Die Nacht- und Nebelaktion der Höhenmooser: Mutige Tat rettete Rohrdorfer Glocke

Riskierten im Februar 1942 Kopf und Kragen: Balthasar Unterseher, Franz Kloo, Johann Ranhartstetter und Sebastian Hamberger (von links). Nicht auf dem Bild ist Simon Lechner.

Während des Zweiten Weltkriegs verschwand in Rohrdorf die Apostelglocke über Nacht spurlos. Sie war 1942 von den Machthabern – wie an vielen weiteren Kirchen – vom Turm geholt worden, um eingeschmolzen zu werden. Fünf Höhenmooser haben dies verhindert.

Rohrdorf/Höhenmoos– „Die Geschichte ist ein bisschen in Vergessenheit geraten“, sagt Simon Hausstetter, stellvertretender Leiter des Bauernhausmuseums in Rohrdorf und ab 1. Mai der neue Bürgermeister der Gemeinde. Deswegen sei es für ihn wichtig, dass dieser waghalsigen Tat, die ein wichtiges Zeichen setzt, gedacht wird. Im Stadtarchiv liegt laut Hausstetter eine Filmsequenz über die Rettungsaktion der fünf Höhenmooser, die die Rohrdorfer Glocke vor den Nationalsozialisten retteten. Auch ein Theaterstück sei über die Nacht- und-Nebel-Aktion verfasst worden. Der Schlitten, mit dem die Glocke nachts weggeschafft wurde, steht noch immer im Rohrdorfer Bauernhausmuseum und erinnert an den Mut der Höhenmooser.

Glocke verschwand am Bahnhalt

Das Schicksal der rund 300 Jahre alten Rohrdorfer Apostelglocke war eigentlich schon besiegelt. „Damals sollten viele Kirchenglocken für Rüstungszwecke eingeschmolzen werden“, sagt Hausstetter. Die Glocke war bereits vom Rohrdorfer Kirchturm geholt worden und an der ehemaligen Bahnstation Samerberg im heutigen Ortsteil Wolfspoint zur Abholung per Bahn bereitgestellt, als sie über Nacht verschwand. „Dort sah mein Vater die Glocke und dachte sich, es sei zu schade sie einzuschmelzen“, sagt Georg Balthasar Unterseher aus Höhenmoos. Sein Vater Balthasar Unterseher, Voggenauerbauer in Höhenmoos, hatte die Geschichte oft zu Hause erzählt. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Riederbauern, Sebastian Hamberger, fasste er den Entschluss, das wertvolle Stück zu retten. Freilich brauchte es mehrere Männer, um die schwere Glocke wegzuschaffen. So wurden auch der Schuhmachermeister Johann Ranhartstetter aus Höhenmoos, der Spitalerbauer Simon Lechner aus Osterkam und der Aichnerbauer Franz Kloo aus Aichen in den Plan einbezogen.

Des Nachts zogen sie also los, um mit dem Pferdeschlitten die Glocke zu holen, mussten aber dem ersten Versuch abbrechen, weil ihnen außerhalb des Dorfes ein Mann entgegenkam. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1942 machten sie sich erneut auf den Weg, diesmal mit einem Handschlitten und einem Haselnuss-Stamm. Mit dessen Hilfe hievten sie die Glocke auf den Schlitten. Ihre verschworene Gemeinschaft nannten die Höhenmooser wegen der guten Dienste des Baumstammes den Haselnussverein.

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Zunächst haben die Männer die Apostelglocke nach Höhenmoos gebracht, wo sie aus Zeitgründen im Schnee vergraben wurde. „Mein Vater hat erzählt, wie er die Kinder wegscheuchen musste, die auf dem Schneehaufen Schlittenfahren wollten“, erinnert sich Unterseher. Erst in der darauffolgenden Nacht hätten die fünf Höhenmooser die Glocke neben dem Schuppen des Windschmiedbauern eingegraben. „Die Männer waren im Krieg oder in Gefangenschaft. Mein Vater war zwei Jahre in England gefangen. Alle kamen aber heil wieder zurück nach Hause.“

Höhenmooser riskierten ihr Leben

Für die damalige Zeit war das gesamte Vorhaben ein riskantes Unternehmen. „Davon wussten nur die Fünf, meine Tante Katharina Unterseher und die Frau von Sebastian Hamberger. Alle haben dichtgehalten“, sagt Unterseher. Sogar in der Wirtschaft hätten sie sich nach der Aktion nicht mehr zusammen an einen Tisch gesetzt. „Sonst wären sie erschossen worden.“

Die Jahre vergingen und die Männer wurden in den Krieg eingezogen. Als sie 1946 zurückgekehrt waren, gruben sie die Glocke wieder aus und brachten sie nach nach Rohrdorf zurück. „Dort hängt sie bis heute im Kirchturm“, sagt der Rohrdorfer Pfarrer, Robert Baumgartner. Auch er ist beeindruckt von dem Engagement, das die fünf Höhenmooser für die Nachbargemeinde aufgebracht haben „Es ist ein wichtiges Zeichen. Man ist sich gar nicht bewusst, was sie damals riskiert haben“, sagt Baumgartner. Dem stimmt auch Georg Balthasar Unterseher zu. „Nicht alle standen hinter dem Nationalsozialismus. Die Taten der Nazis waren unverzeihlich.“ Deswegen sei es wichtig, zu zeigen, dass es Widerstand gab.

Geläut zu Ehren der Toten

Den Behörden fiel 1942 das Verschwinden erst nach zwei Wochen auf. „Unter Verdacht standen die Rohrdorfer. Besonders aber der Pfarrer, der vorher erfolglos für die Freigabe der Glocke gekämpft hatte“, sagt Georg Unterseher. Dass Leute aus der Nachbargemeinde dahinterstecken könnten, daran habe die Gestapo, die damals in Rohrdorf ermittelte, wohl nicht gedacht. Aber auch die Rohrdorfer waren ahnungslos. „Die Männer hatten ausgemacht, dass sie die Glocke zurückgeben und ihr Schweigen brechen, sollte der Pfarrer verhaftet werden“, sagt Unterseher. Aber dazu kam es nie. Nach der Rückgabe der Apostelglocke im Jahr 1946 gab der Rohrdorfer Pfarrherr das Versprechen, bei der Heimkehr eines der Männer die Apostelglocke je eine halbe Stunde und bei der Beerdigung eines Mitglieds des Haselnussvereins je eine ganze Stunde lang läuten zu lassen. „Und diese Ehre wurde eingehalten“, berichtet Hausstetter. Letztmals läutete die Glocke für Franz Kloo, der 1989 in Höhenmoos beerdigt wurde. „Ich erinnere mich, als mein Vater beerdigt wurde. Da hat man die Apostelglocke bis nach Höhenmoos gehört“, sagt Georg Balthasar Unterseher.

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