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Eine Meisterin des Kleinen und Feinen

Sabine Fordemann verwaltet das Erbe ihrer Künstler-Eltern

Sabine Fordemann mit den Fleißbildchen, die ihre Mutter gemalt hat.
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Sabine Fordemann mit den Fleißbildchen, die ihre Mutter gemalt hat.

In der Sonnenstraße wohnt sie und sonnig ist die Atmosphäre ihres mit Töpferwaren, Statuen, Figuren, Skizzen, Fotos und alten Möbeln angefüllten Hauses. Hier wohnt Sabine Fordemann, die Tochter des Bildhauers Joachim Berthold und der Ziselier-Künstlerin Gisela Berthold-Sames, und hütet deren Nachlass.

Oberaudorf – Wenn sie ihrem Lebensbuch einen Titel gäbe, würde der lauten: „Fad war‘s nie!“ Der 1917 in Eisenach geborene Bildhauer-Vater hatte an den Kölner Werkschulen und an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. Nach dem Krieg suchte er eine Bleibe.

An Oberaudorf Gefallen gefunden

Die Rosenheimer Gegend kannte er durch seinen Vater, den Goldschmied Karl Borromäus Berthold, der in Rosenheim geboren wurde. Also fuhr, wie Sabine Fordemann erzählt, Joachim Berthold mit seiner Frau in der Gegend herum. Oberaudorf gefiel ihm.

Zuerst wohnte das Ehepaar in Niederaudorf bei einer Tante, dann kaufte Joachim Berthold in Oberaudorf an der Sonnenstraße ein Grundstück und baute ein Haus samt Atelier. Dort hat Berthold bis zu seinem Tode 1990 gelebt und gearbeitet.

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In Rosenheim kündet unter anderem das Bronze-Bogenschützenpaar vor der Luitpoldhalle von seiner Kunst. Im Niederaudorfer Waldfriedhof liegen alle Bertholds in einem Grab, dessen Grabmal mit musizierenden Engeln von Gisela Berthold geschmückt ist.

Der Grabstein mit musizierenden Engeln.

Als zweite Tochter ist Sabine Berthold 1953 in Oberaudorf geboren, war Arzthelferin, Töpferin, Fachlehrerin für Handarbeit und Werken und Logopädin und zog mit ihrem Mann beruflich bedingt quer durch Deutschland. Vor zwei Jahren landeten Fordemanns endgültig in Oberaudorf.

„Sie hatte Spinnenfinger“

Eines der wenigen Fotos, von Gisela Berthold.

Das künstlerische Erbe haben die beiden Schwestern geteilt. In den USA hat die ältere Schwester eine Galerie gegründet, die sich dort um das Werk des Vaters kümmert. Das Werk von Gisela Berthold-Sames pflegt vor allem Sabine Fordemann. „Sie hatte als Kind schon angefangen zu basteln“, erzählt sie von ihrer Mutter: „Sie hatte Spinnenfinger. Für meine Puppenstube hatte sie mir Tassen aus Meißner Porzellan gemacht mit Zwiebelmuster: Je winziger, desto besser!“

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Geboren wurde Gisela Sames 1917 bei Wetzlar als Pfarrerstochter. Mit 17 Jahren ging sie auf die Kölner Werkschule, wo sie Joachim Berthold traf. Beide haben zügig geheiratet, bekamen die erste Tochter und landeten eben in Oberaudorf. Joachim Berthold schnitzte, um das Überleben der Familie zu sichern, Pfeifenköpfe.

Pferdchen, lauf Galopp: Ein Fleißbildchen im Detail.

Mit dem Kopfgeld der Währungsreform fingen sie an, das Haus in der Sonnenstraße zu bauen. „Der Vater hat im Atelier gearbeitet, die Mami mit liebevollsten Kleinigkeiten irgendwo im Haus – sie war auch seine Muse“, so die Tochter. „Sie war meist sehr ruhig, aber wenn sie gelacht hat – was nicht ganz so oft war – haben wir einen unglaublichen Spaß gehabt“, erinnert sie sich. „Sie hat, glaube ich, viele Traumata erlebt – und ich glaube auch, dass sie sich heile Welt gemalt hat.“

Gisela Berthold hat geschnitzt und in Ton gearbeitet, Scherenschnitte und Adventskalender gemacht, Weihnachtsengel und Krippenfiguren. „Sie konnte alles – außer Kochen“, lacht Sabine Fordemann.

Die Krippenfiguren von Gisela Berthold.

Die Krippenfiguren verkaufte Gisela Bertold. Die Kunden bekamen Josef, Maria und das Christkind , und jedes Jahr gab’s eine Figur dazu. „Da saß sie von Juli bis Heiligabend um 18 Uhr und hat aus Wachs geknuddelt, Gesichter aus farbigem Wachs mit feinsten Hölzchen aufgelegt. Sie hat erst die Köpfe modelliert und dann in Gips abgegossen, damit sie einen Grundstock hatte.“ Jedes einzelne Gesicht ist ein einzelnes Porträt.

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Um sie anzuziehen, machte sie ein Gerüst aus Kupferdraht, formte mit Watte und Mullbinden die Körperformen und setzte Kopfbüste, Arme und Beine daran, um sie schließlich einzukleiden.

Und im Atelier stehen sie dann, die kostbarst gekleideten Krippenfiguren: ein Melchior mit perlenbesticktem Turban, grünbrokatenener Pluderhose und einem großen Säbel an der Seite, ein Trachtenbub mit dicker Lodenjacke und Gamsbart am Hut, im Arm eine winzige, aber exakt gebaute Tuba, eine Bürgerstochter mit breitrandigem Strohhut und prächtigen Blumenstrauß sowie ein Bub in Latzhose und Stofftierchen im Arm. Gisela Berthold war wahrlich eine Meisterin des Kleinen und Feinen.

Im Cafe „Zeitsprung“ durch Europa

Im Atelier stehen auch ein Wurlitzer und Sessel aus den 50er-Jahren: Seit mehr als 20 Jahren sammelt Sabine Fordemann Gegenstände aus dieser Zeit. Damit baut sie ein komplettes mobiles Café namens „Café Zeitsprung“ und begleitet Ausstellungen in Museen quer durch Europa. Die Besucher können dann im Cocktailsessel am Nierentisch ihren Kaffee trinken

Das Atelier atmet noch die Atmosphäre des Künstlerpaars Berthold.

Im Atelier zeigt Sabine Fordemann auch einen großen Bogen mit Fleißbildchen, die Gisela Berthold Ende der 40er-/Anfang der 50er-Jahre mit Tuschfeder und Temperafarben gemalt hat, immer mit dem Beginn eines Kinderliedes oder Kinderreimes. „Wirkliche kleine Kompositionen“, urteilt Frau Fordemann.

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Die Erzählungen von Julia Fordemann sind vorläufig zu Ende, ihre Projekte noch lange nicht: Fad ist’s ihr nie. Das Werk von Gisela Berthold ist noch nicht ausgeschöpft. Eine Ausstellung wird es irgendwann auch geben.

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