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Ukraine-Hilfe aus dem Chiemgau

Helferkreis für Ternopil: „Eine einzige Bombe kann all unsere Arbeit zerstören“

Katharina Schmid ist erschüttert über die Lage in der Ukraine und sorgt unermüdlich für Unterstützung vom Chiemgau aus. In der Hand hält sie einen Flyer des Helferkreises für die Diözese Ternopil“.
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Katharina Schmid ist erschüttert über die Lage in der Ukraine und sorgt unermüdlich für Unterstützung vom Chiemgau aus. In der Hand hält sie einen Flyer des Helferkreises für die Diözese Ternopil“.
  • VonJohannes Thomae
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Chiemgau/Rohrdorf – Binnen drei Tagen hat der Chiemgauer „Helferkreis für die Diözese Ternopil“ mit Sitz in Rohrdorf eine Hilfslieferung in die Ukraine auf die Beine gestellt. Ein nächster, größerer Transport wird vorbereitet. Was Katharina Schmid, erste Vorsitzende Helferkreises, antreibt.

Wie könnte man die Arbeit des Helferkreises beschreiben?

Katharina Schmid: Was wir machen, war und ist im steten Wandel. Ganz zu Anfang ging es darum, Klosterschwestern in der Ukraine zu helfen, ein Waisenhaus aufzubauen. Das gelang 1996, übrigens auch mit der Unterstützung durch die Weihnachtsaktion der OVB-Heimatzeitungen in jenem Jahr. Danach haben wir uns darum bemüht, dortigen Priesteramtskandidaten ihr Studium zu ermöglichen.

Das Ziel ihrer Hilfe war also die Unterstützung der dortigen griechisch-katholischen Kirche?

Schmid: Nur auf den ersten Blick. Denn die Diözese ist in dieser ländlichen Region, die von Armut und Landflucht geprägt ist, fast der einzige Motor für Innovation, für eine Verbesserung der Lebensumstände durch Eigeninitiative. Wir wollen den Menschen helfen und die dortige Kirche ist dafür der ideale Partner.

Beschreiben Sie das doch etwas näher.

Ukrainische Kindergartenkinder in der Stadt Ternopil. Auch hier unterstützt der Helferkreis.

Schmid: Zum einen geht es um die unmittelbare Verbesserung der Lebensumstände. Pfarrer Wolodymir Firman, übrigens einst einer der jungen Priesteramtsstudenten, die wir unterstützten, hat dort eine Zahnarztpraxis eröffnet, die einzige im Umkreis von 50 Kilometern. Die Räume brachte er im Erdgeschoss eines Klosters unter, die Schwester zogen dafür in den oberen Stock. Den Aufbau dieser Praxis unterstützten wir, tragen noch zu ihrem Unterhalt bei, damit dort auch kostenlose Behandlungen möglich sind, denn eine Krankenversicherung gibt es nicht. Dann helfen wir bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Etwa in einem Betrieb, der die dortige Nationalspeise „Wareniki“ herstellt. Auch Kleinbauern werden geschult. Die Landwirtschaft ist dort seit russischer Zeit in Kolchosen strukturiert.

Wie können diese Bauern überleben?

Schmid: Es sind oft kleine Schritte. Pfarrer Firman hat zum Beispiel das Einsammeln der Milch von den ein, zwei eigenen Kühen, die die Bauern haben, organisiert, er sorgt auch für die Kühlung und den Verkauf in der Stadt. Das bringt eine kleine feste Einnahme, während die Bauern früher einfach Flaschen mit ihrer Milch an die Zäune ihres Anwesens hingen, in der Hoffnung, da einen Käufer zu finden.

Das hört sich recht archaisch an, so wie man sich das alte Russland im Klischee vorstellt, mit Pferdewagen.

Schmid: So ist es in Teilen noch bis heute. Bei unseren Besuchen haben wir Bauern gesehen, die sich auf ihren kleinen Feldern selbst vor den Pflug spannten, kleine Kinder, die die Kuh auf den Bahndämmen weiden ließen. Es sind teilweise immer noch Lebensumstände, die man sich bei uns nicht vorstellen kann. Erst vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie groß der Innovationssprung ist, den die Kirche mit ausgelöst hat. Die Diözese konnte eine Kolchose erwerben, 1200 Hektar Land. Für uns in Deutschland eine riesige Fläche, für ukrainische Verhältnisse eher klein. Dies hilft bei der Selbstversorgung, trägt auch zur Finanzierung der sonstigen Hilfsmaßnahmen bei. Der neue Schweinestall hat eine Photovoltaik- und eine Solaranlage. Geheizt wird mit Pellets. Damit will man unabhängig von russischem Gas und von Atomstrom sein.

Ihre Hilfe also wirklich Hilfe zur Selbsthilfe?

Schmid: Ja, wenn ich auch mit der Formulierung nicht ganz glücklich bin. Da schwingt mir immer noch zu viel „Entwicklungshilfe“ mit. In Wirklichkeit ist es so: Die jungen Leute in der Diözese sprühen geradezu vor Ideen, wie sie ihre Region nach vorne bringen können, und das auch noch nachhaltig, im Einklang mit Klima- und Umweltschutz. Wir helfen Ihnen nur dabei, die eigenen Ideen auch umsetzen zu können.

Und jetzt der Krieg. Lässt Sie das nicht verzweifeln?

Frauen in einem Ternopiler Betrieb, der die Nationalspeise „Wareniki“ herstellt. Der Helferkreis sorgte dort für Arbeitsplätze.

Schmid: Wenn man sich vorstellt, dass all das, was in den 25 Jahren aufgebaut wurde, im Grunde mit einer einzigen Bombe zerstört werden kann, könnte man natürlich nur noch weinen. Aber wir versuchen, es pragmatisch zu sehen. Wir haben uns mit unserer Unterstützung immer an das angepasst, was dort benötigt ist, und das sind jetzt eben Hilfstransporte. Die Lage dort verschlechtert sich schnell, mittlerweile fehlt es an allem, selbst an Wasser. In unserem nächsten Transport werden wir also buchstäblich alles, von haltbaren Nahrungsmitteln über Medikamente und Windeln bis zu Wasserflaschen nach Ternopil schaffen. Wer uns unterstützen will, findet uns auch auf Facebook und auf unserer ganz neu eingerichteten Homepage.

Was wünschen Sie sich im Moment?

Schmid: Dass sich unserem Helferkreis mehr junge Leute anschließen. Vielleicht gibt die derzeitige Situation den Impuls dafür. Denn die Innovation in Ternopil ist ebenfalls jung und zukunftsorientiert. Sie wird, wenn der Krieg einmal zu Ende ist, notwendiger sein denn je und da wäre es wunderbar, wenn sich auch hier junge Leute fänden, die sich engagieren wollen.

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