Ein Kampf zurück ins Leben

Kiefersfelden: Wie die Gemeinde und das Haus Sebastian Suchtkranken zu neuem Lebensmut verhelfen

Das „Haus Sebastian“ in Kiefersfelden verhilft Alkoholabhängigen zurück in ein abstinentes Leben.
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Das „Haus Sebastian“ in Kiefersfelden verhilft Alkoholabhängigen zurück in ein abstinentes Leben.
  • vonFranz Hoffmann
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Trockenen Alkoholikern wieder zurück ins Leben verhelfen – seit zwanzig Jahren arbeiten das Haus Sebastian und die Gemeinde Kiefersfelden eng zusammen, um Suchtpatienten zurück ins Arbeitsleben zu begleiten. Menschen wie Jörg Wendler (53) schöpfen daraus neuen Lebensmut.

Kiefersfelden – Begonnen hat die körperliche und psychische Odyssee des 53-Jährigen mit der Scheidung im Jahr 2000. Damals nahm er eine Arbeit als Maschinist in München an, während seine Frau mit den beiden Kindern zu Hause in Bautzen (Sachsen) blieb. Dieser räumlichen Trennung hielt die Ehe nicht lange stand, es folgten Scheidung, Alleinsein und der unkontrollierte Griff zur Flasche. „Damit begann mein sozialer und beruflicher Abstieg“, erinnert sich Wendler. „Diese plötzliche Einsamkeit habe ich mit übermäßigem Alkoholgenuss bekämpft und da wurde einiges leichter für mich, aber nur vorübergehend.“ Es begann eine soziale Talfahrt mit Ladendiebstählen, Schwarzfahrten und Beschaffungskriminalität, die letztlich zu mehreren Haftstrafen führte. Nach seiner letzten Entlassung im Mai 2019 ging es in die Obdachlosigkeit. „Ich lebte auf der Straße, hatte keine Arbeit, auch kein Geld.“ Und langsam dämmerte Wendler, dass es so nicht weitergehen könne. Eine langjährige Bekannte überzeugte ihn, seine Sucht mit fachlicher Hilfe zu bekämpfen.

Während der dreiwöchigen Entgiftung in einer Fachklinik in München erfuhr Wendler über einen Sozialarbeiter der Einrichtung von den Möglichkeiten einer gezielten Suchttherapie. Und am 27. Oktober 2019 fand er sich über die Sozialen Dienste Oberbayern im „Haus Sebastian“ der Diakonie Rosenheim zu einer Langzeittherapie zur stationären Aufnahme in Kiefersfelden ein. Dort gelang es ihm nach und nach, mithilfe des soziotherapeutischen Rekonvaleszenz-Programms, zumindest teilweise den Weg zurück „ins normale Leben zu finden. Einfach sei das nicht gewesen, sagt er. „Aber mit Hilfe der Fachkräfte der Einrichtung habe ich viel geschafft, ich konnte mir endlich wieder Ziele setzen und für sie auch kämpfen“. Bis auf einen Rückfall, sei Wendler jetzt trocken. Und darauf sei er „unheimlich stolz“.

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Zunächst sei für den 53-Jährigen ein Aufenthalt im Haus Sebastian im Übergangsbereich bis April 2021 vorgesehen. Danach besteht die Möglichkeit, für ein Jahr zu verlängern. Wendler möchte wieder ein selbstständiges Leben ohne Alkohol führen. Dazu absolviert er aktuell ein mehrwöchiges Praktikum bei der Gemeinde Kiefersfelden, wo er im Bauhof nach Bedarf eingesetzt wird. „Das gefällt mir sehr gut und ich würde mich freuen, wenn aus dem Praktikum eine feste Arbeitsstelle würde.“

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Derzeit wird Wendler beim Bauhof eingesetzt. Leiter Engelbert Fuchs sei „zufrieden“ mit seinem Praktikanten. Zum Procedere des Einsatzes verweist Fuchs auf die Zuständigkeit des Hauses Sebastian: „Wir melden dort an, wie viele Arbeitskräfte wir für Einsätze im Bauhof, Wertstoffhof oder dem Freizeitbad Innsola brauchen – und das Haus, mit dem wir in ständigem Kontakt stehen, schickt uns die Praktikanten. Deren Einsatz erfolgt dann nach ihren fachlichen Fähigkeiten und der körperlichen Konstitution.“ Bis zu fünf Arbeitskräfte seien bei der Gemeinde zeitweise im Praktikum. Und Fuchs sei zufrieden: „Nicht immer, aber doch sehr oft gelingt es auch mit unserer Hilfe, die Suchtkranken ins normale Leben zu begleiten.“

Gemeinde profitiert von Zusammenarbeit

Ramona Harrer, seit Januar 2020 Leiterin des Hauses Sebastian, ist „sehr froh“, dass es für die Hausbewohner dieses Angebot gibt: „So können sie sich in der Arbeitserprobung beweisen.“ Dazu gehöre zum Beispiel herauszufinden, wie man Konflikten am Arbeitsplatz löst. Und auch die Wiederaufnahme zwischenmenschlicher Kontakte sei wichtig: „Unsere Bewohner müssen raus aus dem geschützten Umfeld des Hauses und den Fuß nach draußen setzen.“

Für Bürgermeister Hajo Gruber sei diese Kooperation ein „wunderbares Beispiel einer Zusammenarbeit“. Von dieser „symbiotischen Beziehung“ würde auch die Gemeinde Kiefersfelden sehr profitieren.

Infos zum Haus Sebastian:

Das Haus Sebastian ist ein stationäres Angebot für alkoholabhängige Männer und Frauen. Mit ihren rund 30 Mitarbeitern ist die Facheinrichtung in zwei Bereiche unterteilt: den Übergangsbereich und den Langzeitbereich. Im Übergangsbereich stehen 40 Plätze zur Verfügung. Dort verbleiben die Bewohner bis zu zwei Jahren. Im Langzeitbereich mit 20 Plätzen bleiben die Suchtkranken so lange, wie es therapeutisch nötig ist. Aufgeteilt sind die beiden Bereiche in vier Wohngruppen mit jeweils zehn Patienten, wobei jeder für den gesamten Zeitraum des Aufenthalts feste Bezugspersonen hat. Das sind in der Regel Psychologen, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, die sich in den Therapien und Beratungen absprechen und dadurch eine kontinuierliche Behandlung, die rund um die Uhr gewährleistet ist, sicherstellen.

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