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Sieben Monate nach dem Hochwasser

„Menschen sind wie Gespenster“: Wie Pruttinger Monteure Heizungsbauern im Ahrtal helfen

Sind ins Flutgebiet Ahrtal gefahren, um Monteur Marcus Robrecht (links) zu helfen: (von rechts) Georg Fortner, Hubert Demmel und Michael Weber von der Pruttinger Heizungsfirma Franz Fischer.
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Sind ins Flutgebiet Ahrtal gefahren, um Monteur Marcus Robrecht (links) zu helfen: (von rechts) Georg Fortner, Hubert Demmel und Michael Weber von der Pruttinger Heizungsfirma Franz Fischer.
  • Alexandra Schöne
    VonAlexandra Schöne
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Gut sieben Monate ist es her, dass Starkregen und Wassermassen im Kreis Ahrweiler Brücken wegrissen, Häuser zerstörten, Menschenleben auslöschten. Ins Ahrtal schaut mittlerweile kaum jemand mehr. Doch die Not ist groß. Deshalb sind Pruttinger Heizungsbauer nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gefahren.

Prutting/Bad Neuenahr-Ahrweiler – Als die Wassermassen kommen, am Abend des 14. Juli 2021, ist Marcus Robrecht zuhause. Zu diesem Zeitpunkt regnet es schon seit Stunden. Kurz zuvor war er noch auf der Arbeit. Er ist Geschäftsführer einer Firma für Sanitär, Heizung und Klimatechnik in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Im Firmengebäude deckte er Lichtschächte ab und räumte Maschinen ins Obergeschoss, um sie vor der drohenden Flut zu retten. Am nächsten Tag wird dort das Wasser im Erdgeschoss einen Meter hoch stehen.

Bringt sich in Sicherheit

Als er in der Firma fertig ist, fährt Robrecht wieder nach Hause. Irgendwann im Laufe des Abends bringt er sich mit seiner Familie im oberen Stockwerk seines Hauses in Sicherheit. „Ich dachte die ganze Nacht, das Wasser kann nicht mehr höher steigen. Aber es stieg“, sagt er heute am Telefon.

15 Mitarbeiter gehören zu seiner Firma. Zehn davon waren privat vom Hochwasser betroffen, darunter er selbst. Pause für ihn gab es nach dem Unglück kaum. Die Menschen brauchten ihn. Aus allen Teilen Deutschlands kommen Handwerker, um gemeinsam mit Robrechts Monteuren zu arbeiten. Auch zwei Mitarbeiter der Firma Franz Fischer aus Prutting waren dabei. Einer davon ist Georg Fortner. Mitte Januar war der 28-Jährige eine Woche vor Ort. „Wir wollten nicht Geld spenden, von dem wir nicht wissen, ob es wirklich ankommt“, sagt er. „Sondern direkt anpacken.“

170 Heizungen in sechs Monaten eingebaut

Und Marcus Robrecht kann jede Hilfe gebrauchen. Normalerweise tauschen er und seine Mitarbeiter im Jahr durchschnittlich 40 Heizungen, sagt er. Von Juli bis Weihnachten waren es 170. „Da ist ordentlich Action.“ Allein sei das nicht zu schaffen. Dazu ist er auch noch selbst vom Hochwasser betroffen. „Wir sind am Funktionieren. Viele in der Kundschaft sind umgekommen. Sie wollten noch ihre Autos aus den Tiefgaragen holen, sind dann aber in den Fluten ertrunken“, sagt er. Es klingt nüchtern, doch seine Worte wiegen schwer.

Mit den ortsfremden Monteuren fährt er die Ahr hoch, zeigt ihnen Bad Neuenahr-Ahrweiler. Damit sie das Ausmaß der Katastrophe sehen. Das Bild, das Georg Fortner mit seinen Erzählungen zeichnet, ist erschütternd. Die Kraft der Natur wird besonders deutlich. Kaputte Straßen, weggerissene Brücken und beschädigte Kanalsysteme, leerstehende Geschäfte in den Straßen. Ein Ort „wie eine Geisterstadt“. In Bad Neuenahr-Ahrweiler ist nichts mehr, wie es vorher war. „Und eigentlich ist es total schön dort“, sagt Fortner. „Aber das ist alles weg.“

Notheizungen laufen in der Stadt

Was geblieben ist, sind die Menschen. Die wieder in ihren Häuser wollen, was nicht möglich ist, da viele laut Fortner „Rohbauten“ ähneln. Nachts laufen überall in der Stadt Notheizungen und Stromaggregate, berichtet er. Das Surren sei deutlich zu hören. „Man sieht in den Gesichtern der Menschen, wie fertig sie sind. Wie Gespenster. Die können nicht mehr“, sagt er. Viele hätten Angst, dass eine Katastrophe wie im Juli wieder passiert.

Zerstörte Häuser werden langsam wieder aufgebaut.

Im Hotel hat er während seines Aufenthalts einen Mann kennengelernt, der seine Frau und sein Haus in den Fluten verloren hat. Es sind Schicksale, die ihm nahegehen. Das hört man ihm an. Seine Stimme wird leiser, als er darüber spricht. Fortner ist bei der Freiwilligen Feuerwehr und hat schon einiges gesehen. „Aber man kann sich nicht vorstellen, was da oben los ist“, sagt er während des Gesprächs immer wieder. „Manchmal musste ich mich zusammenreißen, dass ich nicht zu weinen anfange.“

Leute haben Tränen in den Augen

Das, was Marcus Robrecht erzählt, klingt ähnlich. Die seelische Belastung für seine Monteure sei groß. Und was besonders hart sei: Seine Mitarbeiter könnten nicht allen helfen, die fragen. Es sind einfach zu viele. Diejenigen, zu denen sie es schaffen, könnten ihr Glück oft kaum fassen. „Die Leute haben Tränen in den Augen, wenn die Handwerker endlich kommen.“

Die Flut hat Teile der Autobahn weggerissen.

Fortner und sein Kollege sind nicht die einzigen ortsfremden Fachkräfte, die helfen. Er hat in der Stadt Firmen aus Bremen, Hamburg und Oldenburg gesehen. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Er erzählt von einer Hauswand, auf der steht: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Helfer ins Ahrtal“. Eine Anspielung auf die Werbung des Datingportals Parship, aber vor allem ein Zeichen der Solidarität. Wie um zu sagen: Wir lassen euch nicht allein, wir stehen zu euch.

„Alle elf Minuten verliebt sich ein Helfer ins Ahrtal“: Die Hilfsbereitschaft ist immer noch groß.

Im Netz kursieren Bilder von der Hauswand, auf der dieser Spruch steht. Auch T-Shirts, die damit bedruckt sind, gibt es mittlerweile zu kaufen. Mit dem Erlös werden Betriebe beim Wiederaufbau unterstützt, heißt es auf einer Webseite. Fortner ist vor allem begeistert von der Dankbarkeit der Menschen. „So nette, herzliche Leute wie da oben habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“

Häuser wieder bewohnbar machen

Den Schutt und Dreck haben die Helfer in den vergangenen Monaten größtenteils weggeräumt. Jetzt gilt es, die Infrastruktur aufzubauen und die Häuser wieder bewohnbar zu machen. Und dafür, da sind sich Marcus Robrecht und Georg Fortner einig, sind Fachkräfte notwendig. Heizungsbauer, Maurer, Elektriker und Fließenleger.

Bis im Ahrtal alles wieder steht, wird es fünf bis zehn Jahre dauern, schätzt Georg Fortner. „Die Firmen vor Ort können das nie alleine bewältigen“, sagt er. Deshalb war er mit zwei Kollegen diese Woche wieder in Rheinland-Pfalz. Um mitanzupacken.

Hintergründe zur Flutkatastrophe:

Es beginnt zu regnen. Und es hört einfach nicht mehr auf. Als im Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz am Abend des 14. Juli 2021 die ersten Keller volllaufen, fällt schon seit Stunden starker Regen. Die Ahr schwillt kontinuierlich an. Ab 21 Uhr gibt es keine Prognosen vom Messgerät in Altenahr ein, wie Recherchen des SWR zeigen. Der Pegel wurde demnach von den Fluten mitgerissen. Ahrweiler gilt als einer der am stärksten vom Hochwasser 2021 betroffenen Gegenden. Laut dem Redaktionsnetzwerk Deutschland starben dort 134 Menschen. Über die Hälfte der Toten stammte aus der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, die als Zentrum des Ahrtals gilt. Hunderte Häuser wurden weggerissen, Tausende Menschen verloren ihr Hab und Gut.

Reisecenter geschlossen, leerstehende Restaurants – Bad Neuenahr-Ahrweiler ist eine Geisterstadt.

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