endlos scheinender Begeisterung. Auch das Plättenschießen mit Preisen beim Gasthaus „Stangenreiter“ zog vor allem Kinder an.

Schmied und Stangenreiter aus Samerberg

Georg Hiemer vermittelte am offenen Feuer einer alten Schmiede das Handwerk, das beim Schiffsbau und dem Hufbeschlag der Rösser zum Einsatz kam. Fünf Rösser mit Stangenreitern aus Samerberg und der Treidelzug aus Nußdorf und Brannenburg mit Rossgeschirr und Lanzen passierten das Markttor, um zu zeigen, wie Mensch, Tier und Handwerk einst zusammenwirken mussten. Auch das Museum Besichtigungen und Führungen an.

Hoch zu Pferd den Inn hinauf: Fünf Samer Rosserer mit dem Stangenreiter voran zogen früher die Plätten stromaufwärts.

Am frühen Abend rollte dann wieder der aktuelle Verkehr durch den Ort. Bis dahin verweilten die Besucher am unteren Marktplatz und genossen mit den Schiffsleuten einen erinnerungswürdigen Festausklang.

Rubriklistenbild: © Reischl-Zehentbauer

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